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Titel1018

Schläft ein Lied in allen Dingen  (Gerd Puls)

I.

Heimat? Mehr als ein zwiespältiges Gefühl?

Mehr als intakte Städtchen und Dörfer

Die sich nicht abhängen lassen

Mehr als gepflegte Wälder, Bäche, Seen

Und artenreiche Felder?

 

 

Heimat? Ein Fleckchen Erde mit gesunden Tieren

Vogelgezwitscher und glücklichen Menschen

Mit Schützenumzügen und gemütlichen Kneipen

Mit Geselligkeit und guter Nachbarschaft

Nach dem Motto: hier kennt jeder jeden

 

 

Heimat? Eine Ecke zum Wohlfühlen, ein gutes Gefühl

Wo jeder jedem hilft. Hier stehste nicht alleine

Wenn der Dorfpolizist, dein alter Klassenkamerad

Dich locker weiterfahren lässt

Wenn du mal sturzbesoffen bist

 

 

Heimat? Wo sich die Windräder drehn

Schweinemastanstalten, Glyphosat und Gülle

Um die Wette zum Himmel stinken

Küken massenhaft geschreddert werden

Der Priester den Messdiener in die Hose langt

 

 

Heimat? Wo die Osterfeuer qualmen

Die letzte Schule geschlossen wird

Wo sich die Bierleichen stapeln beim Schützenfest

Ein Holzkreuz und frische Blumen, wo der PKW

Mit den jungen Leuten am Alleebaum zerbarst

 

 

Heimat? Ein Städtchen, ein Dorf mit Poststelle

Kita, Doktor, Pastor und einem Aldi vor der Tür

Mit Geselligkeit, Vereinen, einem Fußballfeld

Gegen die Langeweile am Sonntagvormittag

Einer Suhle für jede Sau

 

 

Heimat? Ein brodelnder Sumpf, in dem

Die braune Brühe nach oben schwappt?

Was ist Heimat schon groß? Schlichte Idylle

Herkunft und Erinnerung

Schläft ein Lied in allen Dingen

 

 

II.

Heimat und Heimatverlust

Und immer neue Flüchtlingsströme

Aus immer neuen, immer alten Krisen- und Kriegsgebieten

WeltKriegsZweiFlüchtlingsElend, so lange her

Da ließen sich Heimatgefühle fünfundsiebzig lange Jahre

Wunderbar pflegen und genießen

 

 

Heimat ist dort, wo du dein Geld verdienst

Oder nicht ganz so nüchtern und prosaisch:

Heimat ist dort, wo ich sicher bin und satt werde

Wo meine Liebsten sind

Wo meine Erinnerung

Noch immer lebt

 

 

Heimat ist dort, wo ich die paar Kilometer

Mit dem Schulbus fuhr, an der Ecke die erste Freundin traf

Wo mein Dorf in den Fluten des Stausees versank

Vom Tagebaubagger weggeräumt wurde

Heimat ist dort, wo Bomben und Raketen

Meine Stadt zerstörten und es kein Leben mehr gab

 

 

Heimat, lächerlicher Appell ans kindliche Gemüt

Seht her, wie einzigartig jede Ecke ist

Harmlose, liebevolle kindliche Tröstung

Erinnerungen, die privat sind, privat bleiben

Nunmehr verwaltete Erinnerung von etwas

Das der einzelne sich nicht hat aussuchen können

 

 

Heimat, Heraufbeschwören längst vergangener Zeit?

Beschwichtigung, Verharmlosung, Fahrlässigkeit

Entgegenkommen und Handreichen den ewig Gestrigen?

Heimat, bloß ein Gefühl: glücklich, gemütlich, kleinkariert

Oder unglücklich, kompliziert, bedrückend, zerstörerisch

Wie schön, dass es jetzt ministeriell verwaltet wird