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Streit um Aljoscha  (Heinz Kersten)
Lange stand Aljoscha im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallin, mit gesenktem Blick, der ein Kind seine Mutter fragen ließ, warum der Mann nie lache. Die rote Farbe, mit der er immer wieder beschmiert wurde, beseitigten die Reinigungskräfte ebenso wie die vor ihm niedergelegten frischen Blumen. Der vom Volksmund Aljoscha getaufte bronzene Rotarmist symbolisierte den Sieg über den Faschismus, für manche Esten aber eher die folgende sowjetische Okkupation, die für einige ihrer Landsleute die Deportation nach Sibirien bedeutete. Am Fuße des Denkmals versammelten sich am Tag des Sieges stets ordensbehangene Kriegsveteranen. Vor zwei Jahren kam es dagegen zu Straßenschlachten, Anlaß zur Verbannung des Ärgernisses an die Peripherie der Stadt.

Der dies alles registrierende Film »Aljoscha« von Meelis Muhu gehörte zum besten, was im Dokumentarfilm-Wettbewerb des 9. Festivals des mittel- und osteuropäischen Films unter dem Motto »go east« in Wiesbaden gezeigt wurde. Ein anderer bezeugte ebenfalls die Gefahren eines sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ausbreitenden Nationalismus in Staaten des einstigen Ostblocks. Joanna Slawinska und Maria Zmarz-Koczanowicz nahmen in ihrer Dokumentation »Kocham Polske« die Organisation »Allpolnische Jugend« ins Visier. Ihre fanatisierten Mitglieder gehen gegen Homosexuelle auf die Straßen, werden in Seminaren auf »wahre Werte« wie Patriotismus, Selbstdisziplin, Unterordnung und »natürliche Familien« eingeschworen und erhalten dafür den Segen der katholischen Kirche. In Wiesbaden verdienten sich die beiden Regisseurinnen den Dokumentarfilmpreis, weil sie nach Meinung der Jury »auf außergewöhnliche Weise die schmerzhaften sozialen Zustände in ihrem Land analysieren«.

Traurige Aktualität erlangte ihre Analyse erst jüngst durch den Skandal um den neuen Chef des Fernsehens. Der von der Kaczynski-Brüdern protegierte erst Dreißigjährige war Mitglied dieser »Allpolnischen Jugend« und soll schon einmal durch den Hitler-Gruß aufgefallen sein, was er allerdings dementierte. Seine Geisteshaltung offenbarte er jedenfalls schon durch die Rücknahme einer Zusage seines Vorgängers, ein Filmprojekt über eine kürzlich verstorbene Polin, die Hunderten jüdischer Kinder das Leben gerettet hat, finanziell zu unterstützen. Bei der Abhängigkeit polnischer Filmemacher vom Fernsehen war das ein böses Omen. Zu hoffen bleibt nur, daß die von einer Initiative vieler Intellektueller, unter ihnen so bekannte Regisseure wie Andrzej Wajda und Agnieszka Holland, erhobene Forderung nach Abberufung des TV-Intendanten Erfolg hat.

Das Spielfilmangebot in Wiesbaden spiegelte zunehmende Vielfalt der osteuropäischen Kinematografien in verschiedensten Genres. So präsentierte der bulgarische Regisseur Javor Gardev in »Zift« einen spektakulären Mix aus film noir, »Pulp Fiction« und Gefängnisdrama, in dem der zeitliche Hintergrund stalinistischer Herrschaft nur mehr oder weniger Staffage bleibt. Die Jury, der unter anderen Jerzy Stuhr und Julia Jentsch angehörten, sah darin ein »besonders couragiertes und originelles Regiedebut«, das sie mit einer lobenden Erwähnung bedachte.

Postsozialistische Wirklichkeit erschien meist in düsteren Farben. Katja Schagalovas »Odnazdy v Provincii« schildert die Tristesse russischer Provinz mit jungen Leuten zwischen Alkohol und Gewalt, im Mittelpunkt ein vom Tschetschenien-Krieg traumatisierter Heimkehrer, der seine Aggressionen in der Ehe auslebt. Vom Trauma seines Einsatzes in Afghanistan ähnlich gezeichnet ist der junge Protagonist in dem usbekischen Film »Utov«(Die Jurte) von Ayub Schahobiddinov, dessen Vater-Sohn-Konflikt sich in einer archaischen Lebensweise vor dem schönen Hintergrund einer weiten einsamen Natur abspielt.

Alexej Balabanov, der im Vorjahr mit »Cargo 200« für Kontroversen sorgte, verfilmte mit seiner jüngsten Arbeit »Morfij« ein nachgelassenes Drehbuch von Sergej Bodrow jr., das sich auf Michail Bulgakovs autobiographische »Aufzeichnungen eines jungen Arztes« (1925) stützte. Der Regisseur zeichnet das Psychogramm eines jungen Mediziners, der im Herbst 1917 seine erste Stelle in einer abgelegenen Gegend antritt, die zuletzt auch von der beginnenden Revolution berührt wird. Immer mehr bekämpft er seine Unsicherheit mit Morphium, gerät in eine Abhängigkeit, aus der es keinen Ausweg gibt. Die gelungene Studie über den Verfall einer Persönlichkeit erhielt den Preis des Auswärtigen Amts »für künstlerische Originalität, die kulturelle Vielfalt schafft«.

Die »Goldene Lilie« für den Besten Film sowie den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik verdiente sich der georgische Regisseur George Ovashvili mit seinem Road-Movie »Gagma Napiri«. Die nachhaltigen Eindrücke aus einem aktuellen Krisengebiet sind nicht zuletzt dem zwölfjährigen Hauptdarsteller Tedo Bekhauri zu verdanken. Aus einem trostlosen Dasein in Tbilissi, wohin das Kind vor sieben Jahren mit seiner Mutter aus dem Bürgerkrieg in Abchasien geflüchtet ist, begibt es sich auf die Suche nach seinem dort verbliebenen Vater, eine Reise mit vielen unterschiedlichen Begegnungen, deren Ausgang offen bleibt. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Der Drehbuchautor Nugzar Shataidze, in Georgien ein bekannter alter Schriftsteller, hat Tedos Vorbild in Tbilissi auf der Straße getroffen und sich seiner angenommen. Nach dem Krieg, der 1992/93 in dem einstigen Urlaubsparadies am Schwarzen Meer Tausenden das Leben kostete, gab es 300.000 Flüchtlinge aus Abchasien, viele Kinder, die in Tbilissi auf der Straße lebten. Ovashvili zeigt die Auswirkungen des Konflikts auf alle Menschen, ohne Partei zu ergreifen. Auf sein nächstes Projekt darf man gespannt sein: »ein psychologisches Drama vor dem Hintergrund des letzten Krieges in Georgien. Es erzählt von einem fünfzehnjährigen Mädchen, einem alten Mann und einem jüngeren russischen Soldaten.«