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Titel1115

Weltverbesserung mit einem Klick?  (Carsten Schmitt)

Wie schön wäre es doch, wenn die polizeilichen Freunde und Helfer mittels Big Data an einem Tatort einträfen, noch bevor eine Straftat überhaupt begangen werden kann, und Justiz und Gefängnisse infolgedessen überflüssig würden, wenn Hinterzimmerpolitik aufgrund umfassender Transparenz der Vergangenheit angehörte oder wenn Körperfunktionen sich durch winzige Sensoren permanent kontrollieren ließen, um ein langes, sorgenfreies und gesundes Leben zu gewährleisten. – Wäre das wirklich schön?


In einer umfangreichen Kampfschrift gegen die Heilsversprechen der digitalen Weltverbesserer, verfaßt von dem weißrussisch-amerikanischen Publizisten Evgeny Morozov, fällt die Antwort eindeutig aus: Nein, schön wäre das alles nicht. Denn der Preis für solch eine »smarte neue Welt« wäre der totale Überwachungsstaat, der abweichendes, nonkonformes Verhalten, Innovationen und Kreativität schon im Keim zu ersticken drohte. »Das Internet«, das kann man bei Morozov lernen, hat eine zutiefst konservative »Rückseite«, denn verhaltensnormierend wirken aus der Vergangenheit ermittelte Daten, wahrscheinlichkeitsmathematisch verlängert auf zukünftige »Trends« hin. Letztere, daran läßt Morozov keinen Zweifel, werden von interessierter Seite gezielt erzeugt. Handlungsleitend sind dabei stets kommerzielle Interessen. Die großen Player auf dem Markt der Internetdienstleistungen – heißen diese nun Larry Page (Google), Jeff Bezos (Amazon), Tim Cook (Apple) oder Mark Zuckerberg (Facebook) – betrachten die User hierzulande als Freiwild, sagt die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz.


Denn viele von uns spielen das große digitale Spiel nur allzu willfährig mit, sind Opfer und Akteure zugleich. Schon Horkheimer und Adorno konstatierten in der »Dialektik der Aufklärung« eine »rätselhafte Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, sich dem Despotismus totalitärer Ideologien und Herrschaftsformen auszuliefern«. Despotisch und totalitär kommt heute der Fetisch »des Internets« daher, von Morozov durchgängig in Anführungszeichen gesetzt. Aber ist dessen allseitige Durchsetzung, heute auch zunehmend in der Gestalt des »Internets der Dinge«, ein Naturgesetz, wie von den Online-Euphorikern behauptet? Sind Architektur und Funktionsweise »des Internets« wirklich in Stein gemeißelt oder offen für Alternativen, die die Würde des Menschen und den Erhalt demokratischer Entscheidungsprozesse sicherstellen?


Die Ideologie des »Solutionism« (etwa: »unbeschränkte Lösungsgläubigkeit«), der die zornigen Attacken Morozovs gelten, sei zu einem Dogma des Internet-zeitalters geronnen. Das ließe sich auf die Formel bringen: »Wie Sie alles sichern: Einfach hier klicken« (»To Save Everything, Click Here« lautet der Titel der englischen Ausgabe); wobei »sichern« in der Doppelbedeutung von »schützen« und »abspeichern« zu verstehen ist. Um zwei Beispiele für dieses janusköpfige Unterfangen zu nennen: Die schnell wachsende »Quantified Self«-Bewegung vertraut – ganz »solutionistisch« – auf Hard- und Softwarelösungen, die für die permanente Aufzeichnung und Analyse personenbezogener Daten zur gesundheitlichen oder sportlichen »Selbstoptimierung« sorgen sollen. Vom Erfolg solch einer Strategie einmal abgesehen: Die Kehrseite ist die Aufgabe der Privatsphäre bis in die nächtlichen Träume hinein, interessant nicht zuletzt für die Krankenversicherungsindustrie. Und überdies: Werden sich Menschen mit der Vorstellung abfinden, daß ihre Lebensfunktionen tatsächlich auf ein paar mathematische Formeln reduzierbar seien? Morozov zitiert in dem Zusammenhang Friedrich Nietzsche: »Wie? Wollen wir uns wirklich dergestalt das Dasein zu einer Rechenknechtsübung und Stubenhockerei für Mathematiker herabwürdigen lassen?« In der Kriminalitätsbekämpfung wird »Solutionism« in Form der Beweislastumkehr zunehmend populärer und bedeutet: Die Verbrechensverfolgung im Vorfeld einer künftig zu erwartenden Tat vermag vielleicht im Einzelfall präventiv zu wirken, stellt aber potentiell jeden unter Generalverdacht, der in ein durch Algorithmen ermitteltes Raster gelangt ist. Vertraut wird bei solch einer »Lösung« darauf, daß die erhobenen und gefilterten Daten ein irgendwie authentisches Bild realer Verhältnisse wiedergeben würden. Die »Wahrheit« der so gewonnenen Informationen wird ohnehin nicht in Frage gestellt. Aber wehe, wenn sich ein Rechenfehler einschleicht und in Lichtgeschwindigkeit potenziert! Man denke etwa an den Hochfrequenzhandel an der Börse …


Morozovs Kritik ist nicht durch eine Technikgegnerschaft gekennzeichnet, ein pauschaler Kulturpessimismus ist seine Sache nicht. Aber er insistiert auf einer Entzauberung der Weltverbesserungsversprechen, ausgegeben von marktbeherrschenden Internetakteuren mit ihren jeweils partikularen Machtinteressen. Statt einfacher Antworten möchte Morozov jede einzelne Technikproduktion und -anwendung einer kritischen Prüfung unterziehen. In solch detaillierter Aufklärungsarbeit liegt sicher ein großes Verdienst, andererseits weiß auch der Autor, abgesehen von einigen moralischen Appellen, keine tragfähigen Lösungen zum Umgang mit »dem Internet« anzubieten. Die Figur des »Post-Internet-Denkers«, die Morozov am Schluß seiner Überlegungen einführt, soll »allen Kausalitätsbeziehungen im Zusammenhang mit digitaler Technik extrem vorsichtig« gegenüberstehen und stattdessen »ergründen, wie diese Technik produziert wird, welche Stimmen und Ideologien durch ihre Produktion und Verbreitung zum Schweigen gebracht werden und wie Marketing und Werbung in ihrem Umfeld den Zeitgeist beschwören, um sie unvermeidlich wirken zu lassen«. Zu hoffen bleibt, daß die Morozovschen Post-Internet-Denker nicht nur einsame Rufer in der Wüste bleiben.

Evgeny Morozov: »Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen«, übersetzt von Henning Dedekind und Ursel Schäfer, Karl Blessing Verlag, 655 Seiten, 24,99 €