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Titel1209

Gott will Blut sehn  (Monika Köhler)
In Pumps läuft sie energisch quer über die Bühne, zeigt ihre Brüste, Maria. Welche Maria? Die Jungfrau, unbefleckt und rein? Dann noch eine und noch eine. Jede Frau ist Maria oder Maria Magdalena. Wer ist die richtige? Die Frage wird gestellt in dem Stück »El Otro Apóstol« nach dem Roman von José Saramago. Die sechs Marien sind Tänzerinnen der Compania de el Colegio del Cuerpo aus Kolumbien. Unter ihrem Leiter Alvaro Restrepo und der französischen Choreografin France Delieuvin gastierten sie in Hamburg in der Kampnagel-Fabrik. Sie eröffneten ein Festival von Jugendlichen für Jugendliche, in dem internationale Künstler mit Hamburger Schülern zusammenarbeiteten.

Der Titel könnte »Die andere Maria« sein. Zwei Erzähler in schwarzen Gewändern mit Drahtmasken, wie Fechter sie zum Schutz vor Verletzungen tragen, berichten und kommentieren das Evangelium – etwas anders, als es in der Bibel steht. Den spanischen Text spricht Alvaro Restrepo selbst, eine Frau die deutsche Übersetzung.

Apostel treten auf. Und Jesus. Er weiß nicht, daß er Jesus ist. Zuerst rebelliert er, widersetzt sich. »Maria ist weder fromm noch gerecht,« sagt die Erzählerin. Maria tanzt in schwarzer Spitze mit einem der Apostel, sie springt ihn an, er trägt sie auf seinen Schultern wie ein verletztes Tier. Sie: »Ich bin ein Engel, aber sagen Sie es niemandem.« Glocken, ein Chor.

Die Frau spricht von der Inquisition, dem »grausamen Instrument«. Die Sprecher steigern sich: »Es werden Tausende sterben.« – die Sprache als Inferno. Die Musik wird quälend. Im Tanz suchen die sich findenden Paare Schutz, ineinandergeschmiegt. »Kinder sterben. Und ich bin tausendmal gestorben«, sagt die weibliche Stimme. Und dann: »Es ist nötig, ein Gott zu sein, um so viel Gefallen am Blut zu finden.«

Warum haben die Erzähler ihre Schutzhelme abgenommen? Plötzlich ist der Text nicht mehr Geschichte, die Nachrichten sind hautnah: 38 Kinder starben bei einem Brand in einem Kindergarten in Mexiko. Obama besucht das KZ Buchenwald. In Peru nehmen Indios Polizisten als Geiseln.

Die Sprecher haben sich wieder hinter ihren Drahtmasken verschanzt. Die Musik ist jetzt wie splitterndes Glas. Christus in Schwarz, allein, im Tanz des Opfers, das aufbegehrt und sich doch fügt. Eine Frau, Maria, kommt und hebt ihn auf: »Leute, verzeiht ihm, denn er weiß nicht, was er tat.« Die Mädchen, in rote Mäntel gehüllt, stellen brennende Kerzen auf den Boden, eine ist erloschen. Der Sprecher: »Es ist nicht so, daß sie zu weinen aufgehört hätten, denn meistens weinen sie innerlich.«

Namen werden genannt, Namen von Gefolterten, Ermordeten in Kolumbien, durch einen Bombenangriff Umgekommenen in Afghanistan. Der Sprecher, Restrepo, hat sich in ein schwarzes Tuch gehüllt und ist stumm geworden. Steht nur da in einem Tanz wie angekettet, trauernd, verzweifelt, hilflos drohend, eine Pantomime des Aufruhrs. Hinten ein Bild wie eine Pieta: eine Maria, ihren toten Sohn im Schoß bergend.

Großer Beifall für die jungen Tänzer und Tänzerinnen. Sie wurden in Cartagena de Indias in Kolumbien ausgebildet und stammen aus den Armenvierteln der Stadt.