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Titel1211

Das vorverlegte Jüngste Gericht  (Manfred Wekwerth)
Eigentlich soll das Jüngste Gericht unmittelbar nach dem Weltuntergang stattfinden. Der ist aber im Juni 2011 trotz Nostradamus und Wachtturm bisher ausgeblieben. Das Jüngste Gericht, vor dem alle Sterblichen erscheinen müssen, entscheidet im Auftrag Gottes, was mit jedem einzelnen in Ewigkeit wird: Kommt er in den Himmel, oder kommt er in die Hölle.

Aber, wie gesagt, das Jüngste Gericht konnte mangels Weltuntergang im Juni noch nicht stattfinden. Eine historische Überraschung hatte sich jedoch schon einige Tage zuvor ereignet. Die Presse vom 27. Mai meldete, daß zwar nicht Gott, aber unternehmungsfreudige Götter das Jüngste Gericht kurzerhand vorverlegt hatten. Es fand am 26. Mai 2011 im französischen Deauville statt. An Göttern anwesend waren Barack Obama, Nicolas Sarkozy und was sonst noch zu jener Himmelsmacht gehört, die sich G 8 mit Rußland nennt, wobei die umtriebige Göttin aus Templin nicht fehlen durfte. Da, wie gesagt, der Weltuntergang (sieht man von Fukushima ab) auf sich warten ließ, zog man den zweiten Teil des Jüngsten Gerichts vor und entschied, wer für ewig in den Himmel und wer in die Hölle kommt.

Tunesien und Ägypten kommen in den Himmel (Ägypten sogar noch etwas schneller, da dort die Generäle die Demokratisierung leiten). Die göttliche G8-Bedingung: Der »Afrikanische Frühling« darf nicht dazu mißbraucht werden, die Eigentumsfrage zu stellen, und er muß die Marktwirtschaft für alle Ewigkeit garantieren. Erst dann erfolgt die Seligsprechung, und man kommt in den G8-Himmel. Dafür erhalten die Revolutionäre 40 Millionen Dollar Belohnung, wenn sie keine sozialistischen Ansprüche stellen, sondern nur Ansprüche auf die Demokratie, wie sie in der westlichen Wertegemeinschaft so segensreich wirkt.

Ganz anders das Urteil des Jüngsten Gerichts über Gaddafis Libyen. Zu den Untaten des Diktators, der das Öl und die Banken verstaatlicht und den US-Militärstützpunkt des Landes verwiesen hat, kommen neue: Er liefert sein Volk dem Bombenkrieg aus, obwohl er weiß, daß die NATO aus humanitären Gründen sofort mit dem Bombardieren aufhört, wenn er zurücktritt. Gaddafi zeigt keine Neigung, sein Volk vor den Bomben zu schützen. Und so verkündete das Jüngste Gericht durch den Mund des gottgleichen Obama das Urteil: Gaddafi hat bis Ende Juni zu verschwinden, damit Libyen wieder bombenfrei wird und sich auf den Weg in den G8-Himmel machen kann, wo es vielleicht auch seinen ehemaligen König Idriss II. antrifft, der da schon länger auf Gaddafis Verschwinden (am besten gleich im Mittelmeer) wartet.