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Titel1211

Hermann Kant, Die Zeit und die Zeit  (Horst Schäfer)
Da ist wieder dieser Tag, den er nicht mag. An dem er sich in Prälank vermutlich hinters Steuer setzt und in die mecklenburgische Seen-Landschaft abtaucht, vielleicht bis an die Ostsee oder nach Hamburg düst. Einfach so, aus Freude am Fahren, oft in »rumpelstilzchenhafter Vergnügtheit« (aber das kriegen wir später). Und auch, um den Anrufern zu entrinnen, die ihm erneut ein langes Leben, unverwüstliche Gesundheit und von ihm weitere Geschichten wünschen könnten.

Gerade hat Hermann Kant sich und uns zu seinem 85. Geburtstag am 14. Juni zwei Geschenke gemacht: Neues Deutschland druckte die neueste Geschichte »Ein Vorkommnis« und im Aufbau-Verlag erschien »Lebenslauf, zweiter Absatz«, ein Band mit wunderbaren Erzählungen aus fünf Jahrzehnten. Sie alle zeigen: Der Autor der Romane »Die Aula«, »Der Aufenthalt«, »Das Impressum« oder »Abspann« gehört zu den besten Schriftstellern deutscher Zunge und Geschichten-Erzählern dieser Zeit.

Die Zeit nun allerdings, das Wochenblatt, sah das bisher selten so. Sie hat dieses bemerkenswerte Schriftstellerleben besonders seit 1989 oft mit Schmähungen begleitet – davon wird noch zu reden sein. Umso erstaunlicher, was dort am 17. März 2011 zu lesen war, denn das ging über eine Rezension des neuesten Buches hinaus. Es war die fällige Würdigung der Lebensleistung Hermann Kants, vielleicht auch der zaghafte Versuch einer Wiedergutmachung, jedenfalls eine unerwartete Geburtstagsüberraschung.

Der Zeit-Artikel »Schatzsuche nach dem eigenen Leben« hält im ersten Satz fest: »Hermann Kant ist ein Meister der vergnügten Bosheit und des doppelten Bodens. Seine Erzählungen aus vielen Jahrzehnten bilanzieren ein langes ostdeutsches Schriftstellerleben: mit Trotz und berechtigtem Stolz.« Offenbar erschrocken vor der eigenen Courage wird dann behauptet, er gehöre »vorsichtig gesagt, nicht zu den ostdeutschen Schriftstellern mit dem besten Ruf«. Eigenes Zutun an der Rufschädigung wird ausgeklammert, doch immerhin festgestellt: »Selbst wütende Gegner (...) werden seinen literarischen Rang nicht bestreiten. Es wäre auch zwecklos. Seine großen Nachkriegsromane ›Die Aula‹ und ›Der Aufenthalt‹ lassen sich aus dem Kanon nicht mehr entfernen. Der Umbruch nach 1945 und der Aufbruch in den Sozialismus sind von ihm zu Parabeln verdichtet worden, die auch ohne den Hintergrund der DDR exemplarisch bleiben.«

Zu Letzterem ist Widerspruch nötig: »Ohne den Hintergrund der DDR« hätte es diesen Hermann Kant mit diesen Erzählungen und Romanen nicht gegeben. Selbst die einer DDR-Nostalgie unverdächtige Bundeszentrale für politische Bildung, die »Die Aula« zu den 100 für das Verständnis des 20. Jahrhunderts wichtigsten Romanen der Weltliteratur zählt, nennt für das Werk drei Kürzel: DDR, Sozialismus, Bildungswesen. Es sei leicht, so Die Zeit, sich die »rumpelstilzchenhafte Vergnügtheit« vorzustellen, mit der Kant Geschichten aus 50 Jahren zusammenstellte, »so daß sie noch wie ehemals entstanden und doch für heute geschrieben erscheinen. Er muß sich nicht korrigieren ...« Und dann: »Man möchte die Geschichten sofort noch einmal lesen – auch das ein Effekt, den so leicht kein Schriftsteller erreicht.«

Auf den Punkt gebracht! Dennoch sollte daran erinnert werden, daß zuvor in der Zeit oft anderes zu lesen war: Da wird am 15. September 1989 abwertend über eine Lesung Kants »aus dem alten Plauderroman ›Der Aufenthalt‹« berichtet und ihm unterstellt: »Selbst den Einsatz seines Hörgeräts benutzt er, um platt ironische Verständigungsschwierigkeiten mit dem Publikum zu beschwören.« Am 12. Januar 1990 kommt im Blatt Jubel auf. Hermann Kant sei jetzt »der vor kurzem nun endlich zurückgetretene Präsident des DDR-Schriftstellerverbands«. Dann sieht ihn Die Zeit in der »Schurkenrolle« (21.9.1990), nennt Kant einen »Großinquisitor« (11.1.1991), »bloßgestellt als feiler Höfling«, zeiht ihn der »Verlogenheit« (15.3.91) und degradiert ihn am 20.12.1991 wieder vom Groß- zum »DDR-Inquisitor«.

Empört ist das großformatige Blatt am 27.9.1991 darüber, daß der neue »Baedeker« für Deutschland unter der Rubrik »Berühmte Persönlichkeiten« auf eine Rede Kants vor dem DDR-Schriftstellerkongreß verweist, in »der er sich besonders mit den Pflichten und Möglichkeiten der Schriftsteller, für den Frieden zu wirken, auseinandersetzte«. Man wütet Richtung »Baedeker«-Redaktion: »Zensurbefürworter und SED-ZK-Mitglied Kant als Friedenskämpfer zu loben, ist schon ein starkes Stück.« Als Kant zur üblichen Stasi-Keule feststellt: »Ich war nie inoffizieller, offizieller oder sonstiger Mitarbeiter der Staatssicherheit«, wird es noch übler (Die Zeit 38/1995): »Wir dürfen nun grübeln, ob das nur eine Kantsche Mischung aus Arroganz, Chuzpe und Altersstarrsinn ist oder ob er in Nibelungentreue die Konspiration noch über das Grab der DDR hinaus wahren will.«

Schließlich erregt sich Die Zeit in Ausgabe 43/95, daß Hermann Kant trotz aller Angriffe und Verleumdungen einfach weitermache, und meint verdattert: »Es handelt sich unbestreitbar um ein Phänomen, daß Kant, ungeachtet allen Zeitenwandels und aller gegen ihn erhobenen Vorwürfe, schreibt und schreibt, als wäre nichts geschehen.«

Auch dafür vielen Dank, Hermann Kant – mit Genugtuung über den Realitätsgewinn bei der Zeit, der längst an der Zeit war, sowie über deren spätes Eingeständnis, daß der Autor von »Lebenslauf, zweiter Absatz« ein »überragender und überragend amüsanter Schriftsteller bleibt«: Glückwunsch in Richtung Prälank!