erstellt mit easyCMS  
Titel1018

Ich denke, also schreibe ich  (Harald Kretzschmar)

Diese Zeit halst jedem von uns jeden Tag schwer begreifbare Herausforderungen auf. In einer Situation, in der global eine Umwertung aller Werte angesagt ist, liegt es nahe, bisher sicher geglaubte Positionen zu überdenken. Es wird inzwischen so viel in Frage gestellt. Da wird man doch mal fragen dürfen. Ein naiver Kinderglaube. Denn Stopp – da ist Vorsicht geboten. Hinter jedem Fragezeichen lauert ein Moralgebot und gleichzeitig eine Correctness-Ansage. Jeder Einzelne soll sich ändern, ja. Möglichst passgerecht einfügen. Aber die Verhältnisse gelten als unveränderbar. Gläubige sprechen von gottgegeben. Ungläubige von unumgänglichen Zwängen.

 

Mitmenschen gehen bereitwillig in der digitalen Sphäre von Smartphone und Facebook auf. Das Fortschrittsdenken ist auf den Begriff Wachstum reduziert. Chancen wachsen angeblich unermesslich. Erkenntnisse und Möglichkeiten wachsen mit. Wissen, gespeichert in einem riesigen Pool, wird unfassbarer. Bildung hatte immer mit elementarer Anschauung zu tun. Nun mutiert sie zur Manipulierbarkeit. Der gebildete Mensch wird zum ausführenden Organ von Apparaten. Solcherart Apparatschiks sind Zeigefingermenschen. Körperlich wesentlich eingeschränkt. Der Mensch ist nur zum Tippen da. Ununterbrochen huschen seine flinken Fingerkuppen über zuckende Flächen. Da enorm lernfähig, passt er sich an und ein.

 

In manchen Schulen läuft bereits der Versuch, auf das Erlernen der Schreibschrift zu verzichten. Der Mensch soll plötzlich aufhören zu schreiben. Wohlgemerkt, den Stift oder Federhalter oder Kugelschreiber zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und Buchstaben formen und verbinden. Bis eine flüssige flexible Handschrift daraus wird. Zugegeben, für ein Kind ist der Anfang mühsam. Aber der Erfolg stärkt das Selbstbewusstsein erheblich. Die geschriebene Schrift wird etwas ganz Persönliches – zusätzlich zum selbstverständlichen Beherrschen einer Tastatur. Sie ist als elementares Menschenrecht Ausdruck des alphabetisierten Menschen. Allein mit seiner Unterschrift kann er seine Identität beweisen.

 

Wir vernehmen, der zukünftige Mensch unterscheide sich von dem bisherigen erheblich. Vergessen ist, wie dramatisch gerade ein ganzes Gesellschaftssystem daran kollabierte, dass es den neuen Menschen hervorbringen wollte. Es wird längst am nagelneu aus dem Ei gepellten Homunculus gebastelt. Bindend verfügt wird die absolute Geschlechtergleichheit. Heterotraditionell, homosexualisiert oder genderisiert dreiteilig lieferbar. Das Phantom der westlichen Wertegemeinschaft kulminiert. Es präzisiert »Du sollst twittern« zum absoluten Gebot, sich digitalisieren zu lassen. Und fast alle machen bereitwillig mit. Der Mensch in seiner Eigenschaft als einzelnes Individuum, sieht er da noch durch? Enorm vermehrt, tritt er als Teil einer Masse auf. Genannt das Volk. Das wird in Wahlen als Stimmvieh benötigt. Man gibt seine Meinung als Stimme ab und sieht sie nie wieder.

 

Kein Wahlvolk wird jedoch gefragt, wenn ganze Lebensbereiche kommerzialisiert werden. Allein für die Erzeugung verzehrbaren Fleisches hat die Population des gewöhnlichen Rindviehs weltweit enorm zugenommen. Dem Tier wird das Naturwesen ausgetrieben. Der Mensch opfert seine Seele auf dem Altar des Konsums. Simpel strukturierter Kuhverstand überträgt sich in Windeseile auf Menschen, die nur noch konsumieren. Heilige Kühe gelten nun nicht nur auf dem indischen Kontinent als unberührbar. Alles, was auf neue Fortschritte in der Digitalisierung hindeutet, wird sofort heiliggesprochen. Unantastbar. Zur Anbetung freigegeben. Die Diktatur des industriellen Fortschritts kennt kein menschliches Gebot. Konkurrierende künstliche Intelligenz wird als Drohpotential ins Rennen geschickt. Die Kultfigur des Roboters wird als Jobkiller trainiert.

 

Natürliche Vorgänge werden künstlich verändert. Kunstdünger etwa tötet Lebensräume ab. Kunstdünger. Welch perverse Sprachregelung. Seit dem Wort Kunsthonig ist Kunst sowieso nicht mehr das Synonym für die emotionale Schöpferleistung des Menschen. Ganze Genres künstlerischer Tätigkeit, die einmal unsere unmittelbare Umgebung prägten, verschwinden sowieso. Verdummende Werbung macht die geistreiche überflüssig. Sangbares wird zum Geschrei. Spielbares albern. Die Bildkunst, als klassische Moderne einstmals auf dem phantastischen Trip einzigartiger Abstraktion, weicht mehrheitlich platter Abbildnerei. Wer kaum noch Schriftzeichen eigenwillig zu variieren weiß, zeichnet nicht mehr intuitiv. Er äfft das Foto nach. Der Siegeszug des Fotografismus wirft die Zeichenkunst aus dem Rennen. An vielen Kunsthochschulen wird sie schon nicht mehr gelehrt.

 

Der Trieb zum Zeichnen ist jedoch elementar. Siehe die Faszination fürs Tätowieren. Die Fläche der eigenen durchpulsten menschlichen Haut für das Experiment der Anbringung eines Tattoos zur Verfügung zu stellen, dazu gehört ein gewisser Wagemut. Oder ist es einfach bloß so etwas wie eine ansteckende Mode? Nein, da siegt die instinktive Offenheit für die Magie des Zeichens und des Gezeichneten. Symbole und Metaphern werden populär. Leider wird, gemessen an der Dauerhaftigkeit der nicht korrigierbaren Anbringung oft großflächiger Darstellungen, dabei wenig auf künstlerische Qualität Wert gelegt. Der Ritus anonym vorgegebener Chiffren schafft eine Bildwelt, mit der er sich identifiziert – der Mensch, der meint, selbstschöpferisch sich selbst zu steigern. Und in Wahrheit ist er doch manipuliert.

 

Graffiti waren der letzte bildkünstlerische Aufschrei einer ausgeprägt eigenen Jugendkultur. Spießbürgerlich verfemt, polizeilich verfolgt und kunstmarktmäßig ignoriert, blieben sie eine hoffnungslos unterprivilegierte Subkultur. Die Bildphantasie der Akteure und Aktricen wurde in einer perfekt kanonisierten Konstruktion von Buchstaben-Chiffren diszipliniert. Die sich im Internet ausbreitende Fäkalsprache fand ihre Entsprechung im Unflat wüster Schmierereien. Tragisch war der Ansatz zu einer jungen oppositionellen Kunstrichtung im öffentlichen Raum völlig aus dem Ruder gelaufen. Groteskes Pendant: Den Alten geht es nicht besser. Ihre Friedhöfe werden bald abgeräumt, weil Grabdenkmäler dem herrschenden Spartrend des Zeitgeistes zuwiderlaufen. Ihrer Asche genügt das kunstlos gebuddelte Urnenloch. Und weg ist das Erinnern an eine Person, die eine Persönlichkeit sein konnte.

 

Das Unvermögen, die Mentalität des Ostens zu begreifen, mündete in seine Herabwürdigung. Der Umgang mit seiner Kunst und Wissenschaft war extrem politisch determiniert. Er konnte nichts anderes als tiefe Wunden hinterlassen. Das immer noch übliche Abqualifizieren mit Schlagworten legt jede menschliche Regung lahm. Häme und Hass werden salonfähig. Eine lediglich in Gut und Böse geteilte Geschichtsschreibung geht am tatsächlich viel widerspruchsvolleren Leben von Menschen vorbei. Das menschliche Gedächtnis speichert individuell völlig Verschiedenes. Ein gleichlautend verordnetes Gedenken ignoriert das. Kein Wunder, wenn so verunsicherte Menschen politisch nicht mehr berechenbar sind. Schlimm genug, wenn die Pegida-Demo dann als Ausweg erscheint. Unter der Regie hergelaufener Ganoven Unsinn herausschreien – zu diesem Ergebnis einer Wandlung kann man nur gratulieren …

 

Hat da etwa jemand gerufen: Wacht auf, Verdummte dieser Erde!?