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Zwischen Dichter und Funktionär  (Manfred Orlick)

Für die einen war er ein expressionistischer Rebell, für andere ein Staatsdichter. Die Rede ist von Johannes R. Becher, dessen 125. Geburtstag am 22. Mai ist. Als Sohn eines bayerischen Juristen wuchs er in behüteter großbürgerlicher Umgebung auf, durch die strenge Erziehung des jähzornigen Vaters war es jedoch keine glückliche Kindheit und Jugend. Mit 19 Jahren unternahm er mit seiner Geliebten einen Doppel-Selbstmordversuch, den nur er überlebte.


Nach dem Abitur begann der junge Becher Philologie, Philosophie und Medizin zu studieren, jedoch ohne Abschluss. Er veröffentlichte expressionistische Gedichte, darunter die bekannte Kleist-Hymne »Der Ringende«, sowie den Lyrikband »Verfall und Vernunft«, in denen er die sozialen Ungerechtigkeiten des wilhelminischen Kaiserreichs anprangerte. Mit seinen anarchistischen Versen wurde er zu einem Wortführer des literarischen Expressionismus (»Verfluchtes Jahrhundert! Chaotisch! Gesanglos!«).


Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Becher ein bewusster Kriegsgegner, und es entstanden erste politisch motivierte Gedichte, die Anklagen und Aufrufe gegen den Krieg enthielten. Gleichzeitig wurde er wegen Morphiumabhängigkeit in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Gegen Kriegsende trat er der USPD, dem Spartakusbund und dann der neu gegründeten KPD bei, doch enttäuscht von der Novemberrevolution ließ er seine KPD-Mitgliedschaft ruhen. Dafür suchte er in verschiedenen Künstlergruppierungen nach neuen gesellschaftlichen, auch religiösen Idealen. Nach dieser gläubigen Phase und dem Studium von marxistischen Schriften wandte er sich 1923 wieder der KPD zu und diente fortan der kommunistischen Bewegung. Ein erster literarischer Erfolg war sein Anti-Kriegs-Roman »Levisite« (1926), der ihm allerdings eine Anklage wegen Hochverrat einbrachte. Außerdem wurde der nun fast vierzigjährige Becher Herausgeber der Zeitschrift Linkskurve und Feuilleton-Redakteur der KP-Zeitung Rote Fahne.


Mit der Machtergreifung der Nazis emigrierte Becher ins Exil, zunächst nach Österreich, der Schweiz und Frankreich. Nach der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft ging er 1935 schließlich nach Moskau, wo er Chefredakteur der Exilzeitschrift Internationale Literatur - Deutsche Blätter wurde. Hier veröffentlichten neben den in der UdSSR lebenden Schriftstellern auch andere Exil-Autoren wie Brecht, Feuchtwanger oder Thomas und Heinrich Mann. Als während der Schlacht um Moskau 1941/42 alle Deutschen evakuiert wurden, kam Becher nach Taschkent, wo in kurzer Zeit das Drama »Winterschlacht« entstand, in dem er Hoffnungen auf eine Wende in der deutschen Geschichte äußerte. Nach Moskau zurückgekehrt, wurde er Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland und artikulierte erste Vorstellungen zu den zukünftigen Kulturaufgaben. Im Exil hatte sich Becher verstärkt dem Sonett zugewandt, in dessen strenger Form er das lyrische Ausdrucksmittel fand, um gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zu erfassen.


Bereits im Juni 1945 kehrte Becher als erster namhafter Exilschriftsteller nach Deutschland (Ost-Berlin) zurück, wo er den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands mitbegründete und dessen erster Präsident wurde. In dieser Funktion bemühte er sich um die Rückkehr emigrierter Schriftsteller. Noch 1945 rief er den Aufbau Verlag und die Zeitschriften Aufbau und Sonntag ins Leben und 1949 die Literaturzeitschrift Sinn und Form.


1946 wurde Becher Mitglied des Parteivorstands (später des Zentralkomitees) der SED. Zusammen mit Hanns Eisler schrieb er die Nationalhymne der DDR »Auferstanden aus Ruinen« (1949). Als Kommunist und Dichter engagierte er sich für den antifaschistischen Aufbruch und eine demokratische Erneuerung. Dabei bemühte er sich um eine offene Atmosphäre für die Kunst und suchte auch den Kontakt zu westdeutschen Schriftstellern.


Als vielfacher Funktionär (Präsident der Deutschen Akademie der Künste, Minister für Kultur) fühlte er sich jedoch stets den Zielen und Richtlinien der SED verpflichtet. Bei dem Schauprozess gegen seine früheren Aufbau-Mitarbeiter Wolfgang Harich und Walter Janka wandte er sich zwar persönlich an Walter Ulbricht, aber selbst er und »sein« Kulturbund kamen in den Verdacht der »intellektuellen Dekadenz«. Becher erwies sich in dieser Situation als ein Schwankender, getrieben von Gegenwehr und Parteidisziplin. Der Funktionär Becher siegte über den Dichter Becher, denn nach außen hielt er am Realsozialismus in der DDR fest und pflegte poetisch oft den Personenkult. Erst später fand man in seinen Schriften Zweifel und Selbstkritik (»Das poetische Prinzip«, 1957, erst 1988 veröffentlicht).
Am 11. Oktober 1958 starb Johannes R. Becher nach einer schweren Krebsoperation und erhielt (gegen seinen letzten Willen) ein Staatsbegräbnis. Ulbricht würdigte ihn in seiner Trauerrede als »größten deutschen Dichter der neuesten Zeit«, was jedoch jahrzehntelang eine kritische Becher-Rezeption in der DDR verhinderte. Becher geriet in Vergessenheit. Als hätte er es geahnt, schrieb er wenige Monate vor seinem Tod: »Sie bringen einen Namen zum Verschwinden / Ganz unauffällig und wie aus Versehn.« Was wird von ihm bleiben? – Seine expressionistische Lyrik, Teile seines Sonett-Werkes, der Roman »Abschied« und das Drama »Winterschlacht«.