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Wer und wie Hemingway wirklich war  (Lothar Kusche)

Der Spiegel-Essayist Matthias Matussek leitet seinen Essay »Die wahren Sätze« mit folgenden wahren Sätzen ein: »Vor 50 Jahren, nach acht Romanen, vier Ehen und einem Nobelpreis erschoß sich Ernest Hemingway. Es war das Ende eines Machos, der vor nichts so viel Angst hatte wie vor einer leeren Seite.« Mancher Spiegel-Leser hat vielleicht vor kaum etwas so viel Angst wie vor einer Seite, die Matussek mit seinen Worten gefüllt hat. Im Heft 26/2011 darf er Ernest Hemingway als menschliches Geheimnis vorführen und dieses gleichzeitig (auf ungefähr fünf Druckseiten) enthüllen. Das klingt romantisch, exotisch, verwegen, herb wie Rum & CocaCola – ganz so, wie wir es von »Hm« und Mattu erwarten.

»... Schreiben, eine Sache auf Leben und Tod. Schon damals in Paris war es für ihn so, als er sich vom Journalismus zu lösen begann, aber dessen Ausrüstung mitnahm in die Literatur, die Genauigkeit und das Gehör für Slang und Pausen ...«

Das Gehör für Pausen ist besonders für Orchestermusiker sehr wichtig, beispielsweise für den Mann an den Pauken, der während bestimmter Pausen noch seine empfindlichen Instrumente stimmt.

Mattu, der essayistische Pausen-Clown, macht uns mit folgender Erkenntnis vertraut: »Die Pausen sind so wichtig wie das Gesagte. Wichtiger. Rund 90 Prozent der Gefühle bleiben ungezeigt, wie beim Eisberg.« Während beim Eistanz circa 50 Prozent der Gefühle zeigbar sind.

»Übrig bleiben die knappen, wahren Sätze, die er schreiben wollte. Der Rest muß erahnt werden. Wie in der Story ›Ein sauberes, gutbeleuchtetes Café‹ ...« Dann zitiert er die Sätze, welche erahnt werden müssen, da ich diese Kurzgeschichte, die ich bewundere, oft gelesen habe, ohne mein Erahnungstalent zu bemühen. Es handelt sich, laut Mattu, »um einfache, klare Sätze in einer Regennacht, und er (also Ernest Hemingway; L.K.) jagte weitere (klare Sätze?; L.K.), später, sein Leben lang, unter den Akazienbäumen auf der roten Erde Afrikas oder in Harry’s Bar in Venedig oder auf dem Schlachtfeld von Guadalajara. Schon damals also, als alles begann, saß er in einer Mansarde in Paris und macht sich Mut mit diesen merkwürdigen Marschbefehlen in die Kunst. Wenn er nicht gerade Ezra Pound das Boxen beibrachte ....«

Selbstverständlich konnte er sich nicht mit diesen merkwürdigen Marschbefehlen in die Kunst Mut machen, wenn er gerade Ezra Pound das Boxen beibrachte. Ich weiß so wenig wie Mattu, ob Pound überhaupt jemals geboxt hat. Bekannt ist aber, daß dieser nordamerikanische Autor und Kritiker sich später zum Fürsprecher des Faschismus machte und 1945 von US-Truppen bei Pisa wegen Hochverrats angeklagt wurde. Der Verurteilung entzog er sich durch Flucht in ein Irrenhaus; man entließ ihn 1958 als harmlos. Warum hätte ausgerechnet Hemingway diesem Kerl Boxunterricht geben sollen? (Fragen Sie Herrn Matussek, Averhoffstraße 89, D-22085 Hamburg.)

Mattu nennt »Der alte Mann und das Meer« auch »eine Geschichte, die aus lauter wahren Sätzen besteht. Es sind nur 26.500 Wörter, aber die bilden ein Weltepos und garantierten die Unsterblichkeit (des Autors; L.K.). Das hat er uns gegeben, die Kunst der wahren Sätze. Das hätte er doch noch weiter tun können.«

So nörgelt Matthias Matussek noch an Ernest Hemingway und dessen Freitod herum! Meine selige Mutter nannte sowas ein »ganz und gar dummfreches Verhalten«.

So etwas kommentiert man allenfalls mit bitterem Schweigen.