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Titel122013

Dummspruch-Rekordler  (Volker Bräutigam)

Sie scheinen so gar nichts miteinander gemein zu haben. Doch der Schein trügt, wie meistens. Die Rede ist vom türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan und seinem japanischen Kollegen Shinzō Abe. Beide streben nach Größerem für ihr Land, beide mittels reichlich demokratieferner, den Willen ihrer Völker ignorierender Methoden. Ungleiche Brüder, aber gleiche Kappen ...

Abe möchte Japans wirtschaftliche Weltgeltung um den militärischen Part ergänzen. Die grundsätzlich pazifistisch geprägte Verfassung des Landes möchte er ohne die Hürde einer Zwei-Drittel-Mehrheit ändern können. Er zielt auf Artikel, die es Japan seit Ende des Zweiten Weltkriegs verbieten, seine »Selbstverteidigungskräfte« in eine »normale« Streitmacht umzubauen und sich daran zu beteiligen, internationale Konflikte mittels Gewalt zu lösen. Nachkriegs-Japan nimmt zwar längst an multinationalen »friedenssichernden« Missionen teil; seine Streitkräfte waren aber noch nie in Kampfhandlungen mit fremden Truppen verwickelt. Die japanische Armee hat keine Langstreckenangriffskapazitäten, keine entsprechenden Raketen, Langstreckenbomber, Tankflugzeuge. Und schon gar nicht kann Japan auf Atomwaffen zurückgreifen.

Diese entbehrt auch Erdoğans Türkei. Er ist unübersehbar bemüht, sein Land zur mittelöstlichen Kriegspartei zu machen; anders sind seine aggressiven Forderungen nicht zu interpretieren, der »Westen« möge im Nachbarland Syrien militärisch eingreifen, beginnend mit der Einrichtung einer sogenannten Flugverbotszone. »Patriot«-Raketensysteme der deutschen Bundeswehr hat er dafür schon erbeten und – aber gewiß doch, doa simmer dabei! – auch bekommen. Zudem könne die Türkei jederzeit Militärbasen stellen, falls es ernst werde mit dem Iran ...

Was unternehmen Regierungschefs zweier Nicht-Atommächte mit gleichen militaristischen Großmacht-Phantasien? Richtig, sie rufen weithin vernehmbar eine »Strategische Partnerschaft« aus und vereinbaren flugs den Bau großer Atomkraftwerke, zu purer ziviler Energieproduktion, versteht sich. So geschehen Anfang Mai in Ankara. Der Boss in den USA hatte schließlich nichts dagegen. Barack Obama läßt seine Vasallen gewähren und überzieht, obwohl die AKW-Baupläne sich gleichen, bloß widerspenstige Länder wie Iran mit existenzgefährdenden Sanktionen und droht mit der »militärischen Option«. Merke: US-Verbündete nutzen die Atomkraft inklusive der – plutoniumhaltigen – Nebenprodukte garantiert nur friedlich. Die Mullahs in Teheran behaupten das zwar auch, wollen aber, »wie jedermann weiß«, die Bombe. Die jedoch darf nicht in die Hände hartleibiger »Islamisten« geraten. Was, Erdoğan ist auch Moslem? Macht nichts, er ist ja ein guter, NATO sei Dank.

Und die Schnarchsäcke in den Redaktionen unserer stramm atlantisch-gleichgeschalteten öffentlich-rechtlichen Leitmedien haben wieder mal nichts bemerkt oder die neue japanisch-türkische Combo nicht für erwähnenswert gehalten, anders als zum Beispiel der kommerzielle Nachrichtensender n-tv. Lediglich die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua fand das Ereignis in Ankara höchst berichtenswert.

Die Atomkatastrophe in Fukushima ereignete sich ja auch schon vor mehr als zwei Jahren, im März 2011. Kann man also ruhig vergessen, ist doch längst vorbei. Japanische Atomtechnologie stammt aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts und bedarf schließlich der Weiterentwicklung. Und daß die Türkei ebenso wie Japan in höchstem Maße erdbebengefährdet ist – wen juckt das denn? In der Provinz Mersin an der türkischen Mittelmeerküste ist bereits für 16 Milliarden Euro und mit russischer Hilfe ein Atomkraftwerk vorgesehen, das hat die Öffentlichkeit auch nur kurze Zeit aufgeregt; nun kommt eben in den nächsten zehn Jahren ein AKW-Bau hinzu, bei Sinop am nördlichsten Punkt der türkischen Schwarzmeerküste. Den Auftrag teilen sich Japans Mitsubishi und Frankreichs Areva. Und weil aller guten Dinge drei sind, will Erdoğan auf der europäischen Landesseite, in der Provinz Tekirdag, ein weiteres Atomei legen.

Die Türkei brauche eine Diversifizierung ihrer Energieversorgung, erklärte er und pfiff dabei auf die nicht zu beantwortende Frage, wie und wo die radioaktiven Abfallprodukte der atomaren Energieerzeugung gefahrlos und »endgültig« gelagert werden könnten. Erdoğan ist mit solch ignoranter Indifferenz bekanntlich nicht allein. »Als Entwicklungsland benötigen wir unterschiedliche Energiequellen. Je mehr Energie wir verfügbar machen, desto mehr bringen wir zum Ausdruck, wie zivilisiert wir sind. Deshalb unternehmen wir diesen Schritt. Erst mit Rußland, nun mit Japan«, erklärte der Regierungschef laut Korrespondentenberichten des chinesischen Fernsehsenders CCTV. Selbstredend sei die Sicherheit der geplanten Anlagen gewährleistet, Fukushima hin, Tschernobyl her. Harrisburg, Sellafield, Krümmel, Brunsbüttel und ungezählte weitere atomare Hopplas stören doch einen stolzen Türken nicht.

Erdoğans Argumentation muß man sich auf dem Trommelfell zergehen lassen: »Vermeiden wir es, uns ins Auto zu setzen, weil ein Unfall passieren könnte? Bei der Verwendung der Nuklearenergie werden die höchstentwickelten Technologien angewandt, alle denkbaren Investitionen dafür gemacht. Unser Ansatz muß sein: Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ist eine Million zu eins.« Ein Eintrag in der Rekordliste für dumm-dreiste Sprüche machtgeiler Politiker ist Erdoğan damit sicher.

Shinzō Abe lächelte bei Erdoğans Ansage milde. Japans Regierungen haben Erfahrung damit, wie man vor der Atomlobby kuscht, wenn der millionste Fall der Fälle eintritt: Man scheißt vor allem auf Volkes Ängste. Dessen Leidensfähigkeit, Ohnmachtgefühle und Fatalismus sowie die allmähliche Gewöhnung an das Leben unter Gefahr atomarer Katastrophen ersparen den Eliten altmodische Sorgen.