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Ein Terrorist »aus dem Nichts«  (Peter Söhren)

Im ersten Augenblick, als die mörderische Tat bekannt wurde, hatten die medienbewährten Experten keine Zweifel: Islamisten hätten nun auch im friedlichen Norwegen zugeschlagen, man wisse nur noch nicht, aus welcher djihadistischen Gruppe. Und Erklärungen wurden angeboten: Womöglich sei der norwegische Staat zu lasch im Umgang mit zugewanderten Orientalen, selbst das Burkatragen werde dort geduldet. Dann kam Anders Breivik ans Licht. Ein geisteskranker Alleingänger, »aus dem Nichts« sei er auf schreckliche Weise aufgetaucht, erfuhren wir erst einmal. Aber der Täter, so wurde bekannt, war jahrelang in der zweitstärksten norwegischen Partei aktiv gewesen, die als »rechtspopulistisch« klassifiziert wird und ihm dann nicht radikal genug erschien. Er sah sich anschließend in den ideologischen Angeboten der europaweiten »konservativen Revolution« um, wurde fündig und entwarf mit großem Fleiß ein umfangreiches Manifest der »Befreiung« des Abendlandes, das vom Untergang bedroht sei, zersetzt durch »Multikultarismus«, »Kulturmarxismus« und »Islamisierung«. Seine todbringenden Zugriffe versteht Breivik als zuspitzende Signale. Zu einem neuen Kreuzzug will er aufrufen – historisch etwas versetzt: Wieder einmal stünden »die Türken vor Wien«. Im Christentum, vor allem dem römischen, sieht Breivik eine Hilfstruppe im Kampf gegen den Islam und die »multikulturelle Linke«; nicht um Religiösität geht es ihm, sondern um Kirche als traditionelle Verkörperung europäischer Macht. Originell ist das alles nicht, die weltanschaulichen Elemente seines »Manifests« finden sich in mancherlei Mischungen und Variationen in der Propaganda jener Parteien oder Organisationen in Europa, die sich selbst als »rechtskonservativ« und »antiislamistisch« bezeichnen, auch auf zahlreichen Webseiten, in der Bundesrepublik etwa bei Sezession online des »Instituts für Staatspolitik«, bei Politically Incorrect und zu Teilen auch in den Internetauftritten »fundamentaler Christen« oder Broders »Achse des Guten«.

In diesem Milieu mußte die Tat des Anders Breivik äußerst unwillkommen sein. Ein Kommentator der Jungen Freiheit – online schrieb: »Überall in Europa waren in den vergangenen Jahren die rechtsdemokratischen Kräfte am Vorrücken. Es war nur noch ein Frage der Zeit, bis auch das Herzland Europas (gemeint ist die Heimat Sarrazins; P.S.) gekippt wäre. Das hätte das Ende für das Menschheitsexperiment bedeutet, mit dem Europas Völker im Namen der ›multikulturellen Gesellschaft‹ unterdrückt und zum Verschwinden gebracht werden. Und nun das.«

Eine »Neue Rechte«, die mehrheitsfähig werden will, muß terroristische Auffälligkeiten meiden. Also gilt es nun, ideologische Spuren zu verwischen. Der norwegische Täter muß als ein Mann erscheinen, den außerirdische Kräfte zu seinem Fehltritt bewegt haben: Der »Teufel« ist bei Sezession online zu lesen, habe von Breivik »Besitz ergriffen«.

Zur Hilfe kommen der »Neuen Rechten« Beiträge im Frankfurter Intelligenzblatt. Auch dort wird Breivik dem politischen Nirwana zugeordnet: »Nicht rechts, nicht links, nur böse« ist die Überschrift einer Charakteristik des Täters in der FAZ. Wenn jemand vom Teufel besessen ist, braucht man sich politisch-analytisch nicht mit ihm zu beschäftigen. Weshalb Breivik auf die Idee kam, seine Hinrichtungen im Lager eines linken Jugendverbandes vorzunehmen, bedarf dann keiner Nachforschung mehr. Die Befreier des Abendlandes können aufatmen.