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Titel1008

George Taboris mutige Mutter  (Lothar Kusche)
George Tabori, der spätere Hotel-Praktikant, Reiseleiter, Journalist, Korrespondent ungarischer, englischer und schwedischer Zeitungen in Sofia, Belgrad, Istanbul, Jerusalem, Kairo, Mitarbeiter der BBC und des britischen Geheimdienstes, Autor, Regisseur, wurde 1914 in Budapest geboren. Elsa, seine Mutter, war damals 25 Jahre alt. Eines seiner vielen Bühnenwerke hat der im besten Sinne des Wortes umtriebige und vielseitige Tabori dem Andenken seiner mutigen Mutter gewidmet: »Mutters Courage«. Die klassische Dramaturgie war keine Methode für einen Autor, der Brecht schon in den USA kennen und schätzen gelernt und einige Stücke von ihm zur dortigen Aufführung ins Amerikanische übersetzt hatte. Tabori wollte vor allem Geschichten erzählen, die manchmal teilweise unwahrscheinlich klangen und dennoch der Wahrheit entsprachen. Auch »Mutters Courage« ist ein Stück des epischen Theaters, in dem Sohn und Mutter eine Episode aus finsterer Geschichte nicht ohne Spaß erzählen, mit Mutterwitz.

Die Inszenierung von Torsten Fischer (eine Produktion der Hamburger Kammerspiele in Zusammenarbeit mit dem Renaissance-Theater Berlin) entspricht haargenau dem Wesen der Text-Vorlage und dem Charakter und Temperament des Autors. Fischer kennt den Ernst und die Komik des Lebens, die nicht streng voneinander getrennt sind, sondern ineinander übergehen. Fischer ist kein Spezialist für heiteres oder für trauriges Theater, sondern einer für beides. Man erinnere sich an seine Einstudierungen solcher Erfolge wie »Vita & Virginia«, »Wind in den Pappeln«, »Ich mach ja doch, was ich will« oder »Verdammt lange her«, die alle im Renaissance-Theater vorgestellt wurden.

Der Tabori-Mutti-Report wird vom Sohn so eingeleitet: »Eines Sommertages im Jahr ’44, einem hervorragenden Erntejahr für den Tod, zog meine Mutter ihr gutes Schwarzes mit dem Spitzenkragen an, das sie, wie es sich für eine Dame geziemt, zur wöchentlichen Rommérunde bei ihrer Schwester Martha zu tragen pflegte. Sie setzte auch ihren schwarzen Hut auf und zog die weißen Handschuhe an.«
So harmlos begann es. Aber die Jüdin Elsa Tabori konnte 1944 im Ungarn der Horthy- und Szálasi-Faschisten und ihrer Geheimpolizei kein harmloses Leben mehr führen. Wie sich diese wunderbare Frau Tabori mit Tapferkeit, List und witzigem Einfallsreichtum der mörderischen Gewalt zu entziehen verstand, erzählt der sympathische Schauspieler und souveräne Sprecher Markus Gertken mit den Worten des Mannes, den er als dreißigjährigen Sohn sympathisch darstellt. Gertken hatte den Berlinern schon als Kenneth Snell (in »Verdammt lange her«) verdammt gut gefallen. Seine großartige Partnerin ist Nicole Heesters. Der lockere Dialog, in dem die beiden Akteure mit Worten und Gesten sich und uns die ganze ebenso heitere wie lebensgefährliche Geschichte der Mutter Elsa darbieten, wurde zu einem szenischen Meisterstück – wobei der Sohn übrigens viel mehr zu sagen hat als die Mutter. Im alltäglichen Leben ist das bekanntlich umgekehrt.

Tabori ist 2007 gestorben. Er hätte seine Freude an dieser Aufführung gehabt.