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Titel116

Bemerkungen

Kratzspuren

Weiße Kratzspuren am Himmel.
Kaum sichtbare Metallvögel
zerkratzen die Haut der Erde,
die atmende Hülle.

Harpyien tragen
Bomben im Bauch,
ersticken das Leben
in Feuer und Rauch.

Renate Schoof


Ein Zeitzeugnis aus Schweden
»Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte das glauben.« Mit diesen Sätzen beginnt die Eintragung des 1. September 1939 und das Tagebuch einer damals 31-jährigen Mutter dreier Kinder. Ihr Blick fällt auf das Geschehen aus einem der europäischen Staaten, die während der folgenden mehr als fünf Jahre neutral blieben: Schweden. Als Astrid Lindgren in Stockholm Blatt für Blatt mit Schilderungen von Erlebtem, Gelesenem und Gehörtem, mit Überlegungen und Erwägungen, Hoffnungen und Enttäuschtem füllt, ist die Chronistin weit von jenem Weltruhm entfernt, den sie später als wohl erfolgreichste Kinderbuchautorin des 20. Jahrhunderts erlangte.


Nun, 13 Jahre nach ihrem Tod, hat ein schwedischer Verlag diese Hinterlassenschaft herausgegeben. Die deutsche Übersetzung folgte unmittelbar, angereichert mit einem knappen, eigens für diese Ausgabe geschriebenen Vorwort ihrer Tochter. Lindgrens Tagebuch ist ein Bericht über ihr Leben und das ihrer Freunde und Kollegen in einem Land, das mehr als ein Jahrhundert lang glücklich war, dass auf seinem Territorium kein Krieg tobte, und dessen Bewohner auch von dem ärgsten verschont blieben, der auf dem Kontinent ausgetragen wurde. Nicht, dass die Schweden mit ihm gar nichts zu schaffen gehabt hätten. Menschen aus Nachbarländern flohen nach Schweden, über die Verkehrswege des Landes bewegten sich deutsche Soldaten an die Fronten, aus seinen Erzlagerstätten wurden an Deutschland Rohstoffe, aus seinen Werken weitere kriegsnotwendige Waren geliefert. Die Autorin selbst geht während dieser Jahre einer Beschäftigung nach, die es überhaupt erst durch den Krieg gab: Sie kontrolliert den Inhalt der nach Schweden gelangenden oder es verlassenden Post im Auftrag eines Geheimdienstes, verrichtet mithin eine nicht gerade rühmenswerte Tätigkeit, die sie auch vor ihren Kindern beschweigt. Vom ersten Tag an ist es der Familienalltag, jener der beiden viel beschäftigen Eltern und der nicht durchweg von Wissensbegierde befeuerten Schulkinder, der da notiert wird. Diese Passagen mögen nicht durchweg das Interesse aller Leser wachhalten.


Anders die Auswahl von Kriegsereignissen, die Lindgren schildert und kommentiert und denen sie reichlich Ausschnitte aus der Tagespresse beigibt – freilich nur erwähnt – oder auch ihre Zusammenfassungen von Rundfunknachrichten. Schon auf den ersten Seiten, noch ist es nur die Koalition von Polen, Frankreich und Großbritannien, die sich den Eroberern entgegenstellt, ergreift sie gegen das faschistische Deutschland Partei. Gibt es denn niemanden, fragt sie, der diesen Hitler erschießt? In der Sowjetunion erblickt sie mit Verweis auf die Liquidierung der baltischen Staaten und den Krieg gegen Finnland 1939/40 einen Nutznießer des Krieges. Dieses Russland wünscht sie weit von Schwedens Grenzen. Als es von der Wehrmacht überfallen wird, notiert sie ihre Vorliebe für den Sieg des Deutschen Reiches. Am Ende soll dann jedoch auf irgendeine Weise Großbritannien triumphieren. Eine Eintragung bei Kriegsende, das sie mit ihren Landsleuten ausgiebig feiert, lautet denn auch, dass es womöglich doch der ihr sympathische Winston Churchill sei, der den Krieg gewonnen hat.


Gut: Auf eine Begegnung mit einer Expertin der Analyse jener Widersprüche, welche die erste Hälfte des 20. Jahrhundert bewegten und in den Krieg mündeten, muss sich der Leser des Buches nicht gefasst machen. Doch er trifft auf eine politisch interessierte Zeitzeugin aus dem sogenannten gut situierten Kleinbürgertum, die weiß, wie gut sie und die Ihren in jenen Jahren im Vergleich zu allen Nachbarn leben, und sich fragt, ob man in ihrem Lande eigentlich moralisch lebt.

Kurt Pätzold

Astrid Lindgren: »Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939–1945«, übersetzt von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs, Ullstein, 573 Seiten, 24 €


Leinen los für »Mein Kampf«?
Zum 31. Dezember 2015 sind die Schutzrechte – die wohl im vorliegenden Fall im doppelten Sinne verstanden werden sollten – an Hitlers Machwerk »Mein Kampf« ausgelaufen. Für ihn gilt wie bei anderen Autoren § 64 des deutschen Urheberrechtsgesetzes: 70 Jahre nach ihrem Tod wird das Werk gemeinfrei und kann von jedem ohne Konsequenzen nachgedruckt werden. Ohne Konsequenzen? Das dürfte im Falle von »Mein Kampf« am Ende wohl doch nicht gelten. Was urheberrechtlich möglich ist, kann durchaus aus anderen Gründen wieder untersagt sein. Der Freistaat Bayern, bei dem – von einzelnen vor 1945 verkauften Übersetzungsrechten abgesehen – die Rechte für Hitlers Schmähschrift lagen, hat bisher sorgfältig darüber gewacht, dass sie nicht verletzt wurden.


Mancher meint, die Verbreitung des – wohlgemerkt unkommentierten – »Werkes« unterliege dem Paragraphen 86 des Strafgesetzbuches, der das »Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen« zum Inhalt hat. In dessen Absatz 1 Ziffer 4 ist geregelt, dass derjenige, der Propagandamittel, »die nach ihrem Inhalt dazu bestimmt sind, Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen«, verbreitet, zur Verbreitung herstellt, vorrätig hält oder in Datenspeichern öffentlich zugänglich macht, mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft wird. Problem dabei ist, dass diese Propagandamittel erst nach Inkrafttreten des Grundgesetzes entstanden sein müssen. Das ist hier unzweifelhaft nicht gegeben, da »Mein Kampf« Mitte der 1920er Jahre von Hitler geschrieben wurde und neben seiner Autobiografie auch inhaltlich eine Anleitungsschrift zum Aufbau der NSDAP enthält. Dieser Inhalt konnte sich mithin nicht gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik richten. Trotzdem wird die unkommentierte Verbreitung Strafbarkeit nach sich ziehen. Das ist auch gut und richtig so.


Hitler macht aus seinen antisemitischen Überzeugungen in dem Buch keinen Hehl. Offen ruft er zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung auf, wie er auch gegen die Weltanschauungen des Marxismus und der Sozialdemokratie hetzt. Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit sowie die Forderung nach der Erschließung von »Lebensraum im Osten« stehen im Mittelpunkt. Eine unkommentierte Verbreitung einer Neuauflage des Buches würde also in jedem Fall den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen, weil derjenige den öffentlichen Frieden stört, der »gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt oder Willkürmaßnahmen auffordert oder die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet«, was ausschließlich mit Freiheitsstrafe bestraft wird (§ 130 Absatz 1 Strafgesetzbuch). Einschlägig ist dann der Absatz 2 dieser Vorschrift. Hier wird Freiheitsstrafe oder Geldstrafe für die Verbreitung von Schriften und deren öffentliche Zugänglichmachung mit gleichem inhaltlichen Ziel durch den Gesetzgeber angedroht. Bereits das Herstellen, Beziehen, Liefern, Vorrätighalten, Anbieten genügt, wenn es zu dem selben Zweck erfolgt. Diese zur Erfüllung des Tatbestandes erforderlichen Voraussetzungen sind bei einer unkommentierten Neuherausgabe des Buches in mehrfacher Hinsicht offenkundig erfüllt. Eine solche muss und wird also auf diese Weise verboten bleiben.


Auch wenn Recht und Moral zuweilen auseinanderfallen, dürfte es auch eine Frage der Ethik sein, ob ein solches Buch wieder in einem Schaufenster eines Buchladens in diesem Lande zu sehen ist, dessen »Autor« die Welt in einen barbarischen Krieg mit mehr als 50 Millionen Toten gestürzt hat.

Ralph Dobrawa


Wegradieren ausgeschlossen
Die sechsmonatige Haft ist zur Bewährung ausgesetzt, Revision durch den Verteidiger angekündigt, der Barnimer sogenannte NPD-Politiker Marcel Zech lümmelt trotz Vorstrafen weiter im Kreistag Barnim. Und die Gäste im Spaßbad waren nicht etwa erschrocken oder empört. Was, wenn die ekelhaften Tätowierungen in Zechs Rückenfett wieder mal zu sehen sind? Die Silhouette des Vernichtungslagers Auschwitz und der Schriftzug »Jedem das Seine« lassen sich nicht einfach wegradieren.


Beeindruckend ist schon, wie ein hinlänglich bekannter und aktiver Neofaschist, der wegen Erfüllung des Straftatbestandes Volksverhetzung vor Gericht stand, zu einer eher lächerlichen Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt wurde. Alles nicht so schlimm, der wird sich bewähren, entschlossen blickte er in die auf ihn gerichteten Kameras.


Möglicherweise war den Richtern erinnerlich, dass ein paar Tage bevor Marcel Zech wegen Zeigens der Tätowierung verfolgt wurde, von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam eine Benefiz-auktion »Jedem das Seine, aber Potsdam seine Kirche« abgesagt werden musste. Man wusste plötzlich, dass »Jedem das Seine« – Inschrift am Eingang des KZ Buchenwald – unpassend sein könnte, ausgerechnet für den Wiederaufbau der Kirche Geld zu sammeln, vor der 1933 Reichspräsident Hindenburg den »Führer« hofiert hatte.


Nicht auszuschließen ist, dass die Richter so schnell urteilten, um den Ärger, den die Verwendung des Schriftzuges für Werbezwecke durch Nokia, Tchibo, Rewe, Esso… hervorrief, nicht zu beleben. Wobei: Marcel Zech warb nicht, er provozierte und machte deutlich, welcher Geist in ihm lebt. Entlastend mag gewesen sein, dass Z. 1988 geboren wurde und seine schulische Ausbildung unter freiheitlich-demokratischen Bedingungen genoss. Das Gericht hätte ihm die Behauptung abnehmen müssen, er hätte es nicht besser gewusst.


Spekulativ ist eine andere Gedankenverbindung: Warum sollte einem Glas- und Gebäudereiniger ein Strick gedreht werden, wenn doch Bundeswehrsoldaten, Feldjäger genau, die es seit dem 30. Januar 1956 gibt, den Sinnspruch als Vorbild für ihr Barettabzeichen und interne Verbandsabzeichen nutzen? Die sich in der Tradition der »Kettenhunde« der Wehrmacht befinden, kopierten zu diesem Zweck den preußischen Schwarzen Adlerorden mit der Ordensdevise »Suum cuique« – Jedem das Seine. Fünfzig Jahre hätte daran Anstoß genommen werden können – wenn je gewollt.


Der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger (SPD) erließ kürzlich eine Weisung an die Schulen, die Losung »Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen« zu meiden, weil sie Nazis die Bürgerrechte streitig mache und nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehe. In diesem Verständnis hätte Marcel Zech freigesprochen gehört.

Gerhard Hoffmann


Unsere Zustände
Im Kindergarten: »Wir bilden einen Morgenkreis und sind alle Freunde!« Was kommt wohl dazwischen, dass wir später nie mehr einen Morgenkreis bilden? Das Streben zu gelten.

*

Kinder sagen das, was sie denken, ohne sich zu fragen, ob es ihnen schadet. Sie sind uns damit weit voraus.

*

Kleine Kinder berühren einander. Sie begreifen sich. Wenn wir Erwachsene einander berühren, begreifen wir uns vielleicht noch. Meistens aber wird ein Angreifen daraus.

*

Ab und zu müsste ein Kind in die vielen Reden, die wir uns anhören müssen, hineinrufen: »Aber er hat doch nichts an!«

Wolfgang Eckert


Machtfrage
In der Presse ist immer wieder zu lesen, dass man sich in der SPD Gedanken darüber macht, wer von den Genossen im nächsten Bundestagswahlkampf als Kanzlerkandidat auftritt. Viele sagen, das soll Sigmar Gabriel sein. Aber auch Martin Schulz ist im Gespräch, weil Gabriel zögert. Da gewinnt man den Eindruck, dass die Genossen intensiver darüber nachdenken, mit wem sie den kommenden Wahlkampf verlieren wollen, als wie sie ihn gewinnen können.

Günter Krone


Zwei Knöpfe, viele Schicksale
Der chilenische Regisseur Patricio Guzmán, in den 1970er Jahren berühmt geworden mit seiner Trilogie »Die Schlacht um Chile«, erhielt 2015 bei der Berlinale für »Der Perlmuttknopf« den silbernen Bären für das beste Drehbuch. Der Film läuft jetzt in den Kinos. Es ist ein poetischer, ruhiger Film, der den Menschen mit dem Kosmos, dem Wasser, seinen Ursprüngen verbindet und dabei doch ein politischer Film bleibt.


Zu Beginn: ein heller Quarzblock, in dem ein 3000 Jahre alter Wassertropfen eingeschlossen ist. Aus dem Off berichtet ein Erzähler, seit er die Sterne erforscht habe, begreife er, welche bedeutende Rolle das Wasser auf der Erde spielt. Es folgen Interviews. Da wird einer der letzten 23 Überlebenden des ausgerotteten Volkes der Patagonier vorgestellt, die einst an der Südküste Chiles, in einem unwegsamen Felseninselgewirr lebten. Martin C. Calderon beschreibt, wie er als Zwölfjähriger allein in einem selbstgebauten Paddelboot Kap Horn umschiffte. 10.000 Jahre lebten die Patagonier als Seenomaden in enger Tuchfühlung mit dem Meer, zogen von Insel zu Insel. Weitere ältere Überlebende werden vorgestellt, man lauscht ihrer ausgestorbenen Sprache. Dazu Bilder und Fotos der mit den ersten weißen Siedlern um 1880 beginnenden Vertreibung und Ausrottung. Die Entwicklung wird in den alten Stichen der ersten Begegnungen, dann den frühen Fotos und späteren Filmausschnitten gut eingefangen. Sind die Gesichter der Indigenen zu Beginn noch klar, gut genährt, wach, so sind sie zunehmend von Verelendung, Krankheit, psychischem und körperlichem Verfall gezeichnet. Am Ende der Satz, den Weißen seien sie schließlich wie Monster erschienen. Einer der Ureinwohner wurde einstmals an einen Seemann »verkauft«, für einen Knopf, so dass man ihn Jimmy Button taufte. Dieser Jimmy, erzählt die Stimme aus dem Off, machte durch die Reise in die »Zivilisation« eine tausendjährige Zeitreise in die Zukunft durch, und als man ihn nur ein Jahr später wieder zurück auf seine Inseln brachte, war er ein anderer Mensch geworden, seine Identität gewann er nie mehr zurück. Erst Allende gab den Feuerländern ihr Land und ihre Würde zurück, eine große Befreiungsbewegung überspülte das Land. Doch das durfte nicht zugelassen werden, finanziert von US-Kapital bombte und mordete sich eine brutale Diktatur an die Macht und vollendete den Völkermord derart, dass heute nur noch 23 Nachkommen indigener Patagonier leben.


Und ein zweites Mal taucht im Rahmen der Geschichte, die Guzmán über sein Land erzählt, ein Knopf auf: Filmaufnahmen zeigen, wie Taucher in Chile beginnen, nach den Verschwundenen der Pinochet-Diktatur im Meer zu suchen. Mindestens 1400 Menschen wurden systematisch im Meer versenkt. Guzmán lässt das Verfahren mit einer Puppe nachstellen. Den Leichen wurden Eisenträger auf die Brust geschnallt, bevor sie – mehrfach eingewickelt – von Hubschraubern aus ins Meer abgeworfen wurden. Dieses Vorgehen kam zufällig ans Licht, als eine Frau angeschwemmt wurde, deren Korpus sich offenbar von dem Eisenträger gelöst hatte. Ein Rechtsanwalt erzählt, man habe eruiert, dass sie offenbar noch lebte, als die Täter sie schon im Helikopter hatten, sie war dann erwürgt worden, und in aller Eile misslang offenbar die Verbindung des schweren Eisenträgers mit der Leiche. Nach dem Fund wurde der Meeresboden nach Eisenträgern abgesucht. Und man fand viele von ihnen: von Muscheln überzogen, mit dicken Rostkrusten. Taucher holen die Träger, die einzigen Zeugen der Verschwundenen, aus dem Meer. An einem der Eisenträger ist ein Knopf eingekrustet, er hat sich vom Hemd des Opfers gelöst und mit dem Muschelkalk auf dem Eisen verbunden.


Beide Knöpfe stehen für Unrecht. »Werden immer die Stärkeren siegen?« fragt die Stimme aus dem Off. Guzmán begehrt mit seinem Film dagegen auf. Ein kluger, ein traurig-ermutigender Film über die Geschichte Chiles, wie man sie bisher noch nie gesehen hat.

Anja Röhl

Von Anja Röhl erschien soeben im Verlag Wiljo Heinen das Buch »Granny in New York«, 64 Seiten, 9,50 €. Eine knapp einwöchige Reisereportage. Eine flüchtige, kurze Begegnung mit New York. Und doch eine exakte Beschreibung der Gigantomanie einer Weltmacht, die von sich selbst sagt, es gibt nichts Größeres, Besseres, Gerechteres.


Faltenwelt in der Zukunft
Dass Science-Fiction heute wenig puristisch verstanden wird, ist an einer Anthologie zu sehen, in einem kleinen, vielleicht gar winzigen Thüringer Verlag erschienen. Der Umschlag von »Heimkehr – Thüringen morgen und übermorgen« wird geziert von einem blauen Mittelmeer, aus dem Dom und Severikirche, also Erfurts Stadtmitte, als Insel herausragen. Die zugehörige Geschichte ist so kurz wie bieder: Studentin kehrt nach vier Australien-Jahren zurück, findet die alte Heimat zum Schlechteren verändert, aber gleich hinter dem Erfurter Hauptbahnhof schwappt Wasser – dann wird das Titelbild beschrieben und basta. So brav in Stil und Idee funktioniert also SF heute auch.


Zum Glück stehen eine gute Handvoll andere Texte im Buch. Detlef Köhler erzählt von einer fernen Zivilisation, bei der es keine Individuen mehr gibt, und Nils Wiesner will das Tannhäuser-Motiv wieder beleben: alter Mann folgt offenbar seit Jahrhunderten seinem Idol.


Die beste und mit weit über hundert Seiten längste Geschichte des Bandes hat nur geringe SF-Anteile, ist dafür ein handfester und spannender Krimi, bei dem es um die Vergangenheit des KZ-Lagers Dora bei Nordhausen geht. Dort trieb auch Raketenpionier Wernher von Braun sein Wesen resp. Unwesen. Finklberg, jüdischer Wissenschaftler, sitzt an einer Theorie zur Faltenwelt, einer Zeit-Maschine und wird deshalb von höheren SS-Chargen bevorzugt im Lager behandelt.


Dieser Fama geht heute der freie Journalist Bauer nach und gerät, wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört, in Lebensgefahr, muss sich Nazis und fiesen Chefs stellen und erfährt nebenbei allerlei über richtige und falsche Verfolgte des Naziregimes. Gerd Bedszent hat Figuren und Story erdacht, vom Detektiv-Journalisten Bauer läse man gern mehr.


Wenn die traditionelle Buchproduktion in einer wissenschaftlich-fantastischen Zukunft übrigens etwas besser funktionierte – weniger grellweißes book-on-demand-Papier, weniger Druckfehler, Verzicht auf Malzirkel-Illustrationen – könnten wir der Zukunft ins verheißungsvolle Auge schauen.

Matthias Biskupek

»Heimkehr – Thüringen morgen und übermorgen. Science-Fiction-Erzählungen«, hrsg. von Gerd-Michael Rose, TES und Ringelberg Verlag, 304 Seiten, 14,95 €


Grüne Weihnacht

Dass es zu diesem Weihnachtsfest nicht wintert,/ das haben Weihnachtsmänner eingerührt./ Sie haben Schneemanns weiße Pracht verhindert/ und damit lauthals protestiert.

Sie gehn dahin, wo kleine Kinder wohnen,/ und werden durch die ganze Welt gehetzt./ Doch keiner will sie marktgerecht entlohnen./ Sie werden ökonomisch abgewetzt.

Sie sollen alles kostenlos verschenken./
Wo alle Andern landesweit und breit/ mit Inbrunst an das Geldverdienen denken,/ speist man sie ab mit schnöder Dankbarkeit.

So murren sie und nehmen die Frau Holle,/ dass sie nicht schneien kann, in Geiselhaft/ und fordern somit eine würdevolle/ Weihnachtsmarktwirtschaft.

Günter Krone