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Titel1115

Erwachende Erdferkel  (Monika Köhler)

Ein »nacktes kommunistisches Utopia unter Palmen«, das alles unter einer Tropensonne mit wohlschmeckenden Kokosnüssen, »jegliche Zivilisationskrankheit heilend«. Was in deutschen Zeitungen über das vermeintliche Eden berichtet, aber auch karikiert wurde, es zog Anfang des 20. Jahrhunderts viele junge aussteigewillige Deutsche an. Am Äquator siedeln, gemeinsam, verbunden im Sonnenorden, dem »Kokovorismus« huldigen, das wollten sie. Das Paradies in den Kolonien, in Deutsch-Neuguinea suchend. Das Hamburger Thalia-Theater in der Gaußstraße führt uns auf die Insel Kabakon zu dem Lebensreformer August Engelhardt (1875–1919), der sich ausschließlich von Kokosnüssen ernährte. Das Stück »Imperium« ist eine Bearbeitung des 2012 erschienenen gleichnamigen Romans von Christian Kracht. Ein Autor, dem vom Spiegel Nähe zu »rechtem Gedankengut« vorgeworfen wurde. »Nihilismus« sei »der Kern seiner Prosa«. Den Roman »Imperium« nannte der Spiegel eine »Stellvertreter- und Aussteiger-Saga über Hitler«. Tatsächlich, dessen Name fällt einmal, so nebenbei als Assoziation hingeworfen.


Beim Spiegel wußte man offenbar nicht, was Rollenprosa ist. Wenn eine »rassistische Weltsicht« aufscheint, so ist es die damals vorherrschende Sicht der Deutschen auf die kolonisierten Völker. Kracht beschreibt das genau, kriecht in jede seiner Figuren hinein und läßt sie sprechen, ein Erzähler sorgt für sarkastische Untertöne. Der »Held« August Engelhardt, im Stück unter der Regie von Jan Bosse, ist ein Antiheld. Er verteidigt seine Insel: Dort bestehe »mitnichten eine Demokratie, und ein kommunistisches, infantiles Miteinander herrsche schon gar nicht und werde hier auch niemals herrschen«. Nur er allein bestimme, wohin es gehe. »Ich, ich, ich habe das alles erfunden« schreit er, begleitet von weitausgreifenden Armbewegungen, zu einem Gefährten seiner Einsamkeit, den er plötzlich als Rivalen ansieht. Als die jungen Heilssucher eintreffen und vorerst am Strand kampieren – noch vor der Insel Kabakon – sieht er sie als Ruhestörer. Er hatte gar nicht damit gerechnet, daß irgendwer kommt. Sein erster Besucher, der blieb, entpuppt sich als Antisemit.


Engelhardt dachte – sprach es aus im Stück als Erzähler seiner selbst: Er »teilte nicht jene aufkommende Mode der Verteufelung des Semitischen«. Er denkt, spricht, über Richard Wagner »mit seinen Schriften und seiner schwülstig komischen Musik«. Der Regisseur teilt Engelhardts Rolle auf – ein langer Bart wird weitergereicht. So spricht die einzige Frau im Stück einige seiner Passagen: »Was für ein schrecklicher Unsympath dieser Aueckens war«, der in ekelerregender Weise seinen Antisemitismus mit Homosexualität verband. Der sich über einen »behaarten, bleichen, ungewaschenen, levantinischen Sendboten des Undeutschen« ausließ, den er einst auf Helgoland verführen wollte – und der ihn abgewiesen hatte. Ein Jude natürlich. Daß es sich bei dieser Begegnung um den Gymnasiasten Franz Kafka handeln muß, wird im Stück nicht so deutlich wie im Buch. Später vergewaltigt dieser Aueckens den anderen, wirklichen Freund Engelhardts, den Einheimischen Makeli. Der einzige im Stück, der nackt herumläuft – dabei sind alle Kokovoren ja Nudisten. Hier tragen sie eine lächerliche weite Unterhose, Engelhardt auch mal weiß gewandet wie ein Heiliger. Makeli ist auch der einzige, der von Engelhardt profitiert, anfangs. Der liest ihm aus Büchern vor, so lernt der Eingeborene deutsch und englisch. Im Stück versuchen die diversen Engelhardts dem Wilden im radebrechenden Kauderwelsch des weißen Mannes, von Geburt an klüger, etwas beizubringen – komische Szenen. Der »Unsympath« Aueckens wird schließlich umgebracht mit einem harten Gegenstand: Kokosnuß? Von wem, bleibt offen.


Eine Szene, die die Männerfreundschaft, positiv und karikierend, zeigt, ist grandios. Vier Männer bewegen sich zu aufreizenden Rhythmen (Live-Musik: Hammondorgel) hintereinander stehend, als seien sie ein einziges wildes Tier. Dazu Gesang vom Erzähler. Glänzend. Die Frau mit langem Kleid und Hut kommt dazu, nein, sie tanzt daneben eine Art Hula-Hoop, verrückt, wütend, ausdrückend: ich auch! Alle beginnen zu zittern – der Irrsinn hat schon von ihnen Besitz ergriffen. Niemand kann sich ausschließlich von Kokos ernähren, ohne Schaden zu nehmen. Sie sehen ihren Führer Engelhardt als Kunstwerk – er sich auch – und wollen ihn sich einverleiben. Sie reißen die Verbände an seinen Beinen herunter (Engelhardt litt unter Wunden, die nicht heilen wollten – später stellte es sich als Lepra heraus) und beginnen, den Schorf zu essen, genüßlich, als sei es Konfekt. Oder heilige Kommunion. Das ist mein Fleisch. Menschenfleisch! Hier ist der Held wieder einmal weiblich, warum nicht?


Die Umsetzung des Romans in ein Stück, nicht ganz einfach bei den fast ausschließlich erzählenden Passagen. Anfangs gelingt es nur schleppend, dann kommt alles in Fahrt. Dennoch: Viele Raffinessen der Sprache und Querverweise des Buches gehen verloren. Obwohl sich die Inszenierung eng an die Vorlage hält. Gleich zu Beginn die Beschreibung der Pflanzer auf dem Oberdeck der Prinz Waldemar, einem Schiff des Norddeutschen Lloyds. Auf Liegestühlen hingefläzt: »Die Knöpfe ihrer am Latz offenen Hosen hingen an Fäden lose herab, Soßenflecken safrangelben Currys überzogen ihre Westen … Bläßliche, borstige, vulgäre, ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche lagen dort und erwachten langsam aus ihrem Verdauungsschlaf, Deutsche auf dem Welt-Zenit ihres Einflusses.« So sah sie August Engelhardt auf dem Weg nach Deutsch-Neuguinea. »Nein, wie er sie verabscheute.« Aber als seine Anhänger, sehr viel später, bei ihm eintreffen, junge Zivilisationsflüchtlinge, da haßt er auch sie in ihren quietschbunten Gewändern: Müll aus dem Meer. Auf der linken Seite der Bühne (Stéphane Laimé) ein Plastikabfallhaufen, rechts ein Kokosnußberg, der Erzähler im Sessel und der Musiker. In der Mitte, die Sandinsel. Gut, um sich darin einzugraben, damit zu werfen, Sand in die Augen zu streuen oder sich vor dem »Heiland« auf die Knie zu werfen. Sie rufen im Chor, endlich am Ziel ihrer Sehnsucht. Engelhardts neuer Begleiter, der Klaviervirtuose Max Lützow hatte die Idee, die »Verrückten« auf Kabakon anzusiedeln. Lützow, im Freizeitdreß, eine komische Figur, berlinernd – kein Antisemit wie sein Vorgänger. Auch er stirbt. Als er die Insel verlassen will, wird er zwischen zwei Schiffen zermalmt, weil sein Sprung die Reling verfehlte.


Engelhardt – der eigentlich erschossen werden sollte, aber ewig lebte – war nun wirklich verrückt geworden. Er hatte sich seinen Daumen abgeschnitten und ihn in Salz eingelegt. Er, Engelhardt, sei hier »unter unglücklichen Kannibalen«, die sich von ihrem »natürlichen gottgegebenen Instinkt«, den ihnen die Missionare ausgeredet hätten, weit entfernt haben. Nein, »nicht die Kokosnuß sei die eigentliche Nahrung des Menschen, sondern der Mensch selbst sei es … Der gottgleich Werdende, der nach Elysion Zurückkehrende ernähre sich von sich selbst: God-eater.« Zur Kokosschale greifend, beißt der »Heiland« in seinen eigenen Daumen. Alles schön blutig auf der Bühne. Übrigens war Engelhardt »unversehens zum Antisemiten geworden, wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.« So sieht ihn der Autor, so sieht ihn der Regisseur. Nicht nur judenfeindlich, auch irr im Geiste, zum Kind geworden, das mit seinen Socken spielt – oder ein verrückter Affe? Im Sessel sitzend wird er zum Erzähler, der seine Geschichte vorträgt, die ihn im Hollywoodfilm überlebt.