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Titel1419

Manöveritis  (Ralph Hartmann)

Der seit 30 Jahren in den Niederlanden lebende Sozial- und Politikwissenschaftler Ullrich Mies hat nachgezählt und festgestellt, dass es von 2014 bis 2018 weit über 1000 NATO-Militärmanöver und -Übungen gab. 2016 war die im Juni in Polen stattgefundene Kriegsübung von Luft- und Landstreitkräften »Anakonda« das größte Militärmanöver. An ihm nahmen 31.000 Soldaten aus 23 Staaten teil. Das größte Manöver des Paktes im Jahr 2018 trug den leicht mysteriösen Namen »Trident Juncture« (bei dem vielleicht Poseidons Dreizack als Symbol seiner Herrschaft über das Meer Pate stand) und ging vom 25. Oktober bis 7. November in Teilen Norwegens und den umliegenden Gebieten des Nordatlantiks und der Ostsee über die Bühne. An ihm nahmen rund 50.000 Soldaten mit 250 Flugzeugen, 65 Schiffen und bis zu 10.000 Fahrzeugen teil. Die große Mehrheit der rund 1000 NATO-Manöver fand laut Mies nahe der russischen Westgrenze statt. Obwohl Sprecher des Militärpaktes behaupten, die NATO-Übungen seien nicht gegen ein Land gerichtet, sondern basierten auf fiktiven Szenarien mit fiktiven Gegnern, ist es wahrlich kein Geheimnis, dass fast alle diese Manöver gegen Russland gerichtet waren.

 

Neue große und kleinere Kriegsübungen des Nordatlantikpaktes (North Atlantic Treaty Organization, NATO) stehen bevor. Einen Höhepunkt soll 2021 das Großmanöver »Steadfast Defender« (Standhafter Verteidiger) bilden. Es soll hauptsächlich in Polen und in Deutschland stattfinden. Interessanterweise findet man im Internet bisher kaum Informationen über diese große Kriegsübung. Nicht einmal auf der NATO-Website ist ein Eintrag zu dem geplanten Manöver zu finden. Trotzdem ist die Geheimhaltung nicht perfekt. Erste Informationen plauderte der ranghöchste NATO-Admiral und deutsche Vizekommandeur des NATO-Hauptquartiers »Allied Command Transformation« in den USA, Manfred Nielson, aus. Der Grund für seine Informationsfreudigkeit ist simpel. Er ist besorgt, nicht wegen der politischen Folgen der geplanten Großübung, sondern wegen der »erhebliche[n] Defizite der deutschen Infrastruktur, die die Übung in zwei Jahren behindern könnten«. Wie Admiral Nielson gegenüber der Welt erklärte, werden bei dem Manöver »mehr als 10.000 US-Soldaten mit rund 1100 gepanzerten und ungepanzerten Fahrzeugen per Schiff in mehreren europäischen Häfen ankommen und dann weiter nach Osteuropa verlegt«. Die Infrastruktur Deutschlands, also beispielsweise Straßen, Schienennetze und Brücken, seien in »einem miserablen Zustand«. Nun räche sich, dass »wir uns mehr als 20 Jahre um solche Aufgaben nicht ausreichend gekümmert haben«. Ja, Hitler war da weitsichtiger, er ließ die Autobahnen bauen.

Nielson erwartet auch bei der Deutschen Bahn Schwierigkeiten. Derzeit sei es mit ihr nicht möglich, in fünf Tagen innerhalb Deutschlands Panzer zu transportieren. Die Not ist groß, aber Hilfe ist in Sicht. Schließlich stellt die EU 6,5 Milliarden Euro bereit, um die Infrastruktur quer durch Europa bis an die Ostfront »kriegsfest zu machen«. Ein schöner Trost.

 

Selbstverständlich führt auch Russland Militärmanöver durch. Die FAZ behauptet gar, dass der Kreml mehr solche Übungen veranstaltet als die NATO. Beweise liefert das Blatt nicht. Hin und wieder finden im russischen Riesenreich allerdings auch Großmanöver statt. Im vergangenen Jahr war es die Übung »Wostok 2018«, das größte Manöver seit 1981. Eingesetzt wurden in ihm laut russischem Verteidigungsministerium 300.000 Soldaten, bis zu 36.000 Panzer und Militärfahrzeuge, mehr als 1000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen sowie 80 Marineschiffe. China beteiligte sich an der Übung. Obwohl der Adressat des Großmanövers in Sibirien und im Fernen Osten Russlands leicht zu erkennen war, erklärte Generalstabschef Waleri Gerassimow nach NATO-Vorbild, dass es sich gegen kein anderes Land richte. So trägt auch Moskau zu der um sich greifenden Mänöveritis bei. Allerdings unterscheiden sich russische Manöver von den Kriegsübungen der NATO. Während letztere meist in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze stattfinden, werden erstere weit entfernt von den NATO-Hauptmächten, den USA, Deutschland und Frankreich, durchgeführt.

 

Mittlerweile ist die Manöveritis in den internationalen Beziehungen eine gefährliche Seuche. Sie ist ansteckend und fügt der Umwelt beträchtlichen Schaden zu. Und dem Staatshaushalt entzieht sie Jahr für Jahr Millionen und Abermillionen Euro, die an anderer Stelle nutzbringend eingesetzt werden könnten. Allein das NATO-Manöver »Trident Juncture« kostete Deutschland 90 Millionen Euro. 2018 baute die Bundeswehr ihre Beteiligung an NATO-Manövern weiter aus und ließ sich dies mehr kosten als in den vorangegangenen Jahren. Rund 300 Millionen Euro kostete der Manöverspaß. 2017 waren dafür 264 Millionen Euro ausgegeben worden.

 

Leicht lässt sich errechnen, wie viele Milliarden DM und Euro in den letzten Jahrzehnten für Kriegsübungen ausgegeben wurden. Abgesehen von einem gewissen Abschreckungseffekt sind die Kriegsmanöver weitgehend nutzlos. Die Milliarden, die im Sozialhaushalt dringend benötigt würden, werden zum Fenster hinausgeworfen. Die NATO-Befehlshaber und die Generäle proben den Krieg gegen Russland. Was für ein Schwachsinn im Zeitalter der Kernwaffen. Sie können noch solange proben, den Krieg könnten sie nicht gewinnen. Sollten NATO-Aggressoren doch auf russisches Territorium vordringen und gar Kernwaffen einsetzen, würden die russischen Streitkräfte mit atomarer Gewalt zurückschlagen. Berlin wäre genauso bedroht wie New York oder Los Angeles. In diesem Fall würde die Voraussage zutreffen: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.

 

Wie aktuell, wie erschreckend groß die Gefahr eines nuklearen Infernos ist, zeigt ein kürzlich veröffentlichtes Dokument des Pentagons mit dem Titel »Nukleare Operationen«. Das Papier trägt das Datum 11. Juni 2019 und ist vom Vereinigten Generalstab (Joint Chiefs of Staff) abgezeichnet. Es enthält die »Grundprinzipien und Leitlinien für die Planung, Durchführung und Bewertung atomarer Operationen«. In dem Dokument vertreten die Strategen im US-Verteidigungsministerium die Auffassung, dass ein Kernwaffenkrieg gewonnen werden kann. Die schier unglaubliche Annahme formulieren sie mit Worten, als ginge es um die normalste Sache der Welt. Lakonisch stellen sie fest: »Der Einsatz von Atomwaffen könnte die Voraussetzungen für entscheidende Ergebnisse und die Wiederherstellung der strategischen Stabilität schaffen. Insbesondere wird der Einsatz einer Atomwaffe den Umfang einer Schlacht grundlegend verändern und Bedingungen schaffen, die beeinflussen, wie sich Kommandeure in einem Konflikt durchsetzen werden.« (zitiert nach: https://deutsch.rt.com)

 

Das Dokument ergänzt die 2018 aktualisierte US-Nukleardoktrin, in der das Weiße Haus und das Pentagon bekräftigten, an der atomaren Erstschlag-Option festzuhalten, und Umstände auflisten, unter denen die USA einen solchen Erstschlag für möglich und notwendig erachten. Wie kreuzgefährlich diese Pläne für den Weltfrieden, für den gesamten Planeten und das Überleben der Menschheit sind, zeigt die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten unter den Präsidenten Obama und Trump enorme Mittel für die Modernisierung der »nuklearen Triade« – luft-, wasser- und landgestützte Atomraketen – vorgesehen haben. Aus Washingtoner Sicht kann eine große militärische Auseinandersetzung, zum Beispiel mit Russland und/oder China, nur ein Kernwaffenkrieg sein. Angesichts der atomaren Bedrohung sind Manöver, in denen mit konventionellen Waffen geführte Kriege geübt werden, sinn- und nutzlos. Das Üben von Sturm- und Gegenangriffen, Bau von Schützengräben und Pontonbrücken, dem Zusammenwirken von Land-, See- und Luftstreitkräften, Luftlandeoperationen, Artilleriebeschuss und -abwehr, Panzerschlachten und was es sonst noch an schönen Kriegsspielen gibt, ist überflüssig. Millionen und Milliarden Dollar und Euros könnten besser und fruchtbringend eingesetzt werden, wenn die Manöveritis endlich gestoppt würde. Statt immer wieder Kriegsgeheul anzustimmen, wäre es doch vernünftiger, Friedensbotschaften zu verbreiten, zum Beispiel die von Friedrich Schiller:

Holder Friede,

Süße Eintracht,

Weilet, weilet

Freundlich über dieser Stadt!

Möge nie der Tag erscheinen,

Wo des rauhen Krieges Horden

Dieses stille Tal durchtoben,

Wo der Himmel,

Den des Abends sanfte Röte

Lieblich malt,

Von der Dörfer, von der Städte

Wildem Brande schrecklich strahlt!