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Sicherheitswahn und Umnachtung  (Anne Ropers)

Im August 2011 trat in Frankreich ein neues Psychiatriegesetz in Kraft. Es erlaubt nicht nur Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken, sondern auch Behandlungen unter Zwang außerhalb von Krankenhäusern. So werden manche als gefährlich eingestufte Patienten nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie dazu verpflichtet, sich einer ambulanten Behandlung vor allem mit Psychopharmaka zu unterziehen.

Wie kam es zu dem neuen Gesetz? Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hielt im Dezember 2008 eine Rede in einer psychiatrischen Klinik im Süden von Paris. Anlaß war ein Mord, den ein Psychose-Patient verübt hatte; die Medien hatten breit darüber berichtet. Sarkozy betonte, psychisch Kranke könnten gewalttätig werden, seien also gefährlich, sowohl während ihrer Aufenthalte in als auch außerhalb der Krankenhausmauern. Deshalb seien sie zu überwachen, um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen. Damit rechtfertige er eine Reihe von Zwangsmaßnahmen gegen die Patienten. Große finanzielle Mittel wurden seither zur Verfügung gestellt, um psychiatrische Kliniken mit Überwachungskameras und Isolationszellen auszustatten und geschlossene Abteilungen zu schaffen, in die Patienten unter Zwang eingewiesen werden.

So werden psychisch Kranke als »gefährlich« stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Ein riesiger Rückschritt, der an die Zeit der »großen Einsperrung« erinnert, von der Michel Foucault sprach. Die Verrücktheit wurde von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, so Foucault, als reine Unvernunft und Negativität betrachtet, die es von der Gesellschaft zu trennen galt. Zwang war damals in Frankreich gegenüber den psychisch Kranken gang und gäbe; seit 1656 wurden sie zusammen mit Bettlern in Krankenhäusern interniert.

Philippe Pinel, Begründer der französischen Psychiatrie, dem nachgerühmt wird, er habe zur Zeit der Revolution die Geisteskranken von den Ketten befreit, führte die »moralischer Behandlung« ein, eine Vorläuferin der Psychotherapie: Mit mehr oder weniger sanften Mitteln sollte erreicht werden, daß der sogenannte Geisteskranke, durch seinen Rest an Vernunft befähigt wird, einen Dialog mit dem Arzt aufzunehmen. Der Arzt sollte den Wahn des Patienten ernst nehmen und versuchen, eine therapeutische Beziehung herzustellen. Aber bei aller Anerkennung der menschlichen Würde des Patienten kam auch Pinel nicht ganz ohne Zwang aus – kalte Duschen waren damals durchaus geläufig –, und er leitete den Patienten dazu an, sich seiner ärztlichen Macht zu unterwerfen.

Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts wurden unter dem Einfluß der Psychoanalyse neue Behandlungsmöglichkeiten geschaffen. Die Verrücktheit und ihre Symptome, der Wahn und die Halluzinationen, werden seitdem als Versuch des Patienten betrachtet, sich selbst zu heilen. Subjektivität und Diskurs stehen im Mittelpunkt; dort setzt die psychotherapeutische Behandlung an.

Während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis verhungerten viele Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern. Die Psychiater der Nachkriegszeit reagierten auf ihre damaligen Erfahrungen, die sie mit der Situation in den Konzentrationslagern verglichen. Sie widersprachen jeglicher Einsperrung von Menschen, denn Wahnsinn und Verrücktheit seien zutiefst menschlich und subjektiv, sollten also nicht aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden.

Seit den 1960er Jahren wurden neue psychiatrische Einrichtungen außerhalb der Krankenhausmauern geschaffen. Krankenhausaufenthalte werden möglichst vermieden und die Patienten in der Nähe ihres sozialen, familiären und kulturellen Umfeldes behandelt. In jeder großen Stadt entstanden Behandlungsstellen, in denen die psychiatrischen Patienten auf Vertrauensbasis ambulant behandelt werden konnten. Aber wenn Zwang nun wieder zum Behandlungsprinzip wird, nicht mehr nur eine Ausnahme, wie es bei den Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken der Fall war, dann kann kein Vertrauen wachsen, und es mehren sich auch Gewaltreaktionen, seitens der Pfleger und der Patienten. Zudem leiden die psychiatrischen Einrichtungen jetzt unter drastischem Personalmangel. Es wird immer schwieriger, den Patienten, vor allem denen, die unter schwerer Psychose leiden, genug Zeit zu widmen, in ihrem täglichen Leben eine Stütze zu bieten, zum Beispiel durch Hausbesuche, und kreativ für jeden Patienten den richtigen Therapieansatz zu finden. Statt dessen wird bei den Zwangsbehandlungen ein Pflegeplan angewendet, wie ihn das neue Gesetz vorschreibt.

Die therapeutische Behandlung, die Pflege, auf französisch le soin, sind unvereinbar mit Zwang. Das Wort soin bedeutet auch »Sorgfalt«, und prendre soin de quelqu’un »sich um jemanden kümmern« oder »auf jemanden achten«. Die therapeutische Beziehung kann nur durch Vertrauen des Patienten in den Behandelnden (Krankenpfleger, Psychiater oder Psychologe) eingeleitet werden. Und dazu braucht es Zeit. Doch ein gewalttätiger Sicherheitswahn hat das Regiment übernommen.