erstellt mit easyCMS  
Titel1012

Ulrike  (Anja Röhl)

Die Gedanken an Ulrike streifen mich nicht mehr so oft, nur zu bestimmten Anlässen, vor allem am Todestag. Damals, am 9. Mai 1976, brach ich auf meiner Arbeit im Krankenhaus Neukölln, wo ich als Schwesternschülerin arbeitete, zusammen. Das trug mir einen Vermerk in meiner Personalakte ein. Man wollte mich los sein, erfuhr ich später, man sagte, daß man »so etwas« wie mich unmöglich noch länger im Krankenhaus behalten könne. Ich fühlte mich allein am Tag ihres Todes, obgleich ich mit meinen Geschwistern sprach, um ihnen zu sagen, daß ich an sie denke und sofort zu ihnen kommen könne.

Ich mußte später, am nächsten Tag, in Stuttgart zusammen mit W. durch ein Spalier von Fotografenblitzlicht hindurchrasen wie durch einen Kugelhagel, um hakenschlagend, hinten herum, zu einem grauen Haus zu gelangen, wo sie auf dem Rücken lag. Ich brauchte zehn Minuten, um sie an ihren Händen schließlich wiederzuerkennen.

*
Ich habe mich einfach nicht gegen Ulrike beeinflussen lassen, ich war immun dagegen, ich war schon zu alt. Und es reichte, daß ich mich schon gegen meine Mutter hatte beeinflussen lassen, das war leicht gegangen, denn mit meiner Mutter lebte ich den Alltag, und ein nur zu Besuch kommender Vater kann leicht eine Alltagsperson ausstechen. Er braucht dazu kein böses Wort, er braucht nur lustig zu sein, den Kasper zu spielen, Eisbecher auszugeben. Gegen Ulrike kam er nicht so leicht an, gar nicht. Ich machte mir eigene Gedanken. Als ich mit vielleicht neun Jahren das erste Mal gemeine und abschätzige Worte über sie hörte, sagte ich mir in Gedanken vor: »Anja, dazu machst du dir deine eigenen Gedanken!« So entging ich den negativen Einflüsterungen, die ab 1965/66 dauernd um mich waren. Stattdessen beobachtete ich, und später fragte ich sie, und zum Maßstab aller Dinge wurde mir: Nicht das, was jemand über jemanden erzählt, ist richtig, sondern nur, was ich selber sehe und höre. Ihr Verhalten den Zwillingen gegenüber, mir gegenüber, anderen Menschen gegenüber, ich schaute nur darauf und sah, wie freundlich alles war, was sie tat, und wie sie es tat. Und ihre Worte waren niemals laut und unbeherrscht, sondern immer wohlbegründet und klug, gerecht und einleuchtend. Auch weich und milde. Und das half mit, mir eine eigene Meinung von den Sachen zu bilden, von denen die Rede war. Vielleicht sogar für alle Zeiten.

Wenn Eltern in einem Ehestreit wechselseitig das Kind gegeneinander beeinflussen, wird das für das mitfühlende Kind zur Zerreißprobe. Das Kind fühlt sich in beide ein, leidet mit beiden, wütet mit beiden und am Ende empfindet es das alles als gegen sich selbst gerichtet, da es doch beide Streitenden in sich trägt. Ein derart mit sich selbst und seinen Eltern entzweites Gefühl haben alle Trennungs- und Scheidungskinder in sich, wie auch diejenigen, in deren Familien Krieg herrscht, obgleich alle lächelnd an einem Tisch sitzen. Mein Vorteil war der, daß die, gegen die es ging, nicht meine Mutter war. Die war ja schon in einem früheren Kampf gefallen. Ulrike war kein weiterer Elternteil in mir, für den ich mich hätte schämen müssen. Ich mußte sie nicht hassen, um damit vielleicht etwas wieder gutzumachen, nein, diese war fremd, aber mir lieb geworden, eine eigene Person, die mir wundersamerweise Geschwister geschenkt hatte. Sie war mir dadurch sehr nah gekommen. Noch heute habe ich ihre Stimme im Ohr. Schlechtreden gelang hier nicht, denn ich hatte bereits heimlich ein Register mit Millionen von Einzelbeobachtungen in meinem Kopf angelegt, aus denen sich ein eigenes Bild ergab, das Gegenteil von dem, was mein Vater beständig über sie sagte, und dieses Bild war unangreifbar. All dies betraf private Dinge, wie sie in jeder Familie vorkommen, meine Beobachtungen speisten sich aus Wochenendausflügen, Babysitterabenden, Ferienaufenthalten und einem regelmäßigen wöchentlich-nachmittäglichen Besuch in der Familie. Das war viel über die Jahre, und meine Geschwister liebten mich damals sehr, und auch ich liebte sie.

Von dem Zeitpunkt an, als da plötzlich etwas Politisches einbrach, 1970, als ich ihr Bild auf einem Mördersteckbrief abgebildet sah, war ich zunächst starr vor Entsetzen, Angst und Überforderung. Als nächstes dachte ich dann, daß ich meine Geschwister retten müsse, damit sie nicht ins Heim müßten. Und dann, daß sie, Ulrike, überleben solle.

Als das Steckbrieffoto gezeigt wurde und einige Jahre danach das andere, auf dem man sie öffentlich ausgestellt im Polizeigriff hielt und auf die Knie gezwungen hatte, das Kinn hochgezerrt ins Bild, auf dem sie schrie, und als ich las, was man über sie schrieb, was sie gesagt und getan haben sollte, da glaubte ich wieder nicht, was abfällig erzählt wurde, und dachte: Das werde ich alles einmal selber nachprüfen, wenn Zeit dafür da ist, einst, wenn sie irgendwann einmal wieder frei sein wird. Wenn ich sie dann besuche, viele Jahre später vielleicht, dann werden wir zusammen auf dem Sofa sitzen, und sie wird mir erklären können, was da geschehen ist.

Nie hätte ich geglaubt, daß sie sterben würde, bevor es dazu käme.

Ob Mord oder Selbstmord, eines Tages wird es ans Licht kommen, da bin ich sicher. Für beides ist aber in einem Hochsicherheitstrakt der Staat verantwortlich.

Die Autorin ist die Tochter des zeitweilig linken, später scharf rechten Publizisten Klaus Rainer Röhl aus dessen erster Ehe. Er heiratete dann Ulrike Meinhof. Dieser Ehe entstammen zwei weitere Töchter. Red.