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Zwanzig Jahre Faber & Faber  (Matthias Biskupek)
Manche meinen: Die Bedeutung von Buchverlagen schwindet im Zeitalter von Book on demand, Blogs und Eigenverlag-Eitelkeit. Sie haben nicht unrecht. Wenn Bücher mit einem Minimum an Aufwand, also auch relativ geringen Kosten, hergestellt werden können, wenn jede Zahnarztgattin ihre wichtigen Lebenserkenntnisse gebündelt und gebunden in die Welt hinausgeben kann, ist der Zeitpunkt nicht fern, da Bücher wie Anzeigenblätter unentgeltlich zu haben sind.

Doch gute Bücher sind Wertgegenstände, die in ihrem Entstehen nicht nur den Autor, sondern viele ordnende Hände benötigen. Und geistreiche Köpfe. Und gute Buch-Handwerker. Das ist einer Theaterproduktion vergleichbar: Es muß den Intendanten geben, der die verschiedenen Künste zusammenführen kann: den Dramaturgen, den Regisseur, die Schauspieler, Musiker, Beleuchter und andere mehr; bei der Buchproduktion sind es neben dem Textautor zumindest der Lektor und Korrektor, der Schriftgestalter, der Buchgraphiker und der Buchbinder.

Elmar Faber hat das Büchermachen bei verschiedenen Verlagen gelernt, in einem Staat, da dem Buch viel, manchmal übermäßig viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Als Chef des Aufbau-Verlages – bis 1992 – stand er schließlich an der Spitze des größten Unternehmens der DDR-Buchproduktion.

Faber hat immer den Sinn für das gute, das nobel edierte Buch behalten. Und als er 1990 mit seinem Sohn Michael, zunächst noch in Berlin, den Verlag Faber & Faber gründete, setzten sie den Schwerpunkt auf bibliophile Bücher.

1995 zog der Verlag in das einstige deutsche Buch-Zentrum, in die Mozart-Straße nach Leipzig, das Elmar Faber, gebürtiger Thüringer, seit Jahrzehnten zur Wahlheimat erkoren hatte. Hier produziert der Verlag nun seit Jahren Pressendrucke in winziger Auflage, große Kunstbände, verspielte »Buchkuriosa«, neu illustrierte »Kultbücher der Weltliteratur«, und mit der »DDR-Bibliothek« verweist der Verlag selbstbewußt auf seine Wurzeln. Der für die Buchgraphik vielleicht wichtigste Coup aber gelang dem Verlag mit der Edition »Die graphischen Bücher. Erstlingswerke deutscher Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts«. Drei Dutzend Bücher wurden von den bedeutendsten deutschen Buchgestaltern wie Juergen Seuss, Gert Wunderlich, Horst Schuster und Rainer Groothuis gleichsam inszeniert. Die dafür gewonnenen Illustratoren vertreten die deutsche Kunst bestens: Felix Martin Furtwängler und Hans Ticha, Johannes Grützke und Baldwin Zettl, Sascha Juritz und Annette Lucks, Bernhard Heisig, Willi Sitte oder Wieland Förster. Die Autoren Brecht und Kafka, Seghers und Mühsam, Braun und Hein, Ringelnatz und Böll, Wolf und Kästner, Feuchtwanger und Fleisser, Barlach und Trakl erreichten ihre hohen Auflagen bei großen Verlagen wie Rowohlt, Aufbau oder Kiepenheuer, doch jene Erstausgaben waren zumeist in winzigen Editionshäuschen erschienen – die aber das große Abenteuer des Verlegens begriffen hatten.

Dem Verlag schlägt gelegentlich auch der windschnittige Zeitgeist ins Gesicht. So meinte ein Redakteur der ver.di-Zeitschrift Kunst und Kultur, eine Ehrung des Verlages für die »DDR-Bibliothek« bekritteln zu müssen: »... man sollte und kann wissen, daß Herr Faber zu DDR-Zeiten Teil des Zensur-Apparates war. Über einen konkreten Fall habe ich im vergangenen Jahr in dem Heft ›Wahnsinn‹ anläßlich des 1989er Jubiläums berichtet. Soviel zum ›Land der Ideen‹.« Der konkrete Fall betraf einen »Mißlungene deutsche Vereinigung« betitelten Beitrag, in dem leider wieder einmal die völlige Unkenntnis der DDR-Verlagslandschaft, die geographische Landschaft inbegriffen, deutlich wurde. Elmar Faber wurde darin für die »Zensur« eines Gedichtbandes gegeißelt. Dieser Band war 1988 sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland erschienen. In der ostdeutschen Ausgabe fehlten tatsächlich einige der vom Herausgeber zusammengestellten Texte, in der westdeutschen waren weit mehr Gedichte »herauszensiert« worden.

Ein Verleger ist immer auch jemand, der seinen Geschmack in seinen Verlag einbringen soll, darf und muß. In Zeiten, da zumindest in unseren Breiten wirklich fast jeder seine Texte nach alleinseligmachender Fasson drucken und bloggen, wenn auch kaum massenhaft verbreiten kann, sind Verlage wie Faber & Faber mit ihrem festen ästhetischen Fundament ein Leuchtfeuer im Meer der Beliebigkeit. Dazu meinen herzlichen Glückwunsch.