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Titel1018

Bemerkungen

Unsere Zustände

Einmal muss Schluss sein mit den Schuldzuweisungen für die Kriegstaten unserer Väter, Großväter und Urgroßväter. Aber um die Erinnerung daran zu betäuben, sollten nicht einmal alle Narkoseärzte der ganzen Welt ausreichen.

 

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Wer nie an Gott zweifelt, der ist nicht gläubig.

 

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Die einstigen Eroberer kamen mit Pferden und Wagen. Die heutigen Eroberer kommen mit Reisebussen.

 

Wolfgang Eckert

 

 

Ein guter Leseort

An einem dunklen Novembertag des Jahres 2016 treffen sich Roman Pliske, Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlages, und der Theatermann und Autor Alexander Suckel wie so oft im Café Ludwig zum Absacker. Beide kennen sich schon lange, wie denn überhaupt im überschaubaren Halle (Saale) jeder jeden kennt, der oder die »irgendwas mit Kultur« zu tun hat. Die Wege sind hier kurz und der Mut zu Neuem ist nicht allzu groß. Pliske und Suckel wollen ein Projekt verwirklichen, das Projekt heißt »Literaturhaus Halle«. Aber die berühmt berüchtigten Wasserglas-Lesungen mit fünf bis zehn Gästen gibt es natürlich schon, so also nicht. Anders, gewagter, größer irgendwie, denn Literatur braucht Raum und viele Partner.

 

Das alte Kunstforum der Saalesparkasse in einer Gründerzeitvilla steht leer, das wäre ein guter Leseort ... Nur, wie soll das gehen? Bernd Wiegand, Oberbürgermeister der Stadt und ein Literaturbegeisterter, macht mit und wird schnell konkret. Das Literaturhaus gewinnt in wenigen Monaten Kontur. Die Universität, die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt, der Mitteldeutsche Rundfunk, die Nationale Akademie Leopoldina, die Franckeschen Stiftungen und viele andere werden ins Boot geholt und – selbstverständlich – muss ein Verein gegründet werden.

 

Anfang März 2018 soll es an den Start gehen, und das gelingt. Die Kommune fördert das Vorhaben im ersten Jahr mit 60.000 Euro, die Saalesparkasse sieht die Chance zur Imagepflege und gibt Geld, fordert aber vom Verein Miete.

 

Das Eröffnungswochenende vom 2. bis 4. März bietet viel: Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse lesen, Judith Herrmann und der Lyriker Jan Wagner sind dabei. Es gibt eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche, die Akademie der Künste stellt aus. Mehr als 1200 Leute besuchen an diesen drei Tagen 16 Veranstaltungsformate.

 

Heute ist Alltag in die Stadtvilla eingezogen, stiller ist es nicht geworden. Zur Buchpremiere des neuen Lyrikbandes »Gotische Knoten« von Wilhelm Bartsch kommen 100 Zuhörerinnen und Zuhörer. OB Wiegand moderiert die Reihe »Bernd, Buch & Bürger«, zunächst mit Reiner Calmund und Barbara Sichtermann; eine kuriose Reihenfolge, die aber funktioniert. Am 9. Juni liest der Leipziger Lyriker Andreas Reimann. Die Zusammenarbeit mit dem Haus des Buches in Leipzig ist fruchtbar; man nimmt sich weder Publikum noch Autoren weg. Das ist auf dem Literaturmarkt der Eitelkeiten selten.

 

Alexander Suckel ist optimistisch, dass das Interesse am Literaturhaus anhalten wird: »Das hier ist die schönste aller Welten.« Im Treppenaufgang gibt es eine Pinnwand, an die jeder seine Eindrücke heften kann. Auf einem Zettel steht: »Will jemand das Bonbon mit mir teilen?«, auf einem anderen: »Glücklich? Glücklich!«                      

Klaus Pankow

 

 

www.literaturhaus-halle.de

 

 

 

Sammeln macht Spaß

Man will es einfach nicht glauben …, aber wissenschaftlich gesehen ist der Sammler ein Mensch, der Dinge aufbewahrt, die eigentlich nutzlos sind. Doch »Sammeln macht Spaß und vertreibt die Langeweile!« – so jedenfalls heißt ein altes Sprichwort. Und was wird nicht alles gesammelt: Briefmarken, Bierdeckel, Autogramme, Sportwimpel, Ansichtskarten, Stofftiere, Oldtimer, Münzen, Etiketten von Weinflaschen, Figuren aus den Ü-Eiern, Kaffeetassen, Kronkorken, Geschenkpapier, Korkenzieher …

 

Es gibt wohl nichts, das nicht Objekt irgendeiner Sammelleidenschaft ist, egal wie banal oder kurios der Sammelgegenstand ist. Andere wiederum sammeln nach dem Prinzip »Alles, was man irgendwann und irgendwie noch einmal gebrauchen könnte«, und so werden Keller und Dachboden zum Ersatzteillager. Dinge zu horten ist ein uralter Instinkt. Bereits als Dreikäsehoch kann man alles gebrauchen, und so stopft man sich mit Steinen, Muscheln und Scherben die Hosentaschen voll.

 

Man sollte also annehmen: Sammler sind glückliche Menschen, denn Sammeln bedeutet, Zeit und Erinnerungen festzuhalten. Wenn aber das Sammelfieber dazu verleitet, alles haben zu wollen, dann wird der Sammler zum Anhäufer, der nur noch kauft und hortet. Also in der Beschränkung auf das Wesentliche liegt das wahre Sammlerglück. Es ist ja auch ein absoluter Quatsch, alles besitzen zu wollen. Da hilft meist nur ein eiserner Grundsatz: Für jeden Gegenstand, den man neu erwirbt, muss man einen anderen weggeben. Letztendlich gehört zum Sammeln auch Tauschen.

 

Manfred Orlick

 

 

Sammel-Nachschlag

Ein Ossietzky-Leser aus Berlin möchte seine Weltbühnen-Sammlung abgeben. Sie umfasst etwa 97 Prozent aller Hefte zwischen 1965 und 1993 (erste Jahrgänge unvollständig). Bedingung: Selbstabholung. Interessenten melden sich bitte unter redaktion@ossietzky.net.

 

Derweil sucht die Redaktion Ossietzky noch Weltbühne-Hefte aus den Jahren 1952 bis 1956.                                    

 

Red.

 

 

Verfassungsfeinde

In Ulrich Sanders Artikel »Vier angebliche Verfassungsfeinde« (Ossietzky 8/2018) wird auf den Text »Verbrauchtes und Heimatliches«, gleichfalls von Ulrich Sander, verwiesen. Dieser Beitrag stand jedoch nicht im Heft 3/2018, sondern in Nummer 6/2018.                                          

 

Red.

 

 

Du liebe Hühnerkastanie

Im Untertitel dieses Buches heißt es: »Auf den Spuren von Jurek Beckers Postkartenphilosophie«. Stolz präsentierten die »Bücherkinder« auf der Leipziger Buchmesse ihr Werk und lasen Texte vor über diese einzigartige Rettungsaktion für die Postkarte im Zeitalter der allgewaltigen, alles beherrschenden Medien.

 

Jurek Becker (1937–1997) verlebte seine Kindheit im Ghetto von Łódź und in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch »Jakob der Lügner«, das erfolgreich verfilmt wurde, und die Fernsehserie »Liebling Kreuzberg«. Er sammelte alte, vorwiegend humorvolle Postkarten, die er seinen Söhnen gab mit der Aufforderung, etwas darüber zu schreiben und sie zu verschicken.

 

Diese Idee griff der Kunstpädagoge Armin Schubert aus Brandenburg an der Havel auf. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte er die dortige Jugendkunstschule »Sonnensegel« gegründet und sie über zwei Jahrzehnte geleitet. Die Arbeit mit den Kindern – nun mit seinen »Bücherkindern« von der Evangelischen Grundschule am Dom zu Brandenburg – macht ihn nach wie vor glücklich. Die Kinder bekamen eine Postkarte und sollten dazu einen humorvollen Text oder eine kleine Erzählung schreiben, die zum Lachen anregt. Welche Freude, wenn auf diese an Familienmitglieder oder Personen des öffentlichen Lebens gerichteten Sendungen eine Antwort kam. Und die kamen unter anderem von Frank-Walter Steinmeier, Friedrich Schorlemmer und von den Malern Angela Hampel und Roland Paris. Der damalige Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck bekam eine Postkarte, auf der die »Apokalyptischen Reiter (nach Albrecht Dürer)« abgebildet waren; Staeck versah die vier Unheilsbringer nun mit den Namen Amazon, Apple, Google und Facebook und traf damit Plagen der heutigen Zeit.

 

Jurek Beckers Witwe Christine arbeitet mit den Kindern zusammen. Ihr fiel auf, dass sich durch die Postkarten-aktion das Schriftbild der Kinder verbesserte (Wer schreibt heute schon noch per Hand?) und dass ihr Ideenreichtum und ihre Erzähllust wuchsen. Armin Schubert philosophiert mit den »Bücherkindern«; er denkt mit ihnen zum Beispiel über Glück, Langeweile, Mut, Zeit, Neugier nach und liest ihnen Texte von Jurek Becker vor, der sieben Bücher schrieb – die Sieben ist eine Glückszahl.

 

Jurek Becker war auch ein heiterer Worterfinder und spielte mit der Sprache. Zu diesen Erfindungen fertigten die Kinder mit dem Kursleiter Dietmar Block Farbholzschnitte an. So entstanden zum Beispiel die Hühnerkastanie, die Piratenschrippe oder der Krokodilfrosch. Verständlich, dass das Kindern und Kursleitern immer wieder Spaß macht. Welches Glück, so mit Kindern zu arbeiten, Freude zu haben und sie zu fördern! Die Arbeit gibt einen wunderbaren Einblick in die Denkweisen intelligenter Kinder, die durch extreme Nutzung von Smartphone, Tablet und anderen Segnungen der modernen Zivilisation noch nicht verdorben sind. Bleibt zu wünschen, dass das für ihr späteres Leben Früchte trägt.

 

Bisher gab es schon Projekte über den Berliner Maler, Illustrator und Karikaturisten Theodor Hosemann, die Schriftstellerin Christa Wolf, den wunderbaren Werner Klemke, über Neruda/Theodorakis, HAP Grieshaber, über Ghandi, Fühmann, Tschingis Aitmatow und andere. Christine Becker berichtete in der Zeitschrift Marginalien der Pirckheimer-Gesellschaft darüber. Die Gesellschaft unterstützt Armin Schuberts Arbeit. Nun brennt er wieder für ein neues Projekt. Angeregt hat ihn eine Ausstellung in der Ladengalerie der Zeitung junge Welt mit dem Titel »Arno Mohr – Frühe Druckgrafiken«, die noch bis zum 12. Juni in der Torstraße 6, Berlin-Mitte zu sehen ist (Mo bis Do 11 bis 18 Uhr Fr 10 bis 14 Uhr). Das Buch-Projekt soll den Titel tragen »Arno Mohr von hinten oder Nichts geht verloren«. Jetzt sucht der von dieser Idee besessene Armin Schubert Finanzierungsmöglichkeiten und war schon bei zwei brandenburgischen Ministerien vorstellig. Ich wünsche ihm Gelingen und Glück für diese wunderbare Sache und hoffe, dass das Projekt Schule macht.

 

Maria Michel

 

 

Im Grips macht‘s Anton klar

Das vor einiger Zeit angelaufene Grips-Stück von Milena Baisch »Anton macht‘s klar« ist ein großer Wurf. Es geht um »Haben« oder »Sein«: Erwachsene lernen, Kinder zu verstehen, und Kinder lernen, die Welt der Erwachsenen kritisch zu sehen – eine Welt, die Kindern Konsumgüter als Statussymbole aufdrängt, Verhaltensweisen anerzieht, in denen einer der Feind des anderen ist, wo Konkurrenz und Angeberei die Szene beherrschen, wo »Haben« alles bedeutet.

 

In der 4. Klasse, in die Anton geht, ist es Mode, dass man Heelys trägt, Turnschuhe mit einem unter der Sohle anzubringendem Rad. Mit diesen Schuhen zu laufen und zu fahren ist eine spannende Herausforderung. Antons Freunde haben solche Schuhe, nur Anton nicht, da seine Eltern, gerade andere Sorgen haben. Er verrät das aber nicht, sondern verabredet sich mit einem anderen Jungen zu einem Wettlauf mit den rollenden Schuhen. Durch die Lüge in die Enge getrieben, kommt eins zum anderen, Anton lügt weiter, er klaut Geld, er fälscht Geld und jubelt der Kioskbesitzerin einen kopierten 50-Euro-Schein unter.

 

Da begegnet ihm in Gestalt des Handwerkerfreundes seiner Eltern ein Erwachsener, der ihm einen Rat gibt, der sein Leben verändert: Es komme nicht darauf an, mehr zu haben, es komme darauf an, mehr zu sein. Wer man ist, wie man ist, wie man sich in bestimmten Situationen bewährt, zum Beispiel indem man anderen hilft. All das, was man zu haben anstrebe, verliere rasch seinen Reiz, sobald man es besitzt. Aber all das, was man aus sich selbst mache, was man hinzufüge, um zu sein, zu werden, zu wachsen und sich zu entwickeln, das könne einem keiner nehmen.

 

Das Anliegen klingt sehr theoretisch, wird aber handlungsintensiv und praktisch umgesetzt. Keineswegs moralisierend, immer nachvollziehbar und einfühlsam – mit einer hervorragenden Besetzung, in gut verdichteter Dramaturgie, spannend, mit fetziger Live-Musik. Schon nach den ersten Akkorden klatschen die Kinder, später tanzen sie auf den Bänken mit. Altmeister Volker Ludwig hat für das Stück neun eingängige Grips-Lieder geschrieben.

 

Das Stück ist für Kinder und Erwachsene bestens geeignet. Erkenntniszuwachs und Freude sind garantiert. Das Thema ist ein Kernthema des Kapitalismus, die Auseinandersetzung damit aktuell. Jeden Tag werden Kinder zu Konsumjunkies erzogen und das bei schwindender Kaufkraft von immer mehr Menschen. Dieser Widerspruch treibt Kinder geradezu in kriminelle Handlungen hinein. Wie sie dazu Alternativen finden können, eine andere Perspektive, eine andere Weltsicht, all das zeigt »Anton macht‘s klar«, sehr empfehlenswert!                     

 

Anja Röhl

 

 

 

Notizen aus Spanien

Madrids Regionalpräsidentin Cristina Cifuentes stolpert über einen Ladendiebstahl, der Jahre zurückliegt, und muss zurücktreten. Der 53-jährigen konservativen Politikerin, eine wichtige Stütze des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, wird außerdem Betrug beim Erwerb ihres Mastergrads in Rechtswissenschaften vorgeworfen. Seit Monaten steht sie deswegen im Kreuzfeuer der Kritik. Die Universität Rey Juan Carlos bestätigte die Unregelmäßigkeit. Auf ihrer Website löschte Cifuentes inzwischen den Hinweis auf einen Universitätsabschluss.

 

Es war die konservative Tageszeitung El Mundo, die den Diebstahl der Kosmetika aus dem Jahr 2011 bekanntmachte. El Mundo ist seit langem Vorreiter beim Aufdecken von Korruptionsaffären der Partido Popular (PP). Vom Diebstahl gibt es Videoaufnahmen einer Überwachungskamera. Der kurze tonlose Streifen zeigt Cifuentes in einem Raum des Supermarkts, wie sie vor einem Sicherheitsmann den Inhalt ihrer Tasche auspackt: zwei Dosen Hautcreme. Cristina Cifuentes hatte den Diebstahl sofort gestanden und vor Ort eine Strafe gezahlt. Wegen der Geringfügigkeit gab es kein Strafverfahren. So kam die Sache nicht an die Öffentlichkeit. Cifuentes war zu dieser Zeit bereits Vizepräsidentin des Madrider Regionalparlaments.

 

Mit dem Bekanntwerden des Diebstahls ist ihre politische Karriere am Ende. Für den Ministerpräsidenten ist es ein Rückschlag, Cifuentes gehörte zum Reformflügel der PP. In innerparteilichen Machtkämpfen hatte sie sich gegen Altfranquisten wie Nationalkatholiken stets durchgesetzt.

 

Nach ihrem Rücktritt Ende April zeigt sich Cristina Cifuentes weiter uneinsichtig und erklärte, ihr Handeln wie ihr ganzes Leben sei nun infrage gestellt, sie sei das Opfer einer Lynchjustiz.

 

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Die spanische Policía Nacional möchte ihren bundesdeutschen Kollegen, die am 25. März Carles Puigdemont verhafteten, einen Orden verleihen. Doch dazu wird es wegen des Widerstands der Kieler Landesregierung nicht kommen. Regierungssprecher Peter Höver sagte in einer Pressekonferenz: »Die Landesregierung hat nicht die Absicht, spanischen Behörden die Namen der an der Festnahme von Herrn Puigdemont beteiligten Polizisten zu übermitteln. Die eingesetzten Kollegen der Landespolizei haben aufgrund eines europäischen Haftbefehls gehandelt und damit nichts als ihren Job gemacht.«

 

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Unter dem Namen Societat Civil Catalana (SCC; zu Deutsch: Katalanische Zivilgesellschaft) hat sich ein Bündnis aus rechten Kräften gebildet, mit dabei die Partido Popular. Die SCC ist die Bürgerbewegung der schweigenden Mehrheit in Katalonien, die mit »Viva España« eine feste Verbindung von Katalonien zu Spanien und Europa anstrebt. Aber die Bewegung hat sich mit der neuen spanischen Rechten und den versprengten Resten des vergangenen Franco-Regimes vereint.

 

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Auf einer Tagung von Junts per Catalunya (JuntsxCat) am 4. Mai in Berlin wurde für den Wahltermin am 14. Mai als Kandidat für das Amt des Regionalpräsidenten Carles Puigdemont vereinbart. Ein neues Wahlgesetz, vor wenigen Tagen vom katalanischen Parlament verabschiedet, sah vor, dass auch nicht anwesende Kandidaten gewählt werden können. Kurz darauf stoppte das spanische Verfassungsgericht die geplante Wahl Puigdemonts. Auf Antrag der Regierung in Madrid wurde das Gesetz ausgesetzt. Seit der Wahl vom 11. Dezember sind bereits vier Versuche zur neuen Regierungsbildung gescheitert, da sich die Kandidaten jeweils entweder im Exil befanden oder in Untersuchungshaft saßen. Daraufhin zog Carles Puigdemont am 9. Mai seine Kandidatur zurück und schlug den Abgeordneten Quim Torra als Nachfolger vor. Der 1962 in Planes, Girona, Geborene ist Rechtsanwalt und Schriftsteller und arbeitet seit zwanzig Jahren in der Wirtschaft, davon auch zwei Jahre in der Schweiz. Am 14. Mai (nach Ossietzky-Redaktionsschluss) soll die Wahl stattfinden. Wird jedoch bis zum 22. Mai kein Regionalpräsident für Katalonien gewählt, kommt es im Juli zu Neuwahlen.                    

 

Karl-H. Walloch

 

 

 

Politik-Zirkus

»Wenn Lachen die beste Medizin ist, dann ist ein guter Clown der beste Arzt.« Folglich erwiesen sich Dagmar Jaeger, Rüdiger Rudolph und Sebastian Wirnitzer als vorzügliche Mediziner. Sie hielten das Publikum bei Laune. Im »Zirkus Angela«, wie sich das 147. Distel-Programm nennt, das am 4. Mai Premiere hatte, stiegen die Lachsalven von Anfang bis zum Schluss hoch unters (Zirkus-) Dach, man erlebte die drolligste Mimik, Akrobatik wie in einer Manege, Spott, Witz und Satire im schnellen Wechsel. Und als das Duo Rudolph-Wirnitzer sich in ein Duo Obama-Trump verwandelte, wirbelten Absurditäten ins Auditorium, die weit eher aus einem Zirkus zu stammen schienen als aus der Welt der Politik: Trump der Clown und Obama der enttäuschende Hoffnungsträger! Die Spiellaune der drei Kabarettisten offenbarte sich in der Art wie sie von Szene zu Szene rasant die Farben (will sagen: Kostüme und Spielart) wechselten, wie sie bremsten und beschleunigten, dem Affen Zucker und den vielschichtigen, sehr unterschiedlichen Texten ihres Nummernprogramms einen Pfiff gaben, der begeisterte. Kurzum: In der Regie von Dominik Paetzholdt und auf der Grundlage des gewitzten, klug abgestimmten Ablaufs eines Buches von Jens Neutag war ein Kabarett vom feinsten zu erleben.              

 

Walter Kaufmann

 

 

 

Elmar Altvater

Mit großer Bestürzung erfuhr ich vom Tode meines Doktorvaters und Freundes. Mit Elmar Altvater verliert die Linke einen ihrer profiliertesten Vertreter mit anerkannt wissenschaftlichem Format. Altvater befasste sich gründlich und kritisch mit zahlreichen strukturellen und aktuellen Themen des Kapitalismus, spürte Entwicklungen auf und analysiert sie. Er erkannte die Abkoppelung des Finanzsektors von der Realwirtschaft und beschreibt sie. In den letzten Jahrzehnten befasste er sich auch mit der ökologischen Krise und stellte viele nützliche Ideen dazu zur Diskussion.

 

Elmar Altvater war als Vortragender ein Ausnahmetalent, er redete fast immer druckreif und war beinahe pausenlos produktiv. Mit zahlreichen Büchern und hunderten Bei- und Vorträgen bereicherte er wissenschaftliche und politische Debatten zum Kapitalismus und zu dessen Überwindung. Angesichts seiner ungeheuren Leistungen war es beinahe vernachlässigbar, dass Altvater Kritik an seinen Beiträgen nicht immer mit Freude begegnet ist.

 

Er war ein solidarischer Mensch und schwieg nicht zu Ungerechtigkeiten in der Welt und in seinem Umfeld.

 

Altvater war Mitbegründer des wissenschaftlichen attac-Beirats, trug dessen Stellungnahmen mit, erstellte einige kritische Expertisen zur Globalisierung oder beteiligte sich an deren Erarbeitung. Mit Altvaters Tod verlieren der wissenschaftliche Beirat und die internationale Linke einen schwer ersetzbaren Marxisten und Wegbreiter der emanzipatorischen Perspektive der Gegenwart.

 

Mohssen Massarrat

 

 

Für das Ossietzky-Themenheft »Mein Kapital« (17/2017) schrieb Elmar Altvater den Beitrag »Ohne Kohle im Bett mit Marx«.