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Drübeck – ein Ort der Arbeit und der Stille  (Manfred Orlick)

Der Harz hat zahlreiche Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele zu bieten. Angefangen vom Brocken, von den Harzstädten Wernigerode, Quedlinburg, Goslar und Thale (Roßtrappe und Hexentanzplatz) bis hin zum neuen Besuchermagneten, der Hängebrücke an der Rappbodetalsperre. Hier drängen sich fast täglich die Touristen. Es gibt aber auch stille Orte abseits der Touristenströme.

 

Das Kloster Drübeck bei Ilsenburg ist so ein Ort der Stille. Die über 1000 Jahre alte Klosteranlage zählt zu den bedeutendsten romanischen Baudenkmälern am nördlichen Harzrand; daher ist das Kloster mit der Klosterkirche St. Vitus Station an der Straße der Romanik und gehört gleichzeitig mit seinem Klostergarten zum touristischen Netzwerk »Gartenträume in Sachsen-Anhalt«. Der Name »Drübeck« kommt wahrscheinlich von den drei Bächen, die früher durch das Gelände flossen und hier ineinander mündeten. Erstmals erwähnt wurde das Nonnenkloster 960 in einer Landschenkungsurkunde von König Otto I. Es war aber schon einige Zeit davor als benediktinisches Frauenstift gegründet worden und zählt zu den ältesten Klostergründungen in Mitteldeutschland. Das Kloster besaß bereits im späten zehnten Jahrhundert weitreichende Privilegien; Otto II. stellte es unter königlichen Schutz und gewährte rechtliche Selbständigkeit wie die freie Äbtissinnenwahl, womit Drübeck den Reichsstiften in Quedlinburg und Gandersheim gleichgestellt war. Um das Jahr 1000 wurde die erste, dem heiligen Vitus geweihte Klosterkirche als flachgedeckte dreischiffige Basilika erbaut – möglicherweise am Standort eines kleineren Vorgängerbaus. Im elften und zwölften Jahrhundert erfolgten Erweiterungen, unter anderem mit dem imposanten Querhaus und den beiden beeindruckenden, achteckigen Türmen. Obwohl vom Kernbau der Kirche nur Teile erhalten geblieben sind, ist St. Vitus noch heute ein ausgezeichnetes Beispiel nicht nur des typischen Kirchenbaus im Nordharz, sondern des frühen deutschen Kirchenbaus in ottonischer Zeit überhaupt. Die Doppeltürme sind schon von weitem zu sehen und prägen das Orts- und Landschaftsbild am Fuße des Brockenmassivs.

 

Nach den Wirren der Reformation und der teilweisen Zerstörung während des Bauernkrieges wurde das Kloster zum evangelischen Bekenntnis reformiert. Die meisten ehemaligen Nonnen blieben jedoch in Drübeck und lebten nun in einer anderen geistlichen Gemeinschaft. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Kloster zwar noch zweimal kurzzeitig katholisch, aber letztendlich blieb es evangelisch. 1687 wurde es durch ein kurfürstliches Edikt den Grafen Stolberg-Wernigerode übereignet, die den Fortbestand eines evangelischen Damenstifts absicherten. Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt die Klosteranlage mit einem Wohnhaus, und ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden (unter anderem Brauhaus und Mühle) ihr heutiges Aussehen.

 

Außerdem wurden die Gärten der Kanonissinnen (nachreformatorisch: Stiftsdamen) und der Garten der Äbtissin (Domina) angelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg traten die Stiftsfrauen unter die Obhut des Diakonischen Werkes, das den Gebäudekomplex bis 1990 als Mütter-Erholungsheim betrieb. Seit 1993 hat hier eine berufliche Fort- und Ausbildungsstätte der Evangelischen Kirche ihr Domizil, die Drübeck zu einem modernen Kultur- und Tagungszentrum ausbaute. Damit präsentiert sich die Klosteranlage heute als Ensemble von romanischer Architektur und Moderne. Selbstverständlich sind die Gästezimmer mit Fernseher, Telefon und WLAN ausgestattet, was bei einem Ort der Stille vielleicht verwundert. Doch die neue Technik macht auch vor einem Kloster nicht Halt.

 

Doch zurück zu den Drübecker Stiftsdamen, die meist Töchter aus angesehenen Familien waren. In aller Regel gehörten sie dem Kloster bis zu ihrem Lebensende an. Nur in begründeten Fällen konnten sie das Kloster wieder verlassen. Gemäß der Klosterordnung waren sie zu Gottesfurcht, Demut, Liebe und Gehorsam angehalten. Wie einem historischen Dokument aus dem Jahre 1786 zu entnehmen ist, besaß jede Stiftsdame »außer einem Deputate von 50 Thalern und Feuerholz eine Stube, Kammer, Küche, Speisekammer, Antheil an Keller und Boden, ein kleines Gärtchen und Gartenhaus«. Neben der leichten körperlichen Arbeit war der geschlossene Garten für die Stiftsdamen ein Ort der Stille und des Rückzugs.

 

Auf der Basis eines im Drübecker Archiv aufgefundenen Plans aus dem Jahre 1737 konnte die Klostergartenanlage in den letzten Jahren aufwändig und denkmalpflegerisch restauriert werden. Nach diesem Gestaltungsentwurf zeigten die mauerumschlossenen Gärten eindeutig barocke Stilelemente mit geometrischen Beeten, Wegkreuzungen (mit Betonung der Gartenmitte) und Brunnenanlagen. Die Bepflanzung hatte jedoch nicht mehr den ausschließlichen Nutzgartencharakter der mittelalterlichen Klostergärten, sondern berücksichtigte auch einen repräsentativen Ziergarten. Der Äbtissin war ein eigener Garten vorbehalten, zu dem noch ein Blumen- und Kräutergarten sowie ein Obstgarten gehörten, die von einem Gärtner gepflegt wurden. Es waren auch Gärten für Pensionäre, also Dauergäste des Klosters, den Gärtner sowie für das Bleichen der Wäsche vorgesehen. Aus schriftlichen Überlieferungen geht hervor, dass 1720 durch den damaligen Gärtner im Klosterhof eine Linde aus sieben Sämlingen gepflanzt wurde. Nach fast dreihundert Jahren hat der ehrwürdige Baum inzwischen einen Umfang von sechs Metern und ist als imposantes Naturdenkmal geschützt.

 

In der grünen Klosteroase kann der Besucher der Alltagshektik unserer schnelllebigen Zeit für einige Stunden entfliehen. Hier findet er Gelegenheit, seinen verborgenen Gedanken freien Lauf zu lassen – ganz nach dem Motto: »Wer je in Drübeck war, dem bleibt die Sehnsucht.« Oder man kehrt in das gemütliche Klostercafé ein – den hausgemachten Blechkuchen unbedingt probieren. Einfach köstlich!