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Verdrängte Vergangenheit meldet sich zurück  (Alfred Hartung)

Wolfsburg, von 1938 bis 1945 »Stadt des KdF-Wagens«, zeigt noch heute große Dankbarkeit gegenüber dem ersten Werksleiter des Volkswagenwerkes, das 1938 gleichzeitig mit der Stadt gegründet wurde. Nach dem »genialen Konstrukteur Porsche«, so Adolf Hitler bei der Grundsteinlegung des Werkes am 26.5.1938 (*), ist die zentrale Fußgängerzone benannt, und seine Büste steht als einziges Denkmal vor dem im Jahr 1958 eingeweihten Rathaus (siehe dazu auch: »Die Wolfsburger und ihre Nazis«, Ossietzky 5/2016). Zwar kann der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im damaligen Rüstungsbetrieb VW heute nicht mehr verschwiegen werden, die persönliche Verantwortung von Werksleiter Porsche und seinem Schwiegersohn Anton Piëch, der ihn als Werksleiter vertrat, wenn Porsche für die »übergeordnete Tätigkeit« als Leiter der Panzerkommission unterwegs war, wird aber gern relativiert: Alle Rüstungsunternehmen »mussten« ja Sklavenarbeiter beschäftigen.

 

Nun meldet sich die verdrängte Vergangenheit zurück: die Existenz eines Konzentrationslagers (KZ) in der damaligen KdF-Stadt von Mai 1944 bis zur Räumung am 7. April 1945 mit anschließendem Todesmarsch in das Sterbelager Wöbbelin. Das KZ war als Außenlager von Neuengamme auf dem Laagberg auf Drängen der Betriebsleitung eingerichtet worden, um Unterkünfte für die 20.000 Arbeitskräfte zu bauen, die nach Übernahme der Fi-103-Fertigung (landläufig als V1 bekannt) bei der Rüstungsinspektion im Sommer 1943 angefordert worden waren. Zwar wurden diese hochfliegenden Ausbaupläne von der Nazi-Rüstungsverwaltung angesichts zunehmender Materialengpässe auf etwa 6000 Unterkunftsplätze reduziert, aber Anton Piëch zog das Bauvorhaben »Massivbaracken Wohnlager Laagberg« als Chefsache an sich. So mussten im Mai 1944 (!) circa 800 aus Neuengamme abkommandierte Häftlinge mit dem Bau des Wohnlagers beginnen. Unter katastrophalen Bedingungen stellten sie zuerst ihre eigenen Wohnbaracken fertig. So fehlte sechs Wochen lang jede Wasserversorgung, die Häftlinge waren gezwungen, Regenwasser aus Pfützen zu trinken und zum Waschen zu benutzen. Entsprechend desaströs waren auch die hygienischen Verhältnisse. Zunehmende Materialengpässe und der kalte Winter 1944/45 führten dazu, dass trotz massivstem Arbeitszwang, unsäglicher Quälereien und Verbrechen an den Häftlingen bis zum April 1945 nur rund zwei Drittel der 70 geplanten Bauten des Wohnlagers Laagberg in Angriff genommen und nur einige wenige endgültig fertig gestellt worden waren.

 

Nach 1945 verdrängten Stadtväter und Wolfsburger Bevölkerung erfolgreich die Existenz des KZ aus dem Gedächtnis der Stadt. In die bereits fertigen oder nach 1945 fertiggestellten Bauten des Wohnlagers Laagberg zogen Flüchtlinge ein, ohne dass eine Diskussion über die Entstehung der Baracken überliefert ist. Letzte Barackenüberreste wurden Anfang der 60er Jahre beseitigt. Französische Überlebende, organisiert in der Gruppe Amicale Internationale KZ Neuengamme, erinnerten bei Besuchen an das KZ auf dem Laagberg und setzten durch, dass seit 1987 eine kleine Stele auf das ehemalige KZ-Außenlager hinweist.

 

Vor circa zwei Jahren wurde bekannt, dass die 1938 gegründete Baugesellschaft Neuland, eine Tochter der Stadt, auf dem noch nicht überbauten Teil des ehemaligen KZ-Geländes ein Einkaufszentrum und einige Wohnungen errichten will. Die örtliche Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) nahm das zum Anlass, um 2016 an den Todesmarsch vom KZ Laagberg zu erinnern, eine würdige Erinnerungsstätte zu fordern und auf eine archäologische Baubegleitung zu drängen, falls Relikte gefunden werden. Die Ortsrätin der Partei Die Linke im zuständigen Ortsrat übernahm diese Forderungen in einem Antrag. Und die von der VVN benachrichtigte Amicale Internationale KZ Neuengamme forderte in einem aufrüttelnden, offenen Brief einen sorgsameren Umgang mit der Geschichte.

 

Wie berechtigt das war, zeigte sich unmittelbar nach Baubeginn: Im April kamen die relativ gut erhaltenen Fundamente einer der vier Baracken, die von den Häftlingen bewohnt worden waren, ans Tageslicht. Nachdem die Funde zuerst lediglich dokumentiert und abgetragen werden sollten, um den Baufortschritt nicht zu behindern, wurden nach dem Protest der VVN-BdA und vor allem der Amicale Internationale KZ Neuengamme die überregionalen Medien aufmerksam. NDR, SAT 1, DLF und verschiedene Zeitungen berichteten unter dem Motto: »Warum man in Wolfsburg bald auf einem KZ-Gelände einkaufen könnte« (zum Beispiel NOZ vom 12.5.2017).

 

Erst der drohende öffentliche Skandal brachte die Stadt zum Einlenken – zumindest ein Stück weit. An dem Plan, das Einkaufszentrum samt Tiefgarage zu bauen, hält sie zwar weiterhin fest, doch der gemauerte Grundriss der KZ-Baracke soll nun verlegt und zumindest teilweise an anderer Stelle auf dem ehemaligen Lagergelände wieder aufgebaut werden – integriert in eine Erinnerungs- und Bildungsstätte. »Die Einrichtung hebt die besondere Verantwortung der Stadt hervor sowie den festen Willen, sich dieser zu stellen und sie zu übernehmen«, ließ sich Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD) zitieren. Da fragt man sich, wieso die Stadt das Gelände überhaupt von Beginn an als angemessenen Baugrund für ein Einkaufszentrum betrachtete. Dass genau dort die mit Stacheldraht umzäunten KZ-Baracken gestanden hatten, sei bekannt gewesen, so die VVN-Sprecherin Mechthild Hartung.

 

Dass die Überreste nun an anderer Stelle gezeigt werden sollen, halten die Hinterbliebenenvertreter und die VVN-BdA im Vergleich zu Verschüttung und Überbauung zwar für die bessere Alternative – aber für alles andere als ideal. Und sie bekommen Unterstützung von Fachleuten. »Die Umsiedlung von Teilen eines Konzentrationslagers ist in der modernen Geschichte einmalig und nicht angemessen«, sagte der ehemalige VW-Chefhistoriker Manfred Grieger dem NDR. Der historische Todesort von Menschen könne nicht einfach verlegt werden. »Die Polizei verlegt ja auch nicht einfach einen Tatort«, so Grieger. Er war im letzten Jahr wegen Auseinandersetzungen über die korrekte Darstellung der Nazi-Vergangenheit der VW-Tochter Audi als Chefhistoriker bei VW ausgeschieden.

 

Wie genau die geplante Erinnerungs- und Bildungsstätte aussehen soll und wo sie errichtet wird, ist derweil unklar: Noch vor Ende Juni will der Rat der Stadt endgültig über die Pläne entscheiden, die Baugesellschaft drängelt. Die Fundamente könnten dann schon im Sommer verlegt werden. Grundsätzlich entspräche eine Erinnerungsstätte auch der Forderung des Freundeskreises der KZ-Gedenkstätte Neuengamme nach einem Erhalt der Baracken-Fundamente, so Oberbürgermeister Klaus Mohrs gegenüber dem NDR. Auch die örtliche VVN-BdA Wolfsburg ist über die geplante Errichtung dieser Erinnerungsstätte erfreut (http://wolfsburg.vvn-bda.de/). Wichtig sei jedoch, die Überreste nicht zu verlegen. So ein Einkaufszentrum könne schließlich auch ein paar Meter weiter gebaut werden, so die Sprecherin Mechthild Hartung.

 

 

*) Stephan Krull (Hg.): »Volksburg Wolfswagen. 75 Jahre ›Stadt des KdF-Wagen‹/Wolfsburg«, Verlag Ossietzky, 164 Seiten, 14,95 € zzgl. 1,50 € Versandkosten (ossietzky@interdruck.net). Der Band enthält unter anderem Beiträge von Mechthild und Alfred Hartung.