erstellt mit easyCMS  
Titel0112

Liebknecht  (Dieter Götze)

Im Februar 1907 erschien im Verlag der Leipziger Volkszeitung eine umfangreiche Schrift des damals 36-jährigen Berliner Rechtsanwalts Karl Liebknecht, die in kurzer Zeit vergriffen war und für viel Aufsehen sorgte: »Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung«. Karl Liebknecht hatte bereits in den Jahren zuvor sowohl auf Parteitagen der SPD als auch als Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und in zahlreichen Artikeln die zügellose Aufrüstung, die das deutsche Kaiserreich betrieb, den volksfeindlichen Charakter des preußisch-deutschen Militarismus bloßgestellt. In »Militarismus und Antimilitarismus« untersuchte er umfassend und kenntnisreich – er selbst hatte 1893/94 bei den Potsdamer Gardepionieren »dienen« müssen – das antihumane Wesen des Militarismus, der »wie ein Bleigewicht« auf dem öffentlichen Leben lag und das gesamte wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben Deutschlands vergiftete. Während im Reiche Kaiser Wilhelms Schule und Kunst, Wissenschaft und öffentliche Hygiene stiefmütterlich behandelt wurden, war – so Liebknecht – das Heer- und Marinebudget 1907 auf 1.300 Millionen Mark angewachsen – ein Zustand, der direkt auf einen Krieg zusteuerte. Die mit umfangreichen statistischen Angaben untermauerte Darstellung charakterisierte den Militarismus als »Erbsünde« des Kapitalismus, »zwar hie und da der Besserung zugänglich«, letztlich aber nur durch das »Fegefeuer des Sozialismus« zu überwinden. Ein Kapitel trug die Überschrift »Säbel- und Flintenrecht gegen Streiks«, in dem anhand zahlreicher Beispiele das brutale Vorgehen der Armee gegen den »inneren Feind« angeprangert wurde.

Schonungslos entlarvte Liebknecht jene Kreise, für die Militarismus und Kriegsvorbereitung profitabel waren: »Das stehende Heer erzeugt eine Kaste von Personen, die sozusagen von Kindesbeinen auf den Krieg dressiert sind, eine privilegierte Konquistadorenkaste, die im Kriege Abenteuer und Beförderung sucht. Hinzu kommen diejenigen Kreise, die im Falle eines Krieges ihr besonderes Schäflein scheren, die Lieferanten von Waffen, Munition, Kriegsschiffen, Pferden ... Beide Gruppen von speziellen Kriegsinteressenten, das heißt von Interessenten am Kriege, an der Kriegsführung selbst – die abenteuerlustige der Offiziere und die vom Kriegserfolg ganz unabhängige der Armeelieferanten –, sitzen, um einen populären Ausdruck zu gebrauchen, dicht an der Spritze. Sie sind versippt mit den höchsten Staatsämtern und besitzen großen Einfluß auf diejenigen Instanzen, die formell über Krieg und Frieden zu entscheiden haben.« Gefährlich wurde Liebknechts Buch für die Herrschenden nicht zuletzt durch den Appell an die Jugend, der militaristischen Propaganda entschiedenen Antimilitarismus entgegenzusetzen, auch innerhalb der kaiserlichen Armee. »Schwächung des Militarismus heißt Förderung der Möglichkeiten friedlich organischer Fortentwicklung«, schrieb Liebknecht an anderer Stelle.

Sein Buch rief die Reaktion sofort auf den Plan. Der preußische Kriegsminister von Einem forderte in einem Brief an den Oberreichsanwalt vom 17. April 1907 Strafverfolgung: »Euerer Hochwohlgeboren übersendet das Kriegsministerium die anliegende Broschüre des Rechtsanwalts Dr. Liebknecht ›Militarismus und Antimilitarismus‹ mit dem Ersuchen ergebenst, die strafrechtliche Verfolgung des Genannten wegen Verbrechens gegen § 86 des Reichs-Strafgesetzbuches gefälligst veranlassen zu wollen.«

Karl Liebknecht jedoch ließ sich nicht einschüchtern. Im April 1907 hielt er über sein Buch eine von jungen Sozialdemokraten begeistert aufgenommene Rede im Leipziger Volkshaus. In Stuttgart sprach er Ende August 1907 auf einer Massenversammlung über »Rechtsstaat und Klassenjustiz«. Auf einem Parteitag der SPD in Essen rechnete er mit den Gegnern des Antimilitarismus in seiner eigenen Partei ab. In dem vom preußischen Kriegsminister verlangten »Hochverratsprozeß« vor dem Leipziger Reichsgericht wurde er schließlich zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt, die er auf der schlesischen Festung Glatz verbüßte. Bereits einen Tag nach Ende des Prozesses beschloß der Parteivorstand der SPD, den Bericht über die Verhandlungen als Massenbroschüre herauszugeben. Tausende Arbeiter verabschiedeten Karl Liebknecht vor Haftantritt auf einer großen Volksversammlung in der Berliner Hasenheide.

Und unter der vielen Post, die er dann in der Glatzer Zelle erhielt, war auch Maxim Gorkis gerade erschienener Roman »Die Mutter«, mit Widmung des Autors.