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Titel116

Monatsrückblick: Geplatzte Märchen  (Jane Zahn)

Märchen sind etwas Schönes! Und es ist ja auch klar, dass Märchen nicht wirklich wahr sind – zumindest haben wir seit unserer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass keine Fee uns drei Wünsche freigibt, dass keine Hexe uns verzaubern kann und dass es kein »Tischlein-deck-Dich« gibt. Und dass das Schlaraffenland sowieso gar nicht gut für uns wäre, weil es faul und dick macht. Trotzdem – wer möchte schon Märchen missen?


Viele Märchen, die gern für wahr gehalten wurden, sind im vergangenen Jahr geplatzt. Das Märchen, dass unsere Autoindustrie umweltfreundliche, abgasarme Autos produziert, ist in Rauch aufgegangen.


Das Märchen, dass die Griechen nur Herrn Tsipras wählen müssen, um aus den Klauen der Deutschen Bank zu entkommen, hat Herr Schäuble in Fetzen gerissen.


Das Märchen, dass wir hier in Europa, weitab von den Kriegs- und Krisenregionen des Nahen Ostens, in Sicherheit leben könnten, während dort ein Land nach dem anderen zugrunde gerichtet wird, haben Attentäter zerschossen.


Das Märchen, dass die SPD eine linke Partei sei, ist unter Sigmar Gabriel begraben worden, der mit seiner Körperfülle dafür steht, dass diese Partei nie wieder hinten hoch kommt: TTIP wird weiterverhandelt, der Krieg in Syrien wird bejaht – nein, nicht ganz! 28 Bundestagsabgeordnete der SPD stimmten gegen den Einsatz, und weil ich das wichtig und mutig finde, möchte ich sie alle nennen und ihnen danken: Ulrike Bahr, Klaus Barthel, Lothar Binding, Marco Bülow, Ute Finckh-Krämer, Rita Hagl-Kehl, Gabriele Hiller-Ohm, Petra Hinz, Frank Junge, Thomas Jurk, Ralf Kapschak, Cansel Kiziltepe, Steffen-Claudio Lemme, Birgit Malecha-Nissen, Hilde Mattheis, Bettina Müller, Jeannine Pflugradt, Andreas Rimkus, René Röspel, Sarah Ryglewski, Johann Saathoff, Nina Scheer, Matthias Schmidt, Swen Schulz, Ewald Schurer, Sonja Steffen, Rüdiger Veit, Waltraud Wolff – sie haben gezeigt, dass auch in der SPD noch Menschen sind, die Krieg nicht für das richtige Mittel halten, Politik durchzusetzen.


Und wenn Gerda Hasselfeldt, die Allzweckwaffe der CSU, meint: »Das ist kein Kriegseinsatz, sondern ein Signal der Solidarität mit Frankreich«, kann man nur sagen: Ein Freund ist dann solidarisch, wenn er den Freund daran hindert, Dummheiten und Verbrechen zu begehen. Die Bombardierung Syriens rächt nicht die Attentate in Paris, so wie auch die Bombardierung Afghanistans und des Irak keinen Toten des 11. September von New York gerächt, sondern nur neues Leid und neuen Terror erzeugt hat.


Das Märchen, das die Anklage gegen Beate Zschäpe erzählt, dass nämlich der sogenannte NSU nur aus drei Leuten bestand und nicht aus einem mit V-Leuten durchsetzten Netzwerk, das hat Beate Zschäpe mit ihrer schriftlichen Sage nun nachgeplappert. Und selbstverständlich von nichts gewusst und nichts gebilligt. Klar darf sie lügen, was das Zeug hält, dafür ist sie Angeklagte und nicht Zeugin, aber wenn jetzt ihre Märchen als Zeugenaussagen gelten sollen, nur weil sie der Anklage ins Konzept passen, dann ist das Märchen von der unabhängigen, unparteiischen Justiz auch geplatzt.


Ich wünsche allen ein märchenhaftes 2016!