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Titel122013

Ein Belgier in Thüringen  (Peter Arlt)

Am Stadtpark hinter dem Hauptbahnhof Erfurts verkündet ein Transparent, daß der Park niedergelegt wird, weil dort künftig ein monumentales Kunstmuseum errichtet werden soll. Nun sind viele Erfurter entrüstet: Ein Stadtpark gegen ein Kunstmuseum! Und sie erfaßt auch keine Begeisterung, daß es der Bau des Universalmuseums vom berühmten Henry van de Velde sei. Bereits 1913/14 für diese Stelle entworfen, soll der damals gefaßte Beschluß des Stadtrates nun endlich verwirklicht werden. Mit etwas Ironieverständnis entpuppt sich das Bauschild als heitere Werbemaßnahme, sich im fünf Minuten entfernten Angermuseum das ausführlich dargelegte Museumsprojekt näher anzusehen (bis 8. September).

Henry van de Velde (1863–1957), in Antwerpen geboren und an den Akademien dort und in Paris ausgebildet, entwarf mit Edwin Redslob, dem Direktor des Städtischen Museums und konsequenten Exponenten der Moderne, den Neubau eines Universalmuseums in Erfurt, ein Vorhaben, das mit dem Ersten Weltkrieg und der Inflation zu den Akten gelegt wurde. Hineingespielt hat auch, wie schon 1908 in Weimar beim geplanten Neubau des Großherzoglichen Museums und zuvor bei dem des Theaters, der umgreifende nationale Hochmut, für ein deutsches Museum oder Theater keinen Belgier zu benötigen. Dabei verbanden sich mit diesem flämischen Künstler europaweit Hoffnungen, es gelänge mit ihm, fußend auf der Reformbewegung von Arts and Crafts Movement (William Morris), von der profitgerichteten Industrieproduktion und dem Historismus wegzukommen und die Gegenstände des täglichen Bedarfs allumfassend künstlerisch zu gestalten. Wobei die Idee weitergriff, sich mit der Verbindung von Kunst und Arbeitswelt der Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt entgegenzustellen und nicht nur die Kunst, sondern die Gesellschaft insgesamt zu reformieren. Für Henry van de Velde waren Friedrich Nietzsche und dessen Entwurf vom »Neuen Menschen« prophetisches Leitbild, zu dem er einen neuen Stil entwickeln wollte. Deshalb zog es ihn nach Weimar, wo Elisabeth Förster-Nietzsche und Harry Graf Kessler von einem »Neuen Weimar« träumten und davon, mit ihm, wie er sagte, eine »neue, dritte Epoche Weimarischer Kultur in die Wege zu leiten«. Er erweiterte mit originärer Raumauffassung das Nietzsche-Archiv und wurde 1901 als Berater des Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach berufen, um den Qualitätsverfall des Kunstgewerbes zu stoppen und Industrie und Kunstgewerbe zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu führen. Dafür konnte er als Wegbereiter des Bauhauses zwischen 1904 und 1911 die Kunstgewerbeschule erbauen. Sie wurde zur Keimzelle des späteren Bauhauses und ist seit 1995 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Im kunstgewerblichen Seminar van de Veldes, wo Lehrende und Studierende praktisch zusammenarbeiteten, ging den Kunsthandwerkern Weimars ein ästhetisches Licht auf, wie es gleichsam der europäischen Moderne prometheische Inspirationen gab. Darauf deutet sein sechsarmiger Kandelaber, mit dem an der Treppe des Neuen Museums Weimar die Schau »Leidenschaft, Funktion und Schönheit« beginnt. In der vielbesuchten Ausstellung breitet der Kurator Thomas Föhl das künstlerische Spektrum des Genies aus: Seine Möbel, Metall-, Textil-, Keramikarbeiten, dazu seine Malerei und Buchkunst sowie Darstellungen seiner architektonischen Projekte visualisieren den »Alleskünstler« (bis 23. Juni).

Schreibtische, Armlehnstuhl, Bücherschrank, Kinderbett und die Preziosen einer hohen Tafelkultur sind zu sehen, bis zum Tintenfaß und Brieföffner. Ein Tisch beeindruckt mit einer Fläche aus Onyx voll Wolkenillusionen. Aus der gemeinschaftlichen Arbeit mit Weimarer Handwerkern, die zu Medaillen und wirtschaftlichem Erfolg führten, sieht man mit der Hofkunsttischlerei Scheidemantel gefertigte Arbeiten. Van de Velde bedauerte, anderswo zu solchen kunstgewerblichen Leistungen nicht gelangt zu sein. Ein Vorgriff auf die betonte Funktionalität weist ein Friseurplatz für den Berliner Hoffriseur auf, denn die Wasser- und Gasleitungen werden unverkleidet als Gestaltungselemente herangeführt. Sein Credo »Die Linie ist eine Kraft« durchdringt alles, so die Buchgestaltungen oder Keramiken, die er teilweise für Handwerker in Bürgel entworfen hat, oder triglyphenähnliche Architekturdetails. Die findet man noch stärker beim Lehrer von Walter Gropius, dem deutschen Maler, Designer, Typografen und Architekten Peter Behrends, dessen Werk vom Jugendstil zum Industriedesign in der Kunsthalle Erfurt eine besondere Schau gewidmet ist, die von farbigen Vasen, dem Farbholzschnitt »Der Kuß« bis zur Gestaltung für AEG alles zeigt (bis 16. Juni).

Gegenüber Peter Behrends war der »Alleskönner« Henry van de Velde, wie Weimar zeigt, ein passabler Maler, dessen Bilder »Kettelndes Mädchen«, »Dünen«, »Garten im Sommer«, »Bord de mer« zeigen, wie er die Schule von Barbizon, Georges Seurat, Vincent van Gogh und Edvard Munch für sich auswertete. Das mit Seidengarnstickerei versehene Wolltuch-Bild »Engelwache« von 1892 weist ostasiatische Einflüsse und solche von Paul Gauguin nach. Mehrfach sind Bilder von Paul Baum, Curt Herrmann, Maurice Denis, Paul Signac, Ernst Ludwig Kirchner oder Aristide Maillol einbezogen, darunter Bildnisse von van de Velde, die große Achtung und Liebe zu ihm bezeugen.

Das Originäre Henry van de Veldes wird in seiner universalen Kunstausübung sichtbar, von der Weimarer Ausstellung gezeigt, der Mitte aller in Thüringen und Sachsen zum 150. Geburtstag des Künstlers veranstalteten Präsentationen, die in Weimar, Erfurt, Apolda, Kapellendorf, Jena, Kahla, Bürgel, Dornburg, Gera und Chemnitz ein einzigartiges Van-de-Velde-Jahr 2013 bilden. Seine Werke können zusammen mit den Arbeiten der Schüler, von Künstlerkollegen oder Künstlern des Widerparts einen komplexen und ausdifferenzierten Begriff davon geben, was Henry van de Velde unter »Gesamtkunstwerk« verstanden hat, eine weiterhin anregende Utopie.