erstellt mit easyCMS  
Titel1208

Heller als tausend Sonnen  (Ingrid Zwerenz)

Gleich zwei Zitate zu Beginn: Die Überschrift ist der Titel eines weltberühmten Buches über die Atombombe, geschrieben vom hoffentlich unvergessenen Robert Jungk; der folgende Satz stammt von Kurt Hiller: »Lieber ratioaktiv als radioaktiv«, geprägt in den sechziger Jahren. Kürzer und treffender kann man den Tatbestand nicht fassen. Stilsicher und zielsicher äußerte sich hier ein Pazifist und Polemiker, mitunter war Hiller auch ein Poltergeist, der es sogar fertigbrachte, sich als früher Mitarbeiter der Weltbühne mit deren Gründer und legendären Herausgeber Siegfried Jacobsohn immer mal wieder zu überwerfen, und weil er schon dabei war, verzankte er sich ebenfalls mit den SJ-Nachfolgern Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky. Aber das führt vom Thema weg. Am oben zitierten Hiller-Satz ist nicht zu rütteln. Die Aussage paßt auch zu den jüngst geschalteten Anzeigen eines »Informationskreises KernEnergie«, der über »Klimafreundlichkeit« des in den »sichersten und zuverlässigsten Kernkraftwerken der Welt« erzeugten Stroms jubelt. Diese harmlosen Gebäude stehen natürlich alle in Deutschland.

Reflexartig erinnere ich mich des Physikers und »Helden von Tschernobyl« Wladimir Tschernosenko, der nach dem GAU 1986 im sowjetischen Atommeiler die Aufräumarbeiten leitete, sich dabei wie hunderttausend namenlose Helfer schwerste Schäden zuzog und 1996 den Strahlentod starb. In den Jahren zuvor hatte er die Welt unermüdlich vor dieser Form von Energieproduktion gewarnt. Als ihm die deutsche Atom-Lobby weniger großmütig als großmäulig offerierte, sie werde sich mit 100 Prozent für die Sicherheit der russischen Kernkraftanlagen einsetzen, erwiderte Tschernosenko trocken: »50 Prozent reichen, die übrigen 50 Prozent verwenden Sie auf die Sicherheit Ihrer eigenen Reaktoren!«

Mit geballter Skepsis im Gedächtnis erfahre ich von unserem Hausarzt, wegen linksseitig ausgerasteter, stark vergrößerter Schilddrüse müsse ich mich einer Radiumjodtherapie unterziehen, vorläufig sei der Knoten noch gutartig, doch könne sich das leicht in Richtung Krebs ändern, und das wäre dann kein schöner Tod. Überdies sei diese nuklearmedizinische Behandlung weniger riskant als früher übliche chirurgische Eingriffe und hinterlasse keine Narben. Daß beim Operieren die scharfen Skalpelle leicht ausrutschen und die Stimmbänder beschädigen, sagt der Arzt zur Schonung der Kollegen von der schneidenden Fraktion nicht. Mir sind aber Betroffene bekannt, einer davon ist eng verbunden mit dieser schönen Zeitschrift hier. Der Nachbarin im Ort erging es noch übler, sie verfügt nach der vor Jahren erfolgten konventionellen Operation nur noch über eine schwache, wenn nicht gar piepsige Stimme. Auch das ist keine erfreuliche Perspektive.

Also mache ich mich auf nach Wiesbaden in die Isolierstation der Deutschen Klinik für Diagnostik, wenn schon, denn schon, hin zu den Spezialisten. Zum »Schutz der Mitmenschen«, wie es im Merkblatt für Patienten vorsorglich heißt, wird man eingesperrt, was für die Familienangehörigen zeit- und nervenschonend ist, Besucher dürfen eben nicht an einen heran, Ärzte und Personal nur auf eine Distanz von zwei Metern. Auf dem Weg ins zeitweilige Gefängnis suche ich mich selbst zu überreden, daß eine Atombombe selbstverständlich etwas anderes ist als die medizinische Anwendung der Radioaktivität. Aber wird sich das Kernkaftpaket daran halten? Bonbons sind die Kapseln, mit denen man in genau berechneter Dosis behandelt wird, jedenfalls nicht.

Es zeigt sich: Mein Kopf hat meinen Körper nicht überzeugen können, der blitzschnell die erste Portion wieder ausscheidet – ein Sonderfall, wie mir die verblüfften Mediziner versichern. Bin ich eine weibliche Variante des Suppenkaspers – Ich esse die Atome nicht, nein, die Atome ess’ ich nicht? Die Kasperei nutzt kein bißchen, ich muß nochmal zwei von den äußerlich harmlos anmutenden weißen Kapseln schlucken und drei Tage länger auf der abgeschotteten Station bleiben. Fatalistisch nehme ich das hin, wie auch die anderen männlichen und weiblichen Patienten auf das Medikament lethargisch reagieren. Ein Satz von Schiller rumort in meinem Gedächtnis: »Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen …«

Noch nach Wochen strahlen wir alle. Schwarz sind wir nicht geworden, dafür ungewöhnlich müde und behindert durch erhebliche Wortfindungsschwierigkeiten. Lähmen die radioaktiven Substanzen statt der Schilddrüsen-Geschwülste etwa das Gehirn? Ist nun Sense mit ratioaktiv? Die Doktoren und alle ihre Hilfskräfte trösten. Überhaupt herrscht in diesem Krankenhaus, im Unterschied zu vielen anderen Kliniken, ein freundlicher Umgangston. Trotzdem – Dauergast möchte man hier nicht bleiben.

Zur Heimreise bestelle ich mir ein Taxi, vom Fahrer höre ich: Er stammt aus der Nähe von Kiew, lebte noch dort, als der Tschernobyl-Reaktor explodierte Seine Frau, damals seit einigen Wochen schwanger, hatte nur einen Wunsch: So rasch wie möglich weg aus der Gegend. Seither wohnen sie in Deutschland, das Kind, hier geboren, ist gesund. Ein Glücksfall im tausendfachen Unglück mit der angeblich so friedlichen Kernkraft.