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Titel1212

Franz Molnárs »Liliom«  (Walter Kaufmann)
Diese Inszenierung von Mona Kraushaar im Wien-Festival des Berliner Ensembles war wie das Bühnenbild flach und karg. Da hing ein Autoreifen vom Schnürboden, der als Schaukel diente, ein paar weitere Autoreifen lagen herum, einige Rohrstühle auch, ein Kühlschrank stand irgendwo, und über den armseligen Requisiten prangte grell die Leuchtschrift »Sky Flyer«. Hauptdarsteller Johannes Krisch offenbarte wenig von dem guten Kern, der in diesem Liliom steckt. Er schrie, blieb böse, blieb gefühlloser Raufbold, und warum Frau Muskat, die Karussellbesitzerin, ihm so ergeben ist und Julie, das Dienstmädchen, ihn so bedingungslos liebt, war ein Rätsel. Kein Verständnis dafür wollte aufkommen – zumal Larissa Fuchs eine marionettenhafte Julie gab, die alles über sich ergehen läßt, zu allem bereit ist, zu allem ja sagt: Ihr »Ja, Ja, Ja« klang so hohl wie fast alle ihre Antworten. Sie blieb Lilioms Spielball, und was sie über ihre Liebe zu ihm sagte, lief ins Leere. Mag sein, sie träumte von einer gänzlich anderen Liebe als der, die ihr beschert war, den Einblick »tief in die Seele« verwehrte sie.

Den gab, bei aller Kaugummi kauenden Schnoddrigkeit, eher ihre Freundin Marie, die von dem Soldaten schwärmt, der immer wieder zu ihr kommt. Es berührte wenig, daß sich Liliom nach fehlgeschlagenem Raubüberfall ein Küchenmesser in die Brust sticht. War zu begreifen, daß er das aus Scham vor dem eigenen Versagen tat?

Sein Innerstes war erst nach dem Selbstmord zu erahnen, nach seinen sechzehn Jahren im himmlischen Fegefeuer – da darf Liliom nämlich für einen Tag auf die Erde zurück zu seiner Julie und darf seine Tochter sehen, die all die Jahre in Julies Obhut war.

Der Liliom, der jetzt auf der Schwelle von Julies Tür steht, dieser unerkannte Bettler, der sich seiner Tochter bekannt machen und sie beschenken will, sie am Ende aber schlägt, so wie er einst Julie geschlagen hat (Liliom bleibt Liliom), hatte etwas Anrührendes, Mitleiderregendes – Johannes Krisch hatte sich der Vorstellung Franz Molnárs genähert, der Vorstellung von einem armen, ungehobelten Kerl mit Herz.