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Titel115

In Gesellschaft der Untoten  (Reinhard Jellen)

Wann immer ich die staatstragende Süddeutsche Zeitung aufblättere, beschleicht mich das Gefühl, mein Hirn werde soeben mit Popcorn gesteinigt.


Immerhin gibt sich das Feuilleton hin und wieder mit interessanten Dingen ab, nur muß man sich dann wundern, wie falsch man selbst bei der Beurteilung einfachster Dinge liegen kann. So gelangt Nicolas Freund in dem Artikel »Sekundentod« über die Freiwillige Selbstkontrolle im Fernsehen zu dem Schluß, daß in der US-amerikanischen Fernsehserie »The Walking Dead« »die existentialistischen Themen im Vordergrund« ständen und in ihr den »philosophischen Fragen nach der Natur des Menschen« nachgegangen würde. Nichts falscher als das, denn hier werden unter den künstlerischen Einschränkungen einer Zombie-Serie die Bedingungen des Staatswesens verhandelt, und es wird dabei offenbar, daß die Natur des Menschen an äußere Voraussetzungen geknüpft ist, welche seinen möglichen Handlungsrahmen auf rigide Art beschränken. Das Thema von »The Walking Dead« ist die Gesellschaft. Der Einzelne könnte in der Welt von »The Walking Dead« keine zwei Wochen existieren.


Die Serie ist eine Verfilmung einer Comic-Reihe von Robert Kirkman und Tony Moore und spielt in einer postapokalyptischen Welt: Der Sheriff Rick Grimes erwacht in einem Krankenhaus aus dem Koma und muß feststellen, daß in der Zwischenzeit Massen von Zombies, also wandelnde Untote, die als Nahrung möglichst frisches Menschenfleisch bevorzugen, das Regiment übernommen haben (beziehungsweise nicht übernommen haben, da die Spezies zu Reflexionen, die über den Bereich des Stammhirns hinausgehen, unfähig ist und sich daher auf das Naheliegende, nämlich das Fressen konzentriert).


Es herrscht das blanke Chaos, und wir sind wieder einmal beim gesellschaftlichen Urzustand, dem Krieg aller gegen alle und dem survival of the fittest angelangt. Durch Zufall stößt Rick auf eine Gruppe Überlebender, der auch seine Frau, sein Sohn und sein bester Freund angehören, deren Anführer er wird und die, stets auf der Flucht vor den untoten Horden, eine Bleibe suchen, aber immer wieder vertrieben werden und entsprechend von vorne beginnen müssen.


Auf ihrer Reise begegnen sie Gruppen anderer Überlebender, an denen sie sich als Gemeinschaft zu bewähren haben. Dabei werden verschiedene Staatsformen durchexerziert: Nach einer ersten demokratischen Phase durchläuft die Gruppe notgedrungen eine Zeit des klassischen Leviathanismus, um nach einer kriegerischen Auseinandersetzung mit einer von einem kriminellen Psychopathen angeführten Bande wieder zu den demokratischen Grundprinzipien zurückzukehren. Der Status wird aber immer wieder durch die Umstände in Frage gestellt.


Gleichwohl lebt der Verband davon, daß die unterschiedlichen Fähigkeiten der Individuen auf sinnvolle Weise miteinander kombiniert werden und die Mitglieder – obwohl es Hierarchien gibt – sich so angemessen wie möglich aufeinander einzustellen versuchen. Die Regierungsform ist hier die des primus inter pares. Die Grundaussage ist deshalb, was die Hauptprotagonisten betrifft, recht optimistisch, hier wird niemand von Rick geopfert oder verloren gegeben. Sogar ein Säugling wird durch die apokalyptischen Zustände geschleppt.


In der furchtbaren neuen Welt gelangen jedoch innerhalb der Gruppe immer wieder kontraproduktive archaische Verhaltensmuster (was etwa Gewalt und die Geschlechterfrage betrifft) zum Vorschein; sie werden aber im Lauf der Serie behoben. Und so machen einige Protagonisten, wie etwa der Arbeiter Daryl oder die Hausfrau Carol, beachtliche Wandlungen durch, die aber ab einem gewissen Punkt wieder zu neuen Konflikten führen können.


Daneben müssen ständig barbarische Entscheidungen getroffen werden, und einige davon sind furchtbarer, als sie selbst unter den gegebenen Bedingungen sein müßten, was aber (zumindest tendenziell) dazu führt, daß die Protagonisten ihr Handeln reflektieren und nicht völlig abstumpfen, obwohl ein genereller Verrohungsprozeß unter den Voraussetzungen unvermeidlich ist. Immer wieder kämpfen die Menschen darum, Menschen zu bleiben, und immer wieder verlieren sie teilweise sogar deswegen, um dann den Kampf wieder von neuem zu beginnen. Religion spielt in dem Dilemma interessanterweise (bislang) keine große Rolle.


In den USA haben über 28 Millionen Zuschauer die jüngste, die inzwischen fünfte Staffel gesehen, was in der jetzigen Krisenzeit wahrscheinlich kein Zufall ist: Guantanamo hat nach wie vor seine Pforten geöffnet, Folterberichte lassen die Wiesen des Vertrauens auf die Regierenden wahrscheinlich auch nicht blühen, Obamas Gesundheitsreform erreicht ausgerechnet die Leute nicht, die von ihr am meisten profitieren sollten, nämlich die sozial Schwächsten, während in God‘s Own Country die Schwarzen nach wie vor ungestraft abgeknallt werden dürfen, die Finanzkrise schwelt und überall die Zeltstädte wachsen.


Die Serie (auch wenn sie vor logischen Fehler strotzt) zeigt den Kampf einer Gruppe, die an humanen und zivilisatorischen Standards festhält, obwohl das in ihrer Situation nichts anderes als ein verzweifelter, positiver Anachronismus ist. Es ist eine als Comic-Verfilmung getarnte Anklage der sozialen Umstände in Amerika, auch wenn man, wie bei fast allen Erzeugnissen amerikanischer Pop-Kultur, nicht weiß, wo genau die Kritik endet und die Apologie beginnt. Und so schleppt sich die Handlung selbst wie ein Zombie dahin, wobei die Protagonisten (wie die Untoten) nicht mehr an das große Endziel glauben, nicht viel mehr kennen als den alltäglichen Kampf ums Überleben und dabei versuchen, selbst keine Zombies zu werden. Dies zeigt »The Walking Dead«, während die amerikanische Gesellschaft auseinanderfällt. Die Serie ist eine Kritik an der Herrschaft des Stammhirns in den Vereinigten Staaten.