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Titel119

Satirischer Ausblick: Europa im Jahr 2019  (Jane Zahn)

Januar: Präsident Macron verhängt das Kriegsrecht. Ausnahmezustand ist ja schon gewesen, die Gelben Westen haben trotzdem die Straßen beherrscht. Jetzt fahren Panzer auf den Champs-Élysées und bringen die Schaufenster-Scheiben der Grande Nation zum Erzittern. Parallel lässt Macron prüfen, ob Warnwesten Plastik enthalten. Dann könnte man sie zusammen mit Wattestäbchen und Trinkhalmen verbieten lassen. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Frankreich heraus.

 

Februar: Der Strom kurdischer Flüchtlinge aus den von der Türkei angegriffenen nordsyrischen Gebieten nimmt zu und überfordert Griechenland als Erstaufnahmeland. Bundeskanzlerin Merkel würde gerne Flüchtlinge aufnehmen, sieht sich aber außerstande, sie mit Flugzeugen von Griechenland aus einzufliegen, weil die Flugzeuge der Bundeswehr nicht funktionsfähig sind. Und der Weg über die Balkanroute ist gesperrt. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Griechenland heraus.

 

März: Europäisch gesonnene Briten fliehen massenweise von der Insel und beantragen Asyl in der EU. In Großbritannien bilden sich Schlangen vor Verkaufsstellen lebenswichtiger Importwaren: vor Tankstellen, Apotheken und Delikatessen-Geschäften. Bürger greifen zur Waffe, um ihre Versorgung zu sichern, die Polizei ist, weil kaputtgespart, nicht fähig, die Lage zu beruhigen. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Großbritannien heraus.

 

April: Die italienische Regierung ruft »April, April!« und nimmt auf Druck der EU-Kommission ihre Wahlversprechen für Rentner und arme Familien zurück. Daraufhin stürmen italienische Rentner das Forum Romanum und köpfen die dort aufgestellten Statuen von Berlusconi, Salvini und Mussolini. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Italien heraus.

 

Mai: Im wunderschönen Monat Mai, wo alle Blümlein prangen …, da haben erstens an jedem Laternenfahl Politiker gehangen – selbstverständlich nur als Plakat! Aufgehängt wird hier niemand bei der Europawahl, also der Wahl zum Europäischen Parlament. Die Wahlbeteiligung unterbietet alles bisher Dagewesene, das stört den EU-Betrieb aber nicht, Nichtwähler werden einfach nicht zur Kenntnis genommen. Gewonnen haben vor allem die Parteien, die die EU abschaffen wollen. Das macht aber nichts, denn die EU ist systemrelevant für das Kapital. Und diese Parteien werden im Ernstfall auch nicht Ernst machen, denn dann fehlt ihnen ja der Angstgegner Nummer zwei nach den Flüchtlingen.

 

Und zweitens ist in Polen das Licht ausgegangen. Die polnische Regierung hat die Lieferverträge für russisches Erdgas gekündigt, die USA haben aber das Fracking-Gas noch nicht liefern können, weil die Transportmöglichkeiten nicht zur Verfügung stehen: Erstmal müssen alle US-Soldaten von ihren Stationierungen abgezogen werden, weil Präsident Donald Trump sich vertwittert hat. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Polen heraus.

 

Juni: In Katalonien und im Baskenland brechen Aufstände gegen die Zentralregierung aus. In Andalusien verweigert die rechte Regierung der angeblich linken Zentralregierung den Gehorsam. Die seit Mai andauernde Hitze von über 50 Grad Celsius und die seit Jahren anhaltende Trockenheit bringen die Bauern auf die Barrikaden. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Spanien heraus.

 

Juli: In Österreich haben die Gewerkschaften gegen das neue Arbeitsgesetz nach langen vergeblichen Verhandlungen den Generalstreik ausgerufen. Das öffentliche Leben liegt lahm. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Österreich heraus.

 

August: Auch in Ungarn wird das neue Arbeitsgesetz von der Bevölkerung nicht akzeptiert. Es gibt Unruhen in den größeren Städten, am Balaton streiken die Angestellten in der Gastronomie. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Ungarn heraus.

 

September: Noch immer ist keine Regierung für Schweden gefunden. Die Funktionsfähigkeit der Behörden ist nicht mehr gewährleistet. Die Bevölkerung ist tief gespalten. Selbst die wiederholte Sichtung russischer U-Boote in den Schären schafft keinen nationalen Zusammenschluss mehr. Inzwischen beherrschen Gangs die Straßen, in den Schulen findet kein Unterricht mehr statt, und nicht nur für Literatur erklären die Nobelpreis-Komitees ihre Arbeitsunfähigkeit. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Schweden heraus.

 

Oktober: An der Grenze zwischen Irland und dem nicht mehr zur EU gehörigen Nordirland kommt es immer öfter zu Konflikten. Die nordirischen Protestanten patrouillieren bewaffnet, um Einfuhren von EU-Waren zu verhindern. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Irland heraus.

 

November: Flamen und Wallonen wollen sich separieren. Die Referenden für einen jeweils eigenen Staat gehen so knapp aus, dass keine Seite der anderen mehr die Ergebnisse glaubt. Flamen und Wallonen beschuldigen sich gegenseitig, ihr Frittenfett und ihre Schokolade zu vergiften, das Klima wird immer aufgeheizter. Das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für Belgien heraus.

 

Dezember: Nachdem die EU-Kommissare sich untereinander nicht einig werden über eine gemeinsame Abwehr der Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise, gibt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Parole aus: »Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden.« Daraufhin lachen sich weltweit alle Regierungen tot. Es gibt überall Neuwahlen, die sogenannten Volksparteien verlieren ihre Völker, und rechte Parteien gewinnen die Wahlen. Da sie untereinander alle verbrüdert sind, gibt es aber keinen Krieg zwischen den Völkern, sondern nur den Krieg der Besitzenden gegen die Besitzlosen – also bleibt alles beim Alten. Nur das Auswärtige Amt gibt eine Reisewarnung für EU-Länder heraus.

 

Da kommt der Vulkanausbruch unter dem Yellowstone-Park dazwischen – der übrigens von mir schon lange sehnlichst erwartet wird –, unterbricht durch seinen gigantischen Staubauswurf alle Satelliten-, Twitter-, Internet- und Flug-Verbindungen auf der Nordhalbkugel, verursacht eine Abkühlung der Atmosphäre um zwei Grad, löst damit das Problem mit dem Klimawandel und lässt die Wirtschaft der Länder der südlichen Hemisphäre aufblühen. Die Erde ist erst mal gerettet, auch wenn keiner der Europäer oder US-Amerikaner etwas davon mitbekommt. Die freuen sich nur, dass Donald Trump nicht mehr twittern kann und keine Tsunami-Nachrichten ihnen den Weihnachtsabend vergällen.

 

Prost Neujahr!