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Titel1318

Nein, diese Suppe ess‘ ich nicht!  (Klaus Nilius)

Am 4. März dieses Jahres schrieb Georg Diez in seiner SPON-Kolumne (= Spiegel Online): »Peer Steinbrück …, dessen Buch ›Das Elend der Sozialdemokratie‹ gerade erschienen ist, hat dazu im ›Spiegel‹ ein exemplarisches Interview gegeben, in dem er seine Ratlosigkeit durch Ruppigkeit und Rechthaberei überspielt und dabei keinen einzigen konstruktiven Gedanken hat, wie man die ökonomischen Fragen dieser Zeit angehen sollte.«

 

Ruppigkeit und Rechthaberei, diese Charakterisierungen begleiten Steinbrück seitdem er, aus dem Büro des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rau kommend, 1990 als Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Umweltministerium an die Kieler Förde kam. Schon bald glaubte er alles besser zu können als sein angesehener Minister Berndt Heydemann. 1993 beerbte er dann den Wirtschaftsminister Franz Froschmaier, und prompt wusste er schnell alles besser als die amtierende Ministerpräsidentin Heide Simonis, deren Politik er folgerichtig und kurzerhand später als »Klein-klein auf Pepita-Niveau« abfertigte.

 

1998 kehrte Steinbrück zurück nach Nordrhein-Westfalen, als Landesminister. 2002 schlug dann seine große Stunde: Als Nachfolger von Wolfgang Clement wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt. Endlich oben. Prompt vergeigte er es: Als Spitzenkandidat fuhr er bei der Landtagswahl 2005 das schlechteste SPD-Ergebnis seit 1954 ein.

 

Da solch ein Talent nicht brachliegen darf, holte ihn noch im selben Jahr Angela Merkel als Bundesfinanzminister in ihr Kabinett. Hier tat er sich dann mit der Förderung von Private Equity und Real-Estate-Investments-Trusts hervor und erleichterte den Handel mit »Verbriefungen«, den später berühmten »Schrott-Papieren«.

 

2009 trat er bei der Bundestagswahl im Wahlkreis 105 (Mettmann I) an. Das Direktmandat gewann jedoch die CDU-Politikerin Michaela Noll mit 44,4 Prozent zu 33,8 Prozent. In der folgenden Bundestagsperiode leistete Steinbrück einen eigenen Beitrag zur Deregulierung der Parlamentsarbeit: Er erwarb sich ohne große Mühen den Ruf eines »Schulschwänzers«, weil er bei zahlreichen wichtigen Parlamentsabstimmungen und Gremiensitzungen durch Abwesenheit glänzte. Vielleicht war das den vielen honorarpflichtigen Nebentätigkeiten geschuldet, durch die er, wie es heißt, »die höchsten veröffentlichten Nebeneinkünfte aller Abgeordneten des Deutschen Bundestages« einfuhr?

 

Und dann wurde er Kanzlerkandidat der SPD, einstimmig nominiert vom geballten Sachverstand des SPD-Parteivorstands für die Wahl am 22. September 2013. Das Ergebnis: 25,7 Prozent und wieder nicht gewonnen. Dafür aber während des Wahlkampfes viele Themen gesetzt. Zum Beispiel über seine Haupt- und Nebeneinkünfte. Zum Beispiel über seine Bemerkung, Weißwein unter 5 Euro sei nicht trinkbar. Zum Beispiel über seinen Stinkefinger der linken Hand, den er eine Woche vor der Bundestagswahl stillos vom Titelblatt des Magazins der Süddeutschen Zeitung seinen Kritikern entgegenreckte. »Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi«, genüsslich zählte das Blatt dabei die »nicht so netten Spitznamen« auf.

 

Im Sommer 2017 schließlich, in der Endphase des Schulz-Wahlkampfs, zu einem Zeitpunkt also, der für die Partei nicht ungünstiger hätte sein können, hatte dieser Peer – kein MdB mehr, aber immer noch MdSPD – nichts Besseres zu tun, als zusammen mit dem Kabarettisten Florian Schroeder als »satirisches Dreamteam« durch die deutschen Lande zu touren und vor vollen Sälen seine Sottisen abzulassen.

 

Tja, warum habe ich das alles aufgeschrieben? Weil eben dieser Steinbrück nun im Frühjahr das schon erwähnte Buch »Das Elend der Sozialdemokratie« veröffentlicht hat. Ein Bekannter bekam es zum Geburtstag geschenkt. Hin- und hergerissen von dem Gelesenen bat er mich um meine Meinung zu diesen »Anmerkungen eines Genossen«, wie der Untertitel des Buches lautet. Mein Urteil stimmt ausnahmsweise einmal mit dem eines Rezensenten der Welt überein (Online-Kommentar am 6. März 2018): »Einige Probleme seiner Partei analysiert er klug, doch dass er selbst zum Niedergang beitrug, erwähnt er dabei nicht.« Bei dieser Abrechnung schwinge »etwas Würdeloses mit«.

 

Nein, diese Suppe ess‘ ich nicht! Ich halte es lieber mit dem trojanischen Priester Laokoon. Als dieser vor Trojas Mauern das hölzerne Riesenpferd sah, in dem sich feindliche griechische Krieger verbargen, rief er laut Vergils lateinischer Schilderung aus: »Quidquid id est timeo Danaos, et dona ferentes«: »Was es auch sei, ich fürchte die Danaer (= die Griechen; K. N.), selbst wenn sie Geschenke bringen.« Was in unserem Fall bedeuten möge: Was auch immer an klugen Gedanken in dem Buch stecken mag, wer so viel vergeigt hat, sollte lieber den Rand halten. Auch Ratschläge können Schläge sein.

 

 

Peer Steinbrück: »Das Elend der Sozialdemokratie«, C.H.Beck, 189 Seiten, 14,95 €