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Titel1119

Verirrt in die Heimat  (Georg Fülberth)

Nach dem Ende ihrer politischen Tätigkeit bei den Grünen gründeten Thomas Ebermann (Sprecher der Bundestagsfraktion 1987–1989) und Rainer Trampert (Bundesvorstandssprecher 1982–1987) ein Zwei-Mann-Lese-Kabarett und machten dort das, was sie schon vorher getan hatten: die bestehenden Verhältnisse ad absurdum zu führen. Das geschah jetzt dadurch, dass sie diese selbst zu Wort kommen ließen. Sie verlasen ungefälscht Verlautbarungen aus der veröffentlichten Meinung, und das Publikum kam aus dem Lachen kaum noch heraus. Man nennt das wohl Verfremdungseffekt. Von Zeit zu Zeit ließen Ebermann und Trampert ihre Funde drucken, in Büchern mit Titeln wie » Die Offenbarung der Propheten« (1995), »Verpaßt Deutschland den Anschluß?« (2000), »Sachzwang & Gemüt« (2002).

 

Später wechselten sie das Genre: Rainer Trampert schreibt politische Analysen, Thomas Ebermann Theaterstücke, die er auch inszeniert. Wer sein Programm »Firmenhandel« (mit Robert Stadlober) nicht gesehen hat, ist zu bedauern: Originalton von Selbstanpreisungen, mit denen Belegschaften bei Laune gehalten werde sollen (»corporate identity«).

 

Comedy ist das aus vielen Gründen nicht. Einer davon: Der Satire liegt ein theoretisches Konzept zugrunde – tatsächlich die negative Dialektik Theodor W. Adornos und die »Große Weigerung« von Herbert Marcuse. Letzterem galt 2014 das Stück »Der eindimensionale Mensch wird fünfzig« (mit Kristof Schreuf, Andreas Spechtl und Robert Stadlober). In seinem Bekenntnis zu Marcuses Negation wird Ebermann fast positiv, aber nur mit seiner Wahlverwandtschaft zu einem von ihm verehrten Theoretiker, dessen Feindschaft gegenüber den bestehenden Verhältnissen er teilt.

 

In seiner jüngsten Produktion scheint er zur Technik seiner einstigen Lesungen mit Trampert zurückzukehren. Sie heißt »Heimat – eine Besichtigung des Grauens« und ist ein »Anti-Heimatabend«, zurzeit dargeboten auf einer Tournee durch die Bundesrepublik und Österreich zusammen mit dem Soziologen, Journalisten und Filmvorführer Thorsten Mense. Die Werbung für das Stück zeigt einen röhrenden Hirsch.

 

Wieder geht es um die Selbstentlarvung von Zeitgeist und -praxis. Der Anlass liegt auf der Hand: Die Bundesrepublik Deutschland, eines der industriell höchstentwickelten Länder der Welt, hat neuerdings ein Heimatministerium (verwaltet von Horst Seehofer), und der Bundespräsident preist die Heimat. Diese lacht uns auch von Wahlplakaten entgegen. Am heimatlichsten ist die AfD. Sie hat die Saite angezupft, nach deren Klängen Seehofer, Steinmeier, die Grünen und alle anderen Schuhplattler tanzen.

 

Hier befindet man sich in der Mitte und in ihrem Übergang zur Rechten. Ebermann setzt die Kenntnis dieser Tatsache voraus und begibt sich in die (seiner Meinung nach zuweilen nur scheinbare) Gegenrichtung. Als Buch zum Stück hat er eine Art gedruckter Version vorgelegt. Titel: »Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung«.

 

Der Autor hat sich ein großes Lese-Pensum zugemutet. Er analysiert Äußerungen und Texte aus der – im parteiübergreifenden, engeren und weiteren Sinn – Linken und entdeckt Schnittmengen zur Heimatbegeisterung der Mitte und der Rechten: in der Wahlwerbung, beim Philosophen Christoph Türcke, dem Sozialwissenschaftler Oskar Negt, dem Filmemacher Edgar Reitz, ja sogar bei Menschen, mit deren Ansichten er in vielem übereinstimmt, aber nicht in puncto Heimat. Warum hat sie es ihnen angetan?

 

Zum Teil aus taktischem Kalkül. Sie meinen, man dürfe die Heimat nicht den Rechten überlassen, sondern müsse deren Liebhaber(innen) dort abholen, wo sie eben stehen. Im Ergebnis – so antwortet Ebermann – lande man eher dort, wo die schon sind, ohne dass sie sich bewegen.

 

Er bohrt noch eine Schicht tiefer: Die Fröste linker Isolation sind offenbar schwer auszuhalten. So entstehe der Wunsch, irgendwo zu Hause zu sein, auch um den (uneingestandenen) Preis, dass dem heimeligen Ort, den man sich ausgesucht hat, andere fernbleiben müssen.

 

Und noch schmerzhafter: Ebermann findet Elemente der Regression selbst bei Autoren, die zu seiner eigenen politischen Sozialisation beigetragen haben (Tucholsky) und die er in vielem wertschätzt (Ernst Bloch). »Ein Kessel Braunes« aus der DDR wird auch serviert. (Das Problem hier: Wie kann Sozialismus in einem Land mit vielen ehemaligen Nazis aussehen?) Großen Respekt hat Ebermann vor dem französischen Soziologen Didier Eribon. Und doch sieht er auch bei diesem die Notwendigkeit der Kritik: Zwar erkläre er in seinem von Tobias Haberkorn übersetzten Buch »Rückkehr nach Reims«, warum die französische Unterklasse, von der etablierten Linken im Stich gelassen, sich nach rechts wandte, aber er bemerke nicht, dass er nur einen Teil im Blick hat: die weißen Abgehängten, nicht die aus rassistischen Gründen Marginalisierten. Diese konnten gar nicht erst auf den Gedanken verfallen, dass ihnen in Frankreich eine »Heimat« vorenthalten wurde.

 

Es ist ein ungemütliches Buch. Die Heimat muss wohl den Rechten überlassen bleiben: so seine zentrale These.

 

Wo bleibt das Positive? Falsche Frage. Es handelt sich um Kritische Theorie.

 

Thomas Ebermann: »Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung«, mit einem Vorwort von Thorsten Mense, kkv konkret, konkret texte 75, 143 Seiten, 19,50 €. Termine der Tour »Heimat – eine Besichtigung des Grauens« siehe unter https://www.heimatfeindschaft.de.