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Caillebotte: Im Netzwerk des Impressionismus  (Klaus Hammer)

Eigentlich sollte er das väterliche Unternehmen übernehmen, aber dann wandte sich Gustave Caillebotte der Kunst zu. Frühe Gemälde belegen sein Interesse an klar gegliederten Raumstrukturen und fotografisch anmutenden Weitwinkelperspektiven. Den akademischen Malstil, in dem er unterwiesen wurde, gab er schnell auf und schloss sich der künstlerischen Avantgarde, den impressionistischen »Partisanen«, an. Doch ging es ihm zunächst weniger darum, den eigenen Durchbruch als Maler zu betreiben, als vielmehr, den der impressionistischen Künstler zu fördern. Er setzte sein Vermögen ein, um Maler der neuen Richtung, darunter Camille Pissarro und Claude Monet, finanziell zu unterstützen. Er übernahm die Rolle eines Organisators und Finanziers der Impressionisten, baute eine eigene Sammlung auf. Streitigkeiten unter den Impressionisten ließen die siebente Impressionistenausstellung, die schon ohne Degas stattfand, auch zur letzten Teilnahme von Caillebotte, Monet und Renoir werden. Von nun an sollte die Einzelausstellung die gemeinschaftliche Präsentation ablösen.

 

Als Caillebotte bereits mit 44 Jahren – 1894 – starb, hatte er seine Impressionisten-Sammlung – etwa 65 Werke, darunter Hauptwerke wie Manets »Der Balkon«, Renoirs »Ball im Moulin de la Galette« und »Die Schaukel« wie auch die »Badenden« von Cézanne oder Monets »Der Bahnhof Saint-Lazare« – dem französischen Staat übereignet. Erstmals kam der Impressionismus in Museumsbesitz und wurde damals – nicht ohne Widerstand – im Musée du Luxemburg in einem eigenen Impressionismus-Saal ausgestellt. Fast zeitgleich war Hugo von Tschudi als soeben berufener Direktor der Berliner Gemäldegalerie mit Max Liebermann nach Paris gereist und erwarb hier mit Hilfe privater Geldgeber über 30 Werke ausländischer – vornehmlich impressionistischer – Künstler. Erst dann beantragte er bei Wilhelm II. ihre Aufnahme in die Galerie als Schenkung. Bis zum endgültigen Bruch mit dem Kaiser und seiner Demission 1908 konnte er mit Werken von Manet, Renoir, Monet, Degas, Cezanne, Sisley und Pissarro den Grundstock zu einer der ersten Impressionisten-Sammlungen in einem deutschen Museum zusammentragen.

 

Caillebottes eigenes Werk wurde dagegen nach seinem Tode weitgehend vergessen, erst 50 Jahre später erschien die erste Monographie über ihn, und es vergingen dann noch einmal 50 Jahre, bis die ersten großen Retrospektiven in Paris, Chicago und Los Angeles stattfanden und sein malerisches Werk endgültig wieder ins Bewusstsein der Zeit gehoben wurde.

 

Diese Vorgeschichte muss man kennen, um die Bedeutung einzuschätzen, die die gegenwärtige Caillebotte-Schau in der Alten Nationalgalerie auszeichnet. Im Gegenzug zum Verleih des »Wintergartens« von Manet ist Caillebottes »Straße in Paris«, eine Ikone des Impressionismus, aus dem Art Institute of Chicago nach Berlin gekommen, dazu weitere Hauptwerke aus der Sammlung Caillebotte, die sich heute im Musée d’ Orsay befinden, sowie aus internationalem Museums- und Privatbesitz. Sie ergänzen in hervorragender Weise – wenn auch nur für die Dauer der Ausstellung – die Impressionisten-Sammlung der Alten Nationalgalerie, machen diese im Vergleich neu erlebbar und eröffnen neue Perspektiven auf beide Sammlungen.

 

Caillebotte malte Paris und Landschaften, die er kannte, porträtierte die ihm nahestehenden Menschen, das eigene großbürgerliche Milieu. Er fertigte seine Gemälde im Atelier sehr sorgfältig nach Vorstudien an. Seine Großstadtvisionen unterscheiden sich von den atmosphärischen Schöpfungen des Hoch-Impressionismus durch die spektakulären perspektivischen Konstruktionen und den Eindruck der eingefrorenen Bewegungsmomente von den atmosphärischen Gestaltungen der Impressionisten. Viele seiner Bilder wirken wie Momentfotografien, wie Schnappschüsse und damit wie Ausschnitte der Realität. So offerierte Caillebotte mit der »Straße in Paris« (1877) und der »Pont de l’Europe« (1876/77) den Augen der Zeitgenossen eine Modernität, die jede Tradition hinter sich ließ, wie es in einer zeitgenössischen Rezension hieß. Gerade in der »Straße in Paris« sind die Personen im Vordergrund fast in Lebensgröße wiedergegeben und erwecken den Anschein, gleich aus dem Bildrahmen herauszutreten, während die Fluchtperspektive den Betrachterblick umgekehrt ins Bild hineinzieht und rätselhafte Spannung erzeugt. Dagegen führt das gusseiserne Geländer der Eisenbahnbrücke »Pont de l’Europe« in einer breiten, bildbeherrschenden Diagonale von rechts nach links in die Tiefe des Bildraumes. An der Brüstung schaut ein Arbeiter in den Abgrund, während ein elegant gekleidetes Paar auf den Betrachter zugeht und ein Hund wiederum ins Bild hineinläuft. Die perspektivische Raumdarstellung assoziiert durch bewusste Verzerrungen Instabilität, ja sogar Gefährdung. Impressionistische Klischees von der sinnenfrohen Auflösung von Welt und Motiv verlieren angesichts der streng kalkulierten Bilder von Caillebotte ihre Geltung. Die gewagten Nahansichten und ungewöhnlichen Figurenkonstellationen, die schräg im Bild stehenden Vertikalen, die Sturzperspektive wie die Betonung der klaren Kontur geometrischer Formen waren beispiellos in der damaligen zeitgenössischen Malerei.

 

 

»Gustave Caillebotte. Maler und Mäzen des Impressionismus«, Alte Nationalgalerie, Museumsinsel Berlin, bis 15. September. Katalog 22 €