erstellt mit easyCMS  
Titel1008

Biegen und brechen  (Walter Kaufmann)
Nicht wenige aus der großen Zuschauerschar, die am letzten Apriltag in die Berliner Akademie der Künste zum New Yorker Living Theatre gekommen war, um die Europapremiere von Kenneth H. Browns »The Brig« zu erleben, werden sich wie von einem Albtraum verfolgt gefühlt haben – mir ging es so. Da werden junge Männer, die aus welchen Gründen immer im Militärgefängnis gelandet sind, von Feldwebeln oder Oberfeldwebeln derart geknechtet, daß einer der Geplagten den Verstand verliert, sich wie ein Irrer gebärdet und, in eine Zwangsjacke gesteckt, weggetragen wird. Schier unfaßbar, was die jungen Kerle durchzumachen haben – sie werden in aller Frühe aus dem Schlaf geprügelt, in die Waschräume gehetzt, rund um die Uhr angebrüllt, auf die Knie gezwungen, zu Liegestützen verdammt, auf dem Paradeplatz bis zur Erschöpfung umhergejagt, vor weißen Trennungslinien haben sie stramm zu stehen, sie werden zu Spatenarbeit abkommandiert oder zum Schrubben der Fußböden – und können von Glück sagen, wenn ihnen nach all der Plackerei, all den Demütigungen des Nachts ein paar Minuten gegönnt werden, um Briefe zu schreiben. Was sich das Militär da herausnimmt, um junge Soldaten zu brechen, sie für alles und jedes gefügig zu machen, das ist Folter, und die Regisseurin Judith Malina faßt das alles noch einmal im Video zusammen: »Rechts kehrt, links kehrt – tötet rechts, tötet links!« Seit biblischen Zeiten bis heute wurde das so gemacht, meint sie, und so sei das Stück für alle Zeiten aktuell. »Miraculous«, sagte mir Kenneth H. Brown, seit der Uraufführung 1963 sei »The Brig« nicht wieder von den Bühnen der Welt verschwunden – auch nicht von der Bühne der Akademie, wo es 1964 schon einmal gezeigt wurde. Wie auch immer die Besetzung damals war, famos vermutlich, die jetzige ist es gewiß nicht minder. Die sechzehn Darsteller arbeiten präzise, sie bewahren ihre Eigenarten, es sind sehr unterschiedliche Männer, die da zu erleben sind, ob Schinder oder Geschundene, und ihr Zusammenspiel tut Judith Malina Ehre. Das Zustandekommen dieser Europatournee ist der Unermüdlichkeit von Karin Kaper und Dirk Szuszies zu danken.