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Titel15+1612

Immer verlogen. Nie verlegen?  (Ingrid Zwerenz)
George Orwells »1984« war mal ein Zukunftsroman. Erschienen ist er vor fast sieben Jahrzehnten. Frisch sind die Kernsätze des Buches, und unsere Politiker samt den meisten Medien mühen sich unredlich, sie täglich mit Leben zu erfüllen: »Krieg ist Frieden – Freiheit ist Sklaverei – Ignoranz ist Stärke.« Immer aktuell bleibt auch ein anderes Kernstück des Romans: Die »Haßwoche« als Ritual, das die Feindschaft gegen den politischen Kontrahenten stets von neuem einübt. Teilnahme an der Lektion ist Pflicht. Das Verhalten trifft auf viele unserer Prominenzen zu, unschlagbar ist hier – neben der permanenten, penetranten Vertriebenen-Darstellerin Erika Steinbach – der sich selbst als »Extremismusforscher« definierende Eckhard Jesse, 1948 geboren in Wurzen. Er haßt jeden Tag von morgens bis abends und auch noch in der Nacht alles, was er als »links« empfindet. Der Professor wirkt und wütet an der Technischen Universität in Chemnitz, wird aber von Gleichgesinnten auch gern eingeladen in andere Städte, die dann ihre schwere Not haben, sich von den Folgen des Besuches zu erholen. Couragierte junge Leute bemühen sich um Schadensbegrenzung. Einen Vortrag sonderte Jesse zum Beispiel Anfang 2012 in der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ab, der ihm »sehr trocken« geriet, was niemanden verblüfft, der diesen Akademiker schon mal im Fernsehen oder bei anderen Gelegenheiten erblickt und gehört hat. Im Anschluß an den Vortrag durften ZuhörerInnen Fragen stellen. Man hielt Jesse vor, daß seine Thesen unerträglich seien, er verharmlose die Nationaldemokraten samt Neonazitrupps und stelle die NPD als nicht gewalttätig hin. Wie in diesen Juli-Tagen das neue deutschland meldete, wirbt die NPD bei öffentlichen Veranstaltungen weiterhin für den neonazistischen aggressiven »Thüringer Heimatschutz«, in der Hauptstadt ist die Partei verbandelt mit dem »Nationalen Widerstand Berlin«, einige ihrer Funktionäre sind vorbestraft, und der ehemalige Bundeswehroffizier und (bis 2011) NPD-Vorsitzende Udo Voigt leugnet bekanntlich den Holocaust, doch Jesse ist kritikresistent. Nachdem Ende November 2011 die Zwickauer Terrorgruppe NSU aufgeflogen war, fand sich im Januar 2012 bei seinem Vortrag an der FAU nicht die Spur von Einsicht, wie blamabel er sich ausnahm mit seinen ständigen Aggressionen gegen Antifa und Linke. Ein Mann mit ein wenig Charakter hätte sich nach derart falschen Analysen ins nächste Mauseloch verkrochen.

Mein Lieblingssatz von Jesse lautet: »Es ist gut, daß nach dem Dritten Reich Geheimdienstler der NSDAP in das neue System und die Ämter integriert wurden. So hat man fähige Leute in den Behörden, die dann dadurch die Demokratie akzeptieren.« Nachzulesen ist diese Aussage im Internet (zitiert nach einem Zuhörerbericht: http://de.indymedia.org/2012/02/324348.shtml). Besonders versessen auf Jesse ist Roland Sturm, Professor an der FAU. Gemeinsam mit Jesse gibt er Bücher heraus, überdies ist der vielbeschäftigte Sturm seit 2009 Vertrauensdozent der Hanns-Seidel-Stiftung, da haben sich also zwei akademische Herzchen gefunden zum Tanz im rechten Dreivierteltakt. Und unser Extremismusforscher, der kritisch nur nach links schaut und schlägt, fungiert seit Jahren als Ratgeber für Regierungsmitglieder. Sachsens Freie Presse meldet Ende April 2012: »Zu den Zeugen und Sachverständigen (im NSU-Untersuchungsausschuß; I. Z.) sollen unter anderem der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz, Reinhard Boos, Landespolizeipräsident Bernd Merbitz oder der Chemnitzer Politikwissenschaftler Eckhard Jesse gehören. Das Gremium soll auf Initiative der Opposition bis zum Ende der Legislaturperiode 2014 mögliche Versäumnisse der Behörden und der schwarz-gelben Landesregierung im Zusammenhang mit der … NSU untersuchen.« Die Neonazis können sich weiterhin ins braune Fäustchen lachen. Selten hat das Sprichwort vom Bock, den man zum Gärtner macht, so ins Schwarzbraune getroffen wie im Fall des Professor Jesse.