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Wie ich mich erinnere  (Eckart Spoo)

Fassen wir mal kurz zusammen, was wir in den nächsten Tagen in fast allen Medien zu hören und zu lesen bekommen werden: Mit der Mauer, einem Bauwerk, wie es die Menschheit nie zuvor und nie wieder gesehen habe, hätten die Kommunisten am 13. August 1961 unser schönes Land, unser gutes Volk grausam geteilt.

Ich habe es anders in Erinnerung. Ich entsinne mich zum Beispiel der »Währungsreform« am 20. Juni 1948, als sich Westdeutschland durch eine eigene Währung von Ostdeutschland separierte. Ich erinnere mich auch, daß im folgenden Jahr zuerst im Westen die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde und dann erst im Osten die Deutsche Demokratische Republik. Und daß erst die BRD dem Nordatlantikpakt beitrat und dann die DDR dem Warschauer Pakt. Unvergeßlich sind mir Parolen wie die des Bundesverteidigungsministers Franz Josef Strauß: »Dafür sind wir Soldaten, daß die Macht aus atheistischen Händen wieder in christliche Hände übergeht« – was so oder ähnlich auch im Programm von Anders Breivik stehen könnte. Nachdem es Hitler nicht gelungen war, Deutschland und Europa kommunistenfrei zu machen (was sein Hauptauftrag gewesen war), sollte alle Macht des Westens aufgeboten werden, dieses Ziel doch noch zu erreichen. Kai Uwe von Hassel, einer von Strauß’ Amtsnachfolgern, verkündete: Im Jahre 2000 dürfe in Moskau nicht der 83. Jahrestag der Oktoberrevolution gefeiert werden. Das Ziel wurde erreicht – nachdem in der BRD schon 1956 die kommunistische Partei und zuvor eine hauptsächlich von Kommunisten initiierte Volksabstimmung für die deutsche Einheit verboten worden waren.

Mit Recht konstatierte und kritisierte der Deutsche Gewerkschaftsbund damals in seinem Grundsatzprogramm die »Wiederherstellung der alten Macht- und Besitzverhältnisse« in Westdeutschland, also die Restauration des durch den Faschismus diskreditierten Kapitalismus. Die CDU war zwar mit sozialistischen Verheißungen (Ahlener Programm) an die Regierung gelangt, hatte aber immer alles daran gesetzt, jede sozialistische Regung zu bekämpfen. Darin war sich Konrad Adenauer auch mit den damals in Spanien und Portugal noch regierenden Klerikalfaschisten Franco und Salazar einig. Und in diesem Sinne versuchte er, sozialistischen Aufbau in der DDR zu verhindern. Er weigerte sich, die Existenz der DDR anzuerkennen, und verlangte von allen Staaten der Welt, in keinerlei Beziehungen zur DDR zu treten, die durch internationalen Boykott größtmöglichen Schaden erleiden sollte. Hämisch vergnügte man sich im Westen an Versorgungsschwierigkeiten, die man dem Osten bereitete, und sagte ihm Jahr für Jahr sein baldiges Ende voraus.

Fast vergessen, für Jüngere heute kaum vorstellbar sind die teils subtilen, teils rabiaten Methoden, mit denen von westdeutscher Seite innerdeutsche Kontakte be- und verhindert wurden. Nur drei Beispiele: Ein ganzes Jahr Freiheitsstrafe mußten Frauen in Niedersachsen bis zum letzen Tag verbüßen, die für schuldig befunden worden waren, Kinder in Ferienlager in der DDR gebracht zu haben. Ein großer Beamtenapparat sorgte dafür, daß Druckwerke aus der DDR nicht zu ihren westdeutschen Adressaten gelangten. Millionen westdeutschen Beamten, zum Beispiel den Postlern, war es verboten, nach Ostdeutschland zu reisen, es sei denn mit Sondergenehmigung.

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1956/57, also einige Jahre vor dem Mauerbau, studierte ich zwei Semester in Westberlin. Oft fuhr ich mit der S-Bahn für 20 Pfennig in den Osten der Stadt. Meist saß ich allein in einem Waggon. Die Westberliner folgten größtenteils den Aufrufen ihrer Regierenden, das von der DDR-Reichsbahn betriebene Verkehrsmittel zu boykottieren. Großer Schaden entstand der DDR auch dadurch, daß ihre Mark in Westberlin weit unter Wert umgetauscht wurde. Ich gestehe: Auch ich machte mir den Schwindelkurs zu Nutze und kaufte in Ostberlin billig ein: Nahrungsmittel und hauptsächlich Bücher. In westdeutschen und Westberliner Buchhandlungen dominierte damals frömmelnde Rechtfertigungsliteratur alter Nazis. Im Osten gab es Heine, der im Westen verpönt war, es gab Brecht und Feuchtwanger, Literatur der Aufklärung, Weltliteratur – zu Preisen, die auch bei einem Wechselkurs 1:1 sehr günstig gewesen wären.

Ich hatte eine Dauereinladung bei der Familie Schleifer in Biesdorf, weit im Osten Berlins. Der Mann, Musikwissenschaftler, war aus Bayern übergesiedelt wie Ernst Schumacher, Peter Hacks und viele andere. Rita Schleifer gab mir nützliche Hinweise, lieh mir Klaus Manns »Mephisto«, den in der BRD verbotenen Roman über Gustaf Gründgens` Karriere in Nazi-Deutschland. Ich bestaunte Walter Felsensteins ebenso kluge wie opulente Aufführungen in der Komischen Oper und ließ kein Stück im Berliner Ensemble aus – während fast alle westdeutschen Bühnen Brecht boykottierten.

1959/60 erschreckten Nazi-Schmierereien in mehreren westdeutschen Städten die internationale Öffentlichkeit. Der damalige hessische Landesjugendpfleger Arno Klönne gab mir die Möglichkeit, in Frankfurt am Main in der Paulskirche eine Ausstellung über die Nazi-Vergangenheit zusammenzutragen. Außer der wenig bekannten vorzüglichen Dokumentation »Macht ohne Moral« von Raimund Schnabel über die Verbrechen der SS lag damals in Westdeutschland kaum brauchbares Material vor. Einiges fand ich im Archiv der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes; daß ich dorthin Kontakt aufgenommen hatte, durfte ich nicht erwähnen, gegen die VVN lief ein Verbotsverfahren. Und erst recht mußte ich für mich behalten, daß ich auch eine Reise nach Ostberlin zur dortigen Foto-Agentur Zentralbild unternahm, bei der ich einige Kartons durchsehen durfte. Da fand ich die meisten Bilder für die Ausstellung. Wäre das bekannt geworden, wäre die Ausstellung vermutlich erledigt gewesen. Was aus der DDR kam, konnte ja nur Propaganda sein. Nach dieser Methode wurden alle Informationen, alle Forschungsergebnisse aus dem Osten abgetan; im Westen fand damals kaum nennenswerte Forschung statt. Die Nazi-Vergangenheit war weiter weg als heute. Die größtenteils jugendlichen Besucher schrieben übereinstimmend ins Gästebuch, das am Ende des Rundgangs auslag, sie hätten von all dem hier Gezeigten zuvor nichts erfahren, weder in der Schule noch in der Familie.

Am 13. August 1961 steckte ich im Bundestagswahlkampf für die Deutsche Friedens-Union (DFU), die Verträge zwischen Ost und West zur Abrüstung forderte. Einige unserer Kandidaten wurden nervös, die tonangebenden Medien dekretierten, mit den Verantwortlichen für die Mauer könne man nicht verhandeln und keine Verträge schließen (als wäre man vorher verhandlungsbereit gewesen). Wir wurden als »Die Freunde Ulbrichts« abgestempelt. Immerhin bekamen wir 2,3 Prozent der Stimmen. Mag sein, daß es ohne Mauerbau und den danach hochgeschäumten Antikommunismus mehr gewesen wären, aber gerade weil Springers Bild-Zeitung zeterte wie noch nie, reagierte ich nicht wütend, sondern nachdenklich. Jetzt war klar: Es gab zwei deutsche Staaten. Wer durchs Tor wollte, mußte anklopfen und die jeweiligen Verkehrsregeln befolgen. Der Bonner Alleinvertretungsanspruch (Hallstein-Doktrin) war schnell hinfällig. Ein Land nach dem anderen erkannte die DDR und damit deren Ostgrenze, die polnische Westgrenze, die territorialen Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs an; der deutsche Revanchismus erlitt eine Niederlage nach der anderen. Adenauers Autorität schrumpfte, Kriegs- und andere Ängste ließen nach, einige Alt-Nazis mußten Machtpositionen räumen, ein bürgerrechtlicher und kultureller Aufbruch (der zum Beispiel im Oberhausener Manifest junger Filmleute von 1962 seinen Ausdruck fand) veränderte die BRD, die Ostermärsche für Demokratie und Abrüstung wurden von Jahr zu Jahr stärker. Ich erlebte die 1960er Jahre (bis 1968) als die friedlichsten, hoffnungsvollsten, besten in der Geschichte der BRD. Am Ende mußte Bonn selber die Oder-Neiße-Grenze und die deutsche Zweistaatlichkeit anerkennen; nur gemeinsam konnten beide Staaten der UNO beitreten. Für mich war es eine besondere Genugtuung, als Willy Brandt für die (schon Mitte der 60er Jahre vom damaligen Bundesaußenminister Schröder, einem CDU-Mann, begonnene) Politik der Verhandlungen und Verträge mit dem Osten den Friedensnobelpreis erhielt; ein Jahrzehnt zuvor hatte die SPD unter Brandts Mitwirkung den Sozialistischen Deutschen Studentenbund verstoßen, weil wir die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert hatten.
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Der Kommunist Emil Carlebach, 1933 als 18jähriger wegen Verbreitung eines Gewerkschaftsflugblatts verhaftet und bis zur Selbstbefreiung im KZ Buchenwald gefangen gehalten, dann Mitgründer der Frankfurter Rundschau, später mein Kollege im Bundesvorstand der gewerkschaftlich organisierten Journalisten, lud mich vor 30 Jahren einmal ein, ihn zur Lagergedenkstätte auf dem Ettersberg bei Weimar zu begleiten. An der Grenze und auf der Transitstrecke wurden wir von Grenzbeamten der DDR dermaßen schikaniert, daß er wachsbleich wurde und kaum ein Wort hervorbrachte. Er fand das Auftreten dieser Grenzer sehr preußisch und gar nicht sozialistisch. Carlebach hatte gute Freunde in der Führung der DDR und wußte, daß nicht Ulbricht die Idee zum Mauerbau gehabt hatte, sondern der große Bruder in Moskau. Aber er sah plausible Gründe für dieses Grenzbefestigung, auch solche, die in seinem eigenen Interesse am Werden und Gedeihen sozialistischer Verhältnisse lagen: Auf die Dauer konnte die DDR nicht bestehen, wenn der wirtschaftliche Abstand zur reichen BRD immer größer wurde. Hunderte, wenn nicht Tausende Ärzte gingen nach unentgeltlicher Ausbildung in den Westen, wo sie zeitweilig das Zehnfache verdienen konnten. Wie konnte man sie halten? Nur mit Appellen an ihre Moral? Sollte man ergeben zusehen, wie Experten antikommunistischer Gewalt Sprengsätze legten?

Mir gehen diese Frage heute wieder durch den Sinn. Mit großer Selbstverständlichkeit werben deutsche Unternehmer und Politiker um Fachkräfte (Fußballer oder Wissenschaftler) aus dem Ausland; mit ebenso großer Selbstverständlichkeit wehren sie sich gegen die Einwanderung von Armen aus denselben Ländern. Sie beteiligen sich an Kriegen, durch die viele Millionen Menschen zu Flüchtlingen werden – und beteiligen sich zugleich an brutalen Grenzbefestigungen, um zu verhindern, daß diese Menschen nach Deutschland oder überhaupt nach Europa gelangen. Nach dem Fall der Mauer in Deutschland erlitten viele Menschen, die über die Oder-Neiße-Grenze zu kommen versuchten, dort einen grausamen Tod. Inzwischen hat das reiche, starke Deutschland durchgesetzt, daß die Nachbarstaaten die Flüchtlinge auffangen. Frontex ist der Name einer neuen Mauer, an der schon unzählige Menschen ihr Leben lassen mußten. Wer gedenkt ihrer, wenn am 13. August der Mauertoten gedacht wird (s. Friedrich Wolff: »Die Todesopfer an der Mauer« in Ossietzky 9/11)? Wer spricht – an diesem Tag oder einem anderen – von der dreimal höheren Mauer, die die Regierenden in Israel auf palästinensischem Boden errichtet haben? Oder von der Mauer an der Südgrenze der USA und deren Opfern?

Manche Gedenktage sind Tage arg verengter Geschichtsbetrachtung. Vorsicht! Man kann dann aus der Geschichte nichts Gescheites lernen. Und: Vorsicht vor Heuchelei! An manchen Gedenktagen feiert sie Triumphe.