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Titel115

Eine Nation unter Waffen  (Marc-Thomas Bock)

Fünf Jahre lebte ich in Zentralamerika. Bis zu meiner Rückkehr vor wenigen Tagen nach Deutschland wohnte ich in einem kleinen Haus in den Bergen über Managua, Nicaragua, achthundert Meter westlich der Panamericana, einer nur zweispurigen Fernstraße, deren Teilstück von Panama bis nach Nordmexiko führt. Tag und Nacht quälen sich die Trucks aus El Salvador, Costa Rica oder Guatemala die Serpentinen hinauf. Rollen sie dann nach Managua hinunter, schalten die Fernfahrer in die Motorbremse. Ein ohrenbetäubendes Knattern wie bei einem Maschinengewehr ist die Folge.


Maschinengewehre. Für einen meiner Nachbarn in Managua, Paul, waren sie jahrelang beruflicher Hauptinhalt.


Paul ist 63 Jahre alt, US-Amerikaner, verheiratet mit Gloria, einer Nicaraguanerin. Als junger GI war Paul bei der US Air Force in Westberlin stationiert. Dann, in den 1980er und 1990er Jahren, wechselte er nach Washington in eine von ihm nicht näher bezeichnete Regierungsbehörde. Und schließlich, im Jahre 2002, ging er in das gerade neu gegründete U.S. Department of Homeland Security (Heimatschutzministerium, ein nationaler Sicherheitsdienst) und war dort für Waffenbeschaffung zuständig. »Ich habe mehr Maschinengewehre durch meine Hände gehen sehen als jeder andere«, sagte er, als wir uns vor einiger Zeit vor seinem Haus begegneten. Dann schüttelte er leise seinen mächtigen Kahlkopf mit der am rechten Bügel geflickten Hornbrille. »What a shit.« Vor etwa zehn Jahren hatte Paul dann ein spirituelles Erlebnis, über das er allerdings auch nie genauer sprechen wollte. Seitdem ist er evangelikaler Christ und arbeitet für eine Mission in den Elendsvierteln von Managua.


»Das Waffenproblem der USA«, meinte er bei unserer Begegnung, »ist nicht allein der Waffenbesitz in den Händen von Bürgern. Sowas gibt‘s bei euch in Deutschland ja auch.« Ich wollte gerade dagegenhalten, aber dann fielen mir Erfurt und Winnenden ein. »Also sind es die Waffen an sich und nicht die Menschen?« fragte ich ihn. »In gewisser Weise ja«, meinte Paul und schob seine Brille den Nasenrücken hinauf. Und dann sprudelte es aus ihm heraus: »Nimm doch mal die Unruhen in Ferguson, wo die Cops diesen 19jährigen Jungen erschossen haben. Natürlich einen Farbigen. Mit vier Schüssen. Und hast du mal die Bilder von den Polizisten gesehen, die da eingesetzt waren? Das waren neben der SWAT (US-amerikanisches Pendant zu bundesdeutschen Spezialeinsatzkommandos der Polizei) auch normale Einheiten der State Police. Sie waren ausgerüstet wie die Weltraumkrieger. Die kamen, als der Bürgerzorn gewalttätig war, aber sie blieben, als die Demonstrationen friedlich wurden. Waffenstarrend gegen die eigene Bevölkerung. Wie heißt unser Motto? Eine Nation unter Gott? Das sind wir aber nicht mehr. Wir sind eine Nation unter Waffen.« »Okay«, warf ich ein, »aber Polizei gibt‘s nun mal überall, und unsere ist auch nicht gerade zimperlich.« »Klar«, erwiderte Paul, »aber mal ehrlich: Glaubst du, der normale Cop ist darauf versessen, Teenager zu erschießen? Oder überhaupt jemanden zu töten? Ich sag dir was: Die amerikanische Polizei wird Schritt für Schritt militarisiert. Die Grenzen zwischen Polizei, Nationalgarde und Militär verschwimmen. Und das liegt, na, woran wohl?« »Keine Ahnung«, erwiderte ich, »vielleicht sind eure Polizisten ja doch ein bißchen schneller am Abzug als andere und wollen Soldat spielen?« Paul machte eine wegwerfende Handbewegung. »Quatsch.« »Quatsch.« Das Thema regte ihn auf, ihn, den ich eigentlich eher als Phlegmatiker kennengelernt hatte.


»Ich sag dir was: Früher wurden die SWATs bei Banküberfällen oder Geiselnahmen gerufen. Für solche Einsatzlagen sind die ausgebildet. Was passiert heute? Die rücken etwa fünfzigmal häufiger aus. In allen Bundesstaaten. Und wozu? Nicht, weil es mehr Geiselnahmen oder so gibt. Nein, sie heben zum Beispiel illegale Pokerrunden aus, holen brüllende Ehemänner aus ihren Einfamilienhäusern oder kommen schon mal zu einem Suizidgefährdeten, der auf dem Dach steht. Aber das ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, daß normale Polizisten wie die in Ferguson mit hochspezialisierten Militärwaffen ausgerüstet werden. Und die das mutmaßlich auch gar nicht so toll finden. Glaube mir, ich habe einen Schwager, der ist State Trooper [in etwa: Autobahnpolizist] in Ohio. Gibt‘s in Deutschland vielleicht Autobahnpolizisten mit automatischen Sturmgewehren, Nachtsichtgeräten und gepanzerten Fahrzeugen?« Nein, gab ich kleinlaut zu, bis jetzt hätte ich auf der A 10 noch keine derart ausgerüsteten Wachtmeister gesehen. Aber was nicht sei, könne ja noch werden.


»Siehst du.« Paul lächelte siegessicher. »Bei uns gibt es immer mehr normale Streifenpolizisten, die mit spezieller Militärtechnik ausgerüstet sind. Da gibt es dieses Programm 1033 von der Regierung. Die US-Waffenschmieden stellen die neuesten Modelle ihrer Gewehre, Handfeuerwaffen, taktischen Raketen und Sprengwaffen in so großen Stückzahlen her, daß die über die Welt verteilten Waffenkammern der US-Streitkräfte sich nicht immer durch Kampfeinsätze leeren, aber ihr Inhalt ständig auf den neuesten Stand gebracht wird. Das heißt, hochmodernes Todeszeug wird durch noch moderneres ersetzt. Das Programm 1033 besorgt den Austausch im Auftrag der Waffenindustrie. Dabei landet dann das neueste Scharfschützengewehr als afghanische Altware bei Schwager Kenneth von der Autobahnpolizei in Ohio. Und die Autobahn- oder Staatspolizei, die das Zeug über den Bundesstaat bezieht, drückt ihrerseits ihre alten, sprich technisch immer noch topaktuellen Waffen in den zivilen Gebrauchtwaffenmarkt. Ein Teufelskreis.«


»Also kauft der einfache Bürger bei euch indirekt auch bei den großen Militärwaffenschmieden ein?« fragte ich etwas lahm nach Pauls weiterem Wortschwall. Doch der sah mich nur entgeistert an. »Na, auf welchem Stern lebst du denn? Selbstverständlich. Als ich mir die Bilder von Ferguson im Fernsehen anschaute, hab ich in den Händen von Polizisten Waffentechnik gesehen, die ich jahrelang im Homeland-Security-Bereich als ausschließlich militärisches Kriegsgerät zu kategorisieren hatte. So etwas in den Händen von Cops – das war vor zehn Jahren noch undenkbar. Und was das Schlimmste ist: Die Polizei bekommt das ganze Zeug, aber die Bundesstaaten haben kein Geld für die Ausbildung der Polizisten an diesen Waffen. Das heißt, in manchen Bundesstaaten gehen die Jungs nach Feierabend auf private Schießstände und fummeln an diesen Dingern herum, um überhaupt zu wissen, wie sie dann im Dienst funktionieren. Und gleichzeitig passieren nebenan solche Sachen wie mit dieser Neunjährigen in Arizona, deren Eltern sie zum Geburtstag auch mal mit einer UZI Dauerfeuer schießen lassen wollten. Und die dabei das Magazin in den Kopf ihres Schießtrainers entleert hat.« Stimmt, davon hatte ich auch gelesen. Und daß die US-Amerikaner im Privatbereich ganze Waffenarsenale horten, warum sie dies tun und daß diese Obsession folgerichtig jedes Jahr Massaker zur Folge hat. Doch Paul war noch nicht fertig.


»Unser bewaffnetes Volk gegen unsere militarisierte Polizei. Das ist wie ein Schnellkochtopf, der immer heißer wird und Druck aufbaut. Und daß in Ferguson nicht irgendwelche farbigen Teenager ihre Knarren geholt und auf die Cops geschossen haben, ist allein der Tatsache zu verdanken, daß die Polizei dort gefürchtet, ja sogar verhaßt ist. Und auf Polizistenmord steht bei uns nun mal oft und schnell die Todesstrafe. Aber statt auf Bürgernähe, auf Kommunikation mit der Gemeinde, setzt man behördlicherseits auf waffenstarrende Stille. Das ist nicht gut, gar nicht gut«, sagte Paul, schlug mir auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. In der Tür seines Hauses drehte er sich noch einmal um und rief: »Da hilft nur noch Liebe, Bruder, nur noch Liebe.« Währenddessen winkte mir Gloria aus ihrer Küche zu. Es war Zeit zum Abendessen. »Willst du eine Enchilada?« fragte sie. »Nein danke, Gloria«, gab ich zurück. »Ein andermal gerne.« Und im Hintergrund knatterte wieder irgendein Truck hinunter nach Managua. Nein, entschied ich im Stillen, Maschinengewehre hören sich dann doch noch anders an.