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Wachstum und Beschäftigung  (Arnold Venn)

Nach offiziellen Angaben, stolz in den Monopolmedien verbreitet, nimmt die Arbeitslosigkeit ab. In Wahrheit ist es die Beschäftigung, vor allem die Vollzeitbeschäftigung, die seit Jahren rapide abnimmt; die Teilzeitjobs reichen vielfach nicht für den Lebensunterhalt, Ein-Euro-Jobs erfüllen kaum einen anderen Zweck, als die offiziellen Arbeitslosenzahlen zu verringern.

Der Wirtschaftswissenschaftler Norbert Reuter, der für die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) arbeitet, errechnet rund sieben Millionen fehlende Vollzeitarbeitsplätze. Woher nehmen? Neoliberale Politiker, die in fast allen Parteien das Wort führen, haben auf diese Frage immer nur eine Antwort: Wir brauchten mehr Wirtschaftswachstum, dann fänden mehr Menschen Arbeitsplätze. Die Arbeitsuchenden dürften aber keine zu hohen Ansprüche stellten, müßten sich mit wenig Lohn und ungünstigen Arbeitszeiten zufrieden geben, flexibel sein. Längst hat sich diese Antwort als falsch erwiesen: Die Lohnquote ist seit Jahren gesunken, entsprechend hat die Massenkaufkraft abgenommen; durch Nachlassen der Binnennachfrage wird beschäftigungsförderndes Wachstum gelähmt – umgekehrt würde Vollbeschäftigung die Binnennachfrage stärken.

Reuter: Für sieben Millionen zusätzliche Arbeitsplätze wären 17 Prozent Wirtschaftswachstum nötig. Illusorisch! Seit Jahren wächst das Bruttoinlandsprodukt jahresdurchschnittlich um ein bis zwei Prozent. Und nicht jedes Wachstum fördert die Beschäftigung. Nützlich wären ökologischer Umbau und sozialer Ausbau. Und wir brauchen eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit.

Neue Techniken nehmen uns Arbeit ab. Wir können das, was heute geschaffen und geleistet wird, in immer kürzerer Arbeitszeit schaffen und leisten. Im Sozialstaat, der die Bundesrepublik laut Grundgesetz sein soll, müßte der technische Fortschritt allen zugutekommen – nicht etwa nur den Unternehmern im der Weise, daß sie mehr und mehr Beschäftigte entlassen. Manche treiben den Abbau der Personalkosten so weit, daß sie die verbleibenden Arbeitskräfte sogar noch härter und länger ausbeuten als zuvor. Die Unternehmer können sich das erlauben, weil die sogenannte Reservearmee wächst. Die Stellung des einzelnen Beschäftigten wird dadurch immer schwächer, unsicherer.

Wenn die Erwerbsarbeitszeit auf 30 Stunden in der Woche reduziert wird, wie die Professoren Heinz-Josef Bontrup und Mohssen Massarrat in ihrem »Manifest« (Ossietzky-Sonderdruck Mai 2011) empfehlen, oder besser noch und möglichst schnell auf 28 Stunden (je sieben an vier Tagen), wofür Ossietzky mit guten Gründen seit Jahren wirbt, ist Vollbeschäftigung herstellbar – einfach durch Verteilung der Erwerbsarbeit auf alle Arbeitsfähigen und -willigen. Verkürzung der Arbeitszeit darf aber nicht so verstanden werden, daß dann auch die gegenwärtige Lohnsumme auf alle verteilt würde. Dieses Mißverständnis wäre fatal, weil dann die meisten Beschäftigten die Arbeitszeitverkürzung ablehnen würden. Voller Lohnausgleich ist möglich und nötig: Die Lohnquote muß, nachdem sie jahrelang gesunken ist, endlich wieder angehoben werden.

Angestellte
Auf jeden Drehsitz im Bureau
da warten hundert Leute;
man nimmt, was kommt – nur irgendwo
und heute, heute, heute.
Drin schuften sie
wies liebe Vieh,
sie hörn vom Chef die Schritte.
Und murren sie, so höhnt er sie:
»Wenns Ihnen nicht paßt – bitte!«
Mensch, duck dich. Muck dich nicht zu laut!
Sie zahln dich nicht zum Spaße!
Halts Maul – sonst wirst du abgebaut,
dann liegst du auf der Straße.
Acht Stunden nur?
Was ist die Uhr?
Das ist bei uns so Sitte:
Mach bis um Zehne Inventur ...
»Wenns Ihnen nicht paßt – bitte!«
Durch eure Schuld. Ihr habt euch nie
geeint und nie vereinigt.
Durch Jammern wird die Industrie
und Börse nicht gereinigt.
Doch tut Ihr was,
dann wirds auch was.
Und ists soweit,
dann kommt die Zeit,
wo Ihr mit heftigem Tritte
und ungeahnter Schnelligkeit
herauswerft eure Obrigkeit:
»Wenns Ihnen nicht paßt –: bitte!«

Theobald Tiger (Kurt Tucholsky) in Die Weltbühne 4/1926