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Titel1419

Maria Grollmuß – »die Volksfront in Person«  (Peter Wittig)

Sie hatte einen kristallklaren Kopf, ein brennendes Herz und die ungeschicktesten Hände der Welt. Ohne die Solidarität ihrer Kameradinnen hätte sie im KZ Ravensbrück keine zehn Tage überlebt. Zum Appell trugen sie ihr Jacke und Kopftuch nach. In den Arbeitskommandos – Straßenbau, Acker, Wehrmachtssockenstricken im Akkord – übernahmen sie die Arbeit, die sie nicht schaffte. Sie dankte auf ihre Weise. Sie scharte die Frauen um sich und war ihnen eine lebende Volkshochschule. Sie lehrte Geschichte, Literatur, Politik. Das war ihr Beitrag zum Überleben: in den geschundenen Körpern den Geist wach zu halten. Sie starb ein Dreivierteljahr vor der Befreiung, am 6. August 1944, noch nicht einmal 50 Jahre alt.

 

Sie hieß Maria Grollmuß oder Marja Grólmusec und war Sorbin. Nicht weniger aber war sie Internationalistin. Ihre polnischen, tschechischen, französischen Ravensbrücker Kameradinnen, unter ihnen Geneviève de Gaulle, haben es bezeugt.

 

Ihr Vater, Sohn armer Leute aus Radibor, war Direktor der 1. Katholischen Bürgerschule in Leipzig. Dass seine Tochter Lehrerin wurde, war er bereit zu akzeptieren. Ihr Studium in Leipzig und Berlin, Geschichte und Romanistik, musste sie sich erkämpfen. Die Aberkennung des Doktortitels durch die Nazis traf sie hart.

 

Ihr politisches Schlüsselerlebnis: die Novemberrevolution. »Ich war soeben bewußt Sozialistin geworden«, schreibt sie ins Tagebuch. Ihr politisches Engagement beginnt – bei katholischer Herkunft logisch – im Windthorstbund, der Jugendorganisation der Zentrumspartei. Sie lernt Joseph Wirth kennen, 1921-22 Reichskanzler der Weimarer Republik, Architekt des Rapallovertrages mit der Sowjetunion, von seinen Gegnern »der rote Wirth« geschimpft, und arbeitet für ihn. In Leipzig ist sie Mitbegründerin des Sozialistischen Studentenbundes und der sorbischen Studentinnenvereinigung »Wita«. In Frankfurt am Main profiliert sie sich als politische Journalistin. In diese Zeit fallen ihre Schriften »Die Frau und die junge Demokratie« (1925) und »Über die weibliche Form in der Politik« (1926). Sie formuliert darin nichts Geringeres als den Ansatz zu einem ganzheitlichen, feministischen Politikverständnis:

»Die Frau ist Proletarier in der Kultur der Gegenwart. […] Das Wesen der Gegenwartskultur ist Differenzierung und Sachlichkeit. Durch diese wird die Ganzheit des Lebens in ein Nebeneinander von Sachen verwandelt. Das Wesen der Frau aber ist Totalität.« Als positive Provokation folgt das Bonmot: »Die Frau ist unsachlich.«

 

Marias Bezugspersonen sind ihre Firmpatin, Jeanne d´Arc, Katharina von Siena, die Politikerin unter den Heiligen, und Rosa Luxemburg.

 

Anderthalb Jahre ist sie Mitglied der SPD, nach dem »Blutmai« 1929 tritt sie aus. Sie lebt, zeitweilig arbeitslos, inzwischen in Berlin, hat aber immer auch einen Fuß im sorbischen Radibor. Aus der KPD wird sie nach einem Dreivierteljahr ausgeschlossen. Die Partei plant die Gründung einer separaten Gewerkschaft, das ist mit der engagierten Gewerkschafterin Maria Grollmuß nicht zu machen; später wird Walter Ulbricht es einen Hauptfehler jener Jahre nennen. Maria leidet sehr unter dem Ausschluss. Mangels Alternativen wechselt sie zur KPO (Kommunistische Partei/Opposition). 1932 rückt die SAP (Sozialistische Arbeiterpartei) in ihr Blickfeld. Bei den Wahlen 1932 ist sie SAP-Reichstagskandidatin. Die SAP ist eine Gründung junger Aktivisten mit der Vision, zwischen den Apparaten von SPD und KPD belebende Brücke zu sein; führender Kopf in Sachsen ist Max Seydewitz, im Norden Herbert Frahm, der später Willy Brandt heißen wird. Nach der Machtergreifung der Faschisten geht Seydewitz nach Prag und wird wieder Sozialdemokrat; Maria Grollmuß geht in die Illegalität und arbeitet in der Gruppe »Revolutionäre Sozialisten Deutschlands«. Für die Roten Blätter der Gruppe schreibt sie ihren letzten Artikel »Die neue revolutionäre Haltung«. Der Kernsatz:

»Es genügt nicht, die Revolution zu bejahen, man muß sie durchführen, zum Siege führen.«

 

 Maria belässt es nicht bei mitreißenden Worten. Sie macht Basisarbeit: als Kurierin; als Fluchthelferin (ihr Husarenstück: die drei Seydewitz-Söhne durchs Altenberger Hochmoor über die tschechische Grenze zu bringen); als Fürsorgerin, Geld sammelnd für Familien Verfolgter. Sie hilft jedem, der Hilfe braucht, ob Sozialist, ob Christ. Sie arbeitet mit dem kommunistischen Widerstandskämpfer Paul Neck (Pawoł Njek) in Bautzen genauso eng zusammen wie mit dem Bischof von Meißen. Ruth Seydewitz nennt sie »die Volksfront in Person«. 1934 wird sie verhaftet, 1935 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, danach versucht die Gestapo sie anzuwerben – andernfalls KZ. Maria entscheidet sich für das KZ.

 

In den Briefen aus Zuchthaus und KZ an ihre Schwester Cäcilia ist von Politik keine Rede mehr (wen wundert´s, solche Briefe gehen durch die Zensur). Umso nachdrücklicher schreibt Maria vom Glauben. Weil er ihr, die sich von der Institution Kirche längst verabschiedet hat, hilft, in der Zelle und im Lager nicht zu zerbrechen? Weil sie die Schwester draußen vor dem Zerbrechen bewahren will? Marias religiöser Horizont sprengt alle dogmatischen Grenzen. In einem Gedicht ernennt sie die griechischen Göttinnen Athene und Aphrodite zu Ahnfrauen der Jungfrau Maria. Ihre Oster- und Pfingstvisionen sind voll Verachtung für fromme Innerlichkeit (»ach wie klein und feige und spießig sind doch diese Westler, bei denen es nicht weiterreicht als bis zu dem kleinen Menschenangesicht der Seele«); sie sind Visionen von einem neuen »Angesicht der Erde«, Visionen von der Veränderung der Welt. Einige Jahrzehnte nach Marias Tod werden die revolutionären Theologen der Befreiung dies neu formulieren. Papst Wojtyła wird sie dafür aufs Haupt schlagen.

 

»Ich träume davon, die katholische Linke und die sozialistische Linke zu versöhnen«, vertraut Maria noch kurz vor ihrem Tod einer Häftlingskameradin an. »Versöhnen«, gar »Versöhnlertum« sind im politischen Vokabular schwer negative Worte. Für die Antifaschistin Maria Grollmuß heißt versöhnen ganz einfach: zusammenarbeiten. Am 6. August gedenken wir ihres 75. Todestags.