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Titel1211

Steinbach in Gotenhafen  (Renate Hennecke)
Und wieder findet, zum 62. Male, Pfingsten der Sudetendeutsche Tag statt. Motto des Spektakels diesmal: »Dialog und Wahrheit – Nachbarschaft gestalten«. Das hört sich freundlich an. Hat sich die Landsmannschaft zum Besseren gewandelt? Ein Blick in die Sudetendeutsche Zeitung lehrt: mitnichten.

Auf der Titelseite der Ausgabe vom 20. Mai 2011 beispielsweise findet man einen Artikel des Chefredakteurs Herbert Fischer (Kürzel hf) mit der Überschrift: »Kein Kirchenzutritt für Steinbach«. Laufzeile: »Die BdV-Präsidentin besucht erstmals ihren Geburtsort im heute polnischen Westpreußen.«

Vordergründig geht es in dem Artikel um die bösen »polnischen Steinbach-Hasser«, die sich partout über den Besuch nicht freuen wollten, und um den widerspenstigen Redemptoristen-Orden, der angeblich Steinbach am Betreten einer Kirche zwecks Kranzniederlegung zum Gedenken an 1945 in der Ostsee ertrunkene Flüchtlinge hindern wollte. In anderen Zeitungen war zu lesen, daß der zuständige Schlüsselinhaber es lediglich ablehnte, für Steinbach eine Extrawurst zu braten und die Kirche außerhalb der normalen Öffnungszeiten aufzusperren.

Interessant an dem Artikel ist jedoch nicht die (in Wirklichkeit sehr gelassene) polnische Reaktion auf Erika Steinbachs Reisepläne. Bemerkenswerter sind die Implikationen sorgfältig formulierter Sätze, mit denen Herbert Fischer seine Sicht auf die deutsch-polnische Geschichte kundtut. Da ist zuerst die Rede von Steinbachs »Geburtsort Rahmel in Westpreußen, der bereits seit 1945 zu Polen gehört«. Wahrlich ein Meisterstück der verschleiernden und doch alles enthüllenden Sprache!

Wir erfahren daraus, daß der Ort Rumia – deutsche Bezeichnung: Rahmel – nicht innerhalb der Gebiete liegt, die nach 1945 in den westdeutschen Schulatlanten als »z.Zt. unter polnischer Verwaltung« eingezeichnet waren und Leuten wie Fischer bis heute als deutsche Territorien gelten. Tatsächlich liegt Rumia einige Kilometer nordwestlich von Gdynia – frühere deutsche Bezeichnung Gdingen; 1939–45 »Gotenhafen« – und damit außerhalb der Vorkriegsgrenzen des Deutschen Reiches im sogenannten Polnischen Korridor. In einem Gebiet also, das zum Königreich Polen gehört hatte, bis dieses Ende des 18. Jahrhunderts von Preußen, Österreich und Rußland zerteilt und stückweise annektiert wurde. Rund 130 Jahre später, nach dem ersten Weltkrieg, wurde es laut Versailler Vertrag Teil des wieder errichteten polnischen Staates. Die Weimarer Republik erkannte die Grenze nie völkerrechtlich an, die Nazis radierten sie militärisch aus, und für Herbert Fischer wurde »Westpreußen« erst 1945 polnisch. Bis dahin muß es denn wohl deutsch gewesen sein. Hielt sich also Erika Steinbachs Familie zum Zeitpunkt ihrer Geburt ganz zu Recht dort auf, »wohin ihr Vater dienstverpflichtet worden war«? Daß sie aus einer »Besatzerfamilie« stamme, kann Fischer nur als böswillige polnische Unterstellung betrachten und muß es durch Anführungszeichen entsprechend kennzeichnen. Als Urheber dieser Verleumdung nennt er »Benedykt Wietrzykowski, Chef des Verbandes jener Polen, die das 1919/20 von Polen annektierte Westpreußen nach dessen Rückeroberung 1939/40 wieder verlassen mußten«. Vertriebene? Nein, sie mußten eben einfach »Westpreußen wieder verlassen« und Platz machen für Deutsche aus Bessarabien oder dem Baltikum, die die Nazis ab 1939 »heim ins Reich« holten.

Ein Zufall wird es da kaum sein, wenn Fischer Steinbach nicht nach Gdynia, sondern nach »Gotenhafen/Gdingen« reisen läßt, mit der Nazi-Bezeichnung an erster Stelle. Eine Stadt »im heute polnischen Westpreußen«.

Auch kein Zufall ist es, wenn in der Sudetendeutschen Zeitung immer wieder die Bezeichnung »Mitteldeutschland« für das Gebiet der fünf östlichen Bundesländer gebraucht wird, was folgerichtig bedeutet, daß es auch ein östlich von Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen gelegenes Ostdeutschland geben muß.

»Dialog und Wahrheit – Nachbarschaft gestalten« – leider ist nicht zu erwarten, daß diejenigen Tschechen, die in den letzten Jahren in zunehmender Zahl, als Zuhörer oder Referenten, am Sudetendeutschen Tag teilnehmen, dort nachfragen werden, wie der Slogan mit Fischers Artikel zusammenpaßt. Sie sollten es tun. Schließlich war die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei ebenfalls Bestandteil der Versailler Nachkriegsordnung von 1919 und ist der Sudetendeutschen Landsmannschaft bis heute ein Dorn im Auge.