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Abschied vom Freitag?  (Heike Friauf)

Seit dem 1. Juni 2008 gehört der Freitag, die »Ost-West-Wochenzeitung«, Jakob Augstein, dem Sohn des einstigen Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein. Seine Zielstrebigkeit zeigte er sogleich, als er zwei berufliche Weggefährten mitbrachte und installierte: zum einen als neuen Chefredakteur Philip Grassmann, zuletzt Redakteur für Innenpolitik im Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung, für die Augstein selbst zehn Jahre arbeitete. Zum anderen als neuen Anzeigenleiter Detlev Hustedt, einen Mann mit bewegter beruflicher Vergangenheit als Berater, für einige Monate Geschäftsführer einer Presseagentur, 2000 Anzeigenchef der Woche, 1999 stellvertretender Anzeigenleiter bei der Springers Welt/Welt am Sonntag. »Der Freitag wird sich natürlich auch über Anzeigen finanzieren müssen«, erklärt Augstein im Interview mit der SZ.

Verwunderlich ist die Hoffnung, die viele kritische Leserinnen und Leser mit dem Besitzerwechsel verbinden. Bisherige Eigentümer waren der Psychologe Wilhelm Brüggen, die Journalisten Holger Schmale, Wolfgang Storz, Ursel Sieber und der Sozialwissenschaftler Frieder Otto Wolf. Sie hatten den Freitag gerettet, als sie das hochdefizitäre Blatt vor 13 Jahren übernahmen. Die Zeitung kam bisher ohne Chefredakteur und Anzeigenchef aus. Zuletzt schrieb sie nach eigenen Angaben mit einer verkauften Auflage von etwas über 12.000 Exemplaren sogar schwarze Zahlen. Dadurch kam sie zwar nicht von ihren Altschulden von rund 300.000 Euro herunter, konnte aber selbständig wirtschaften. Nun wird sie auf einen Schlag drei neue Mitarbeiter finanzieren müssen, denn Augstein stellt außerdem Jörn Kabisch von der taz ein, der als »Themenchef« den Internetauftritt verbessern soll. Weitere Mitarbeiter sollen folgen. Der bisherige Geschäftsführer Heinrich Eckhoff geht, Augstein setzt sich in dessen Position. Das alles wirkt so, als wäre es von langer Hand vorbereitet.

Was aber ist von diesem Mann zu erhoffen, außer das er allemal smart und schick auftritt? Als Vertreter seiner Familie in der Gesellschafterversammlung des Spiegel hielt er sich in der Auseinandersetzung mit dem langjährigen Chefredakteur Stefan Aust bedeckt. Seine Schwester Franziska ist überhaupt die prägnantere, entschiedenere und gewinnendere von beiden. Ihre unangemeldete Rede zur Trauerfeier für ihren Vater 2002 ist unvergessen. Weniger bekannt ist Jakob Augsteins im vergangenen Jahr gescheiterter Versuch, im Verlag des Spiegel ein Kulturmagazin herauszubringen. Die taz berichtete jüngst davon. Sie unkte auch, daß die bisherige Positionierung des Freitag »zwischen linksbürgerlich und linksorthodox« sich nun »Richtung linksliberal verschieben« werde.

Überflüssige Spekulationen. Denn Leser- und Inserentenzahlen werden entscheiden, nicht politische Haltungen. Noch pfeift die Redaktion, die ungefragt vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, im neuen Wald. Die Melodie klingt wie »Es ist keine Heuschrecke, Mama, es ist nur der Augstein, lala«. In der Ausgabe vom 30. Mai schreibt sie kollektiv, Augstein sehe den Freitag als »großartige Wochenzeitung« an, und das sei doch »Ausdruck einer echten Wertschätzung«. Dieser logischen Folgerung muß man sich nicht anschließen. Der Mann will sein Geld nicht versenken., eine gewisse Wertschätzung wird er seinem neuen Besitz so oder so entgegenbringen. Das Kapital des Freitag ist der zwar kleine, aber feste Leserstamm der Zeitung. Dem sagt man selbstverständlich, daß er eine großartige Zeitung liest, womit man gleichzeitig die Trommel rührt, damit es auch andere erfahren. Allein durch die Übernahmemeldung erreichte das Blatt einen völlig neuen Bekanntheitsgrad – ganz anders als die Gegenöffentlichkeit, um die es sich bisher immer bemühte und die ihn kostbar machte.

Sucht man aktuelle Äußerungen Augsteins, aus denen seine Haltung zu den Dingen der Welt, um nicht zu sagen: seine politischen Grundüberzeugungen hervorgehen, sucht man vergeblich. Stattdessen liest man: »Es gibt eine Gleichgültigkeit des Fühlens und eine Eintönigkeit des Denkens, gegen die sich der Freitag bislang gestellt hat und gegen die er sich künftig weiter stellen wird.« Gegen die gefühlte Eintönigkeit womöglich auch. Was Augstein will: »Mehr Umfang, mehr Themen, mehr Autoren. Und vor allem noch mehr Leidenschaft, mehr Freude und mehr Streit.« Bei dieser Menge an Gefühlszuwachs werden die Mitarbeiter bald Self-Encounter-Gruppen brauchen. »Ein großer deutscher Publizist«, so Augstein weiter im Freitag vom 6. Juni, »hat [auf die Frage nach seiner Haltung] bekanntlich einmal geantwortet ›im Zweifel links‹. Das gefällt mir.« Es gefällt ihm.

Ist ihm die dezidiert antikapitalistische Linie vieler Autoren des Freitag nie aufgefallen? Oder hat er einfach zu tief in die Neue Züricher Zeitung geblickt? Dort war am 30. Mai zu lesen: »Das Blatt mit seiner merkwürdigen Mischung aus einem borniert altsozialistischen Politikteil, in dem die einschlägig bekannten Haudegen Kuba feiern und Woche für Woche den Untergang des Kapitalismus heraufziehen sehen, und einem oft neugierigen und auch debattierfreudigen Feuilleton hat solche Weiterentwicklung nötig, wenn es aus seiner publizistischen Randlage herauskommen will.« Das »neugierige Feuilleton« wird es dem Jungverleger angetan haben. 2004 kaufte Augstein einen Anteil (einige Quellen sagen: ein Drittel, andere: die Mehrheit) am kleinen Verlag Rogner & Bernhard, der zwar nichts mehr mit seinen namengebenden Gründern zu tun hat, dafür aber mit Titeln wie »Iggy Pop«, »Die Welt ist nicht genug – Reisen in die virtuelle Realität«, »Der schwangere Mann – Tagebuch aus einer parallelen Welt« im Frühjahrsprogramm 2008 präzise auf die Themen der hippen, unpolitischen, allenfalls gefühlt linken Großstadtdauerjugend zwischen 15 und 45 zielt.

Groß ist der Wunsch der Linken, nicht noch ein Publikationsorgan zu verlieren. Daher mag die Dankbarkeit mancher Kommentatoren und auch der bisherigen Eigentümer rühren, daß Augstein den Freitag weiterführen und in dieses Projekt investieren will. Wurde ein Genossenschaftsmodell überhaupt geprüft? Wer tatsächlich Grund zur Dankbarkeit hat, ist Augstein. Statt mühevoll und risikoträchtig ein neues Blatt zu gründen, gewinnt er eine städtische Leserschaft, überdurchschnittlich gebildet und besonders kulturinteressiert (was in der Medienwelt inzwischen als fast gleichbedeutend mit konsumorientiert angesehen wird). »Aus dem Freitag soll eine integrierte Marke werden, in der Print und Online gleichberechtigt nebeneinander stehen«, sagte er dem Tagesspiegel (29. Mai). Ob die Marke Freitag bald im schicken Tabloid-Format erscheint, wie es der Frankfurter Rundschau nach der Übernahme passierte? Wichtiger, am wichtigsten ist jedoch die Frage, wohin sich die Autoren wenden werden, die Herz und Kopf der Wochenzeitung waren. Der neue Besitzer hat zugesagt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu übernehmen, und er hat die Herausgeber gebeten zu bleiben. Schön wäre es, wenn sich die Befürchtungen nicht bewahrheiteten.