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Bemerkungen
Der böse kleine Mann
Hitlerdeutschland war ein Erzeugnis der Arbeiterbewegung, die Nazis haben den Sozialismus eingeführt ... – seit den aufklärenden Schriften des Geschichtspolitikers Götz Aly haben die Zeitungen hierzulande daran kaum noch Zweifel (siehe auch »Wie links war der Führer?« in Ossietzky 13/12). Den Ludwig-Börne-Preis, im vorigen Jahr an Joachim Gauck gegeben, hat diesmal Aly bekommen, der Zeit-Redakteur Jens Jessen hat das so entschieden, auch die Laudatio dazu gehalten, und seine Zeitung hat den Text dokumentiert. Der müsse als Pflichtlektüre in die Schulbücher eingestellt werden, fordert ein Leser des als liberal geltenden Blattes.

Jessen lobt Aly, weil dieser »mit einem Ruck die historische Wahrheit an die Taghelle des Bewußtseins befördert« habe, nämlich: Der »kleine Mann« sei mit dem Jahre 1933 zur Herrschaft gekommen, die »Arbeiter und Kleinbürger« hätten mit dem »Dritten Reich« ihren »Klassenkampf« gewonnen, im Zeichen des bösen »Egalitarismus«. Aber nicht nur das – nach 1945 habe der »kleine Mann diese Karriere weiterführen« können: »Dem Arbeiter, der Hitler gewählt hatte, schenkten die Sowjets zur Belohnung im Osten einen eigenen Staat; die Bundesrepublik im Westen setzte im Rahmen der Marktwirtschaft die Sozialpolitik der Nazis fort.« Und so kam es zu jener gesellschaftsgeschichtlichen Scheußlichkeit, unter der Deutschland heute immer noch zu leiden hat – dem Anspruch auf Sozialstaatlichkeit. »Wir leben in der sozialen Großskulptur, die Hitler hinterlassen hat«, formuliert Jessen seine Klage. Jetzt wissen wir, Aly und der Zeit haben wir es zu verdanken: Die Großindustriellen und die Bankiers, die Militärführer und die hohen Juristen, die Exzellenzwissenschaftler und die Gutsbesitzer – sie und ihre Standesgenossen waren die Opfer des kleinen Mannes, der 1933 die Macht ergriffen hatte. Und der sie nach 1945 nicht wieder abgeben wollte, deshalb stehen ihre Nachfahren immer noch unter dem Diktat des »Gleichheitswahns«.

In seiner Laudatio auf Aly macht Jessen einen Exkurs in Familienhistorisches, er erwähnt dabei auch seinen gleichnamigen Großvater und dessen Weg »von anfänglicher NS-Begeisterung zum Widerstand«. Dieser Jens Jessen hatte Verbindung zu den Akteuren des 20. Juli und wurde wegen »Nichtanzeige von Hochverrat« zum Tode verurteilt und hingerichtet. Jessen berichtet, der Großvater sei 1934 aus dem Amt eines Direktors des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel entfernt und »für eine traumatische Zeit unter Hausarrest gestellt worden«. So geradlinig war jedoch dessen Annäherung an den Kreis von späten Hitler-Gegnern nicht, und da ist einiges zeitgeschichtlich Interessante zu ergänzen: Der Wirtschafts- und Staatswissenschaftler Jessen, in Kiel in Personalquerelen innerhalb der NSDAP geraten, wurde dann Professor an den Universitäten in Marburg und Berlin, Herausgeber des »Schmollerschen Jahrbuches« und Experte für NS-Wirtschaftspolitik. Er arbeitete zusammen mit dem (nach 1945 wegen seiner Tätigkeit bei den Einsatzgruppen im Osten vom Nürnberger Militärtribunal zum Tode verurteilten und hingerichteten) SS-Spitzenmann Otto Ohlendorf, zu dessen Gesprächspartnern unter anderen Ludwig Erhard gehörte. Geplant wurden ökonomische Maßnahmen für die Zeit nach Kriegsende, wo »unternehmerische Initiative« dann ihre Ziele haben könne. Heinrich Himmler hielt diese Überlegungen für wertvoll. In ähnlicher Richtung arbeitete damals Andreas Predöhl, der Nachfolger Jessens als Chef des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel; sein Thema war die »europäische Großraumökonomie« unter deutscher Führung. Predöhl wurde nach 1945 an die Universität Münster berufen, war dann als deren Rektor tätig; er galt als politikberatende wissenschaftliche Koryphäe.

Der »kleine Mann« war es nicht, der über solche Karrieren – ihren Aufstieg, ihre Brüche oder ihre Weiterführung entschied. Und auch an den Entwurfsarbeiten für die deutsche und gesamt-
europäische »unternehmerische Ordnung« war der »kleine Mann« nicht beteiligt, nicht nach 1933 und nicht nach 1945.
A. K.


Nur Exzentriker?
Helmut Roewer, sechs Jahre lang Präsident des thüringischen Verfassungsschutzes, ist jetzt zu größter medialer Aufmerksamkeit gekommen: Ein Exzentriker sei auf rätselhafte Weise zum geheimdienstlichen Amtschef avanciert, ein unbeschreibliches Chaos habe der Mann angerichtet, sogar Fahrradfahrten in den behördlichen Fluren unternommen. Und nun trete er, vorzeitig pensioniert, als Schriftsteller auf. Aber Roewer schriftstellert tatsächlich, durchaus nicht chaotisch, sondern gezielt politisch, unter anderem unter dem Beifall der Jungen Freiheit. Die Geschichte russischer beziehungsweise sowjetischer wie auch deutscher Nachrichtendienste ist der Hauptgegenstand seiner Bücher, ein Lieblingsthema die »Rote Kapelle«, und und so kommt er auch auf Harro Schulze-Boysen zu sprechen. Roewer reproduziert die Version der Gestapo: Den Widerstandskämpfer klassifiziert er im Namensregister als »sowjetischen Agenten« und behauptet, schon 1932 sei Schulze-Boysen als »Kostgänger sowjetischer Finanzierung rekrutiert« worden. Eine dreiste Desinformation, die der »Historiker« Roewer da verbreitet. Im Blick hat er die 1932 von Schulze-Boysen herausgegebene Zeitschrift gegner, in der – unter anderen Autoren – Kommunisten publizierten, die mit dem sowjetischen System gebrochen hatten. Ein Text von Trotzki findet sich darunter, daneben so mancher Beitrag von hitlergegnerischen »Nationalrevolutionären«. Finanziert hat die Zeitschrift mitsamt ihrem Herausgeber nicht der sowjetische Geheimdienst, sondern der Schweizer Chemiker und Philosoph Alfred Schmid, ein jugendbewegt-unkonventioneller Konservativer, der von den politischen Großorganisationen jeglicher Ausrichtung nichts hielt und »Aufrührer« zusammenbringen wollte.

Roewer bringt seine Bücher im Ares Verlag (Graz) heraus, einem Unternehmen der Stocker-Medien. Der Leopold Stocker Verlag hat eine Vergangenheit als Hort deutschvölkischer, antisemitischer und nazistischer »Volksaufklärung«. Der Ares Verlag ist heute ein Zentrum der Buchpublizistik der Neuen Rechten, er hängt auch mit deren Intelligenzorgan Sezession zusammen, das nah am Thüringischen im Rittergut Schnellroda herausgegeben wird.

Interessanter als die Frage, ob – wie von Mitarbeitern berichtet – Helmut Roewer seine schmutzigen Füße auf den Amtsschreibtisch gelegt hat, wäre eine Nachforschung, wohin denn die Zigtausende von öffentlichen Mitteln geflossen sind, die er als Verfassungsschützer in geheimnisvolle »Tarnfirmen« steckte. Ein Untreueverfahren, das seinerzeit gegen ihn lief, ergab dazu keine Erkenntnisse, es wurde wegen »andauernder Verhandlungsunfähigkeit« Roewers abgebrochen und gegen eine Geldbuße von 3.000 Euro eingestellt. Mehr als eine Million Euro habe Roewer unkontrolliert unter die Leute gebracht, so wird in der Presse vermutet. Er wird sich überlegt haben, wo er investierte. Unfähig zu politischer Kalkulation war und ist der Mann nicht.
Peter Söhren


APO-Theke
In der Apothekenumschau vom 15. Juni ist ein Interview mit dem Vorsitzenden des Apothekerverbandes Nordrhein abgedruckt. Darin beklagt der Mann die Praxis der von Krankenkassen mit der Pharmaindustrie abgeschlossenen Rabattverträge. Die Folge sei, daß »Kassenpatienten etwa alle zwei Jahre ein neues Medikament bekommen«. Das »spart dem deutschen Gesundheitswesen jährlich schätzungsweise 1,6 Millionen Euro ein«. Ärgerlich daran ist, daß die Patienten »künftig nicht mehr ihr gewohntes Medikament, sondern ein Produkt eines anderen Herstellers ... erhalten« und daß dieser Wechsel zu »Verunsicherungen« führt, die so weit gehen, daß »wichtige Medikamente falsch, mitunter sogar überhaupt nicht eingenommen« werden. Nun fordert der Apothekensprecher: »Die Menschen müssen die Medikamente erhalten, die aus Sicht des Arztes und Apothekers für die Therapie am besten geeignet sind, und nicht diejenigen, für die eine Kasse am meisten Rabatt ausgehandelt hat ... Der Patient muß im Mittelpunkt stehen und nicht wirtschaftliche Überlegungen von Kassen.« Daß »der Mensch«, noch dazu der kranke, höherwertig sein soll als die Gewinnmaximierung eines Unternehmens mit hohen Vorstandsgehältern, das rüttelt an den Grundfesten unseres Daseins. Da darf der Verfassungsschutz sich nicht wieder den Vorwurf der Säumigkeit einhandeln.
Günter Krone

Lindner auf Jagd
Der Landesvorsitzende und Fraktionsführer der FDP in Nordrhein-Westfalen ist ein begabter Windmacher. Mit diesem medienwirksamen Talent hat Christian Lindner seiner Partei, die übel dran war, den Wiedereinzug in den Landtag verschafft. Vermutlich wäre er bereit gewesen, Hannelore Kraft als Juniorpartner beizustehen, aber die kam ohne Freidemokraten aus, die Grünen langten für eine Regierungsmehrheit. So übernahm Lindner die Rolle des Oppositionellen, und weil die nordrhein-westfälische CDU nach wie vor ziemlich gelähmt ist, hat er beste Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. »Jetzt jagen wir die rot-grüne Schuldenkoalition«, bläst er in einem Interview der Neuen Westfälischen ins Horn. Und er macht seinem Ärger über die Grünen Luft: »Die Macht« (in NRW), sagt er, »hat der grüne Umweltminister«.

Lindner ist kein Dummkopf. Selbstverständlich weiß er, daß die Finanzmisere der öffentlichen Hand in NRW nicht durch verschwenderische Umweltpolitik verursacht ist und die Ministerpräsidentin Kraft keineswegs dazu neigt, Staatsgelder großzügig an die Bevölkerung zu verteilen. Um demagogische Effekte geht es dem nordrhein-westfälischen FDP-Chef. Sein Jagdeifer aber gilt im Grunde nicht der SPD oder den Grünen, erlegen will er eine gesellschaftspolitische Gestalt: Die Finanznöte, behauptet er, seien Folgen »des schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaates«. Also: Weg mit der Sozialstaatlichkeit, dann wird auch die Verschuldung beendet. Mit dem Thema Schulden hat Lindner übrigens persönliche Erfahrung. Bevor er sich der Politik als Hauptberuf zuwandte, betätigte er sich als Newcomer in der Unternehmensberatung und bei Firmengründungen, beteiligt an einer Firma, die von der öffentlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau 1,4 Millionen Euro Förderkredit bekam und sich dann bald in Luft auflöste; das Steuerzahlergeld war verloren, haften mußten die Unternehmer nicht. Eine sehr spezifische Form von zur öffentlichen Verschuldung beitragender Wohlfahrtspolitik – allerdings keine gemeinnützige.

Lindner, so wird geraunt, werde demnächst Bundeschef der FDP. Bundesgeschäftsführer dieser Partei war er schon mal, trat dann zurück und sagte »Auf Wiedersehen«. Rösler wird das als Drohung verstanden haben.
P. S.

Die Händler des Todes
Deutschlands größter Panzerbauer Krauss-Maffei-Wegmann (KMW) soll den Auftrag für die Lieferung von bis zu 800 Panzern an Saudi-Arabien so gut wie sicher haben. Der Deal konnte dieses Mal nicht verheimlicht werden. Sicher haben die angespannte Situation in dem Krisengebiet und die aggressive Haltung des saudischen Feudalherrscherhauses dazu beigetragen, daß das Geschäft nicht im Stillen über die Bühne gehen konnte, wie sich das der Rüstungskonzern und die Bundesregierung vorgestellt hatten. Ein anderer Faktor ist allerdings zum Auslöser geworden und vermittelt einen Einblick in die Strukturen eines Rüstungskonzerns: Burkhart Braunbehrens, millionenschwerer Erbe von KMW-Firmenanteilen, will das Jahrhundertgeschäft verhindern. Das ist mehr als ein Tabubruch, denn durch seine Einlassungen gegenüber Reportern der Financial Times Deutschland ist auf die dunklen Geschäfte des Rüstungskonzerns und das Zusammenwirken mit der Merkel-Regierung ein heller Lichtstrahl gefallen, was bisher immer geschickt vermieden werden konnte. Gewöhnlich erfährt die Öffentlichkeit nichts darüber. Das kann sich jetzt durch die Einlassungen von Braunbehrens ändern. Vorausgegangen waren Aktionen der Berliner Künstler-initiative »Zentrum für politische Schönheit«, die seit ein paar Wochen Hinweise, die zur Verhaftung der Krauss-Maffei-Wegmann-Gesellschafter führen können, nicht nur mit Internetaktionen sammelte, sondern auch durch Information an Schulen, Verbände und Vereine bis hin zu Fahndungszetteln an Bäumen in der Nachbarschaft von Konzerneigentümern. Das war offenbar sogar Braunbehrens – selbst Künstler – zuviel, war er doch auch unmittelbar Betroffener dieser Aktionen geworden. Er besann sich seiner Rolle bei den Studentenaktionen der 1968er und trat an die Öffentlichkeit. Moralische Bedenken gegen Machtfülle und Machtmißbrauch? 2011 lag der Gewinn bei KMW im oberen zweistelligen Millionenbereich, für 2012 wird eine beträchtliche Steigerung erwartet, nicht nur durch den Deal mit Saudi-Arabien. Eine Fusion mit dem konkurrierenden Rüstungskonzern Rheinmetall ist seit einiger Zeit im Gespräch und soll die Macht der deutschen Rüstungsindustrie im internationalen Geschäft noch vergrößern. Es geht nicht nur um das Panzergeschäft mit Saudi-Arabien, sondern um die internationale Wettbewerbssituation und die Dominanz im lukrativen Geschäft mit dem Tod. Macht und Moral? Moral dürfte – trotz der Einlassungen von Braunbehrens und der bewundernswerten Aktion der Künstlergruppe »Zentrum für politische Schönheit« – keine Rolle spielen. Hier geht es um harte Interessen im internationalen Rüstungsgeschäft. In diesem Streit um Macht und Moral hat die Moral wohl keine Chance.
Manfred Uesseler

Spanien verleiht Kriegsschiff
Die Löcher im spanischen Haushalt und damit auch im spanischen Militäretat zwingen die Marine, eines ihrer Kriegsschiffe auf Zeit an Australien zu verleihen. Mit der australischen Navy wurde vereinbart, daß ab 2013 das Versorgungsschiff »Cantabria« bei Manövern im Pazifik zum Einsatz kommt. Das Schiff wird weiterhin unter spanischer Flagge fahren, und die Gehälter der 180 Besatzungsmitglieder bezahlt die Regierung in Madrid in Euro. Die australische Kriegsmarine zahlt die Unterhalts- und Treibstoffkosten. Das Schiff, so der Vertrag für die 2010 in Dienst gestellte »Cantabria«, darf nicht in Kampfeinsätze verwickelt werden. Der Verleih ist eine Werbefahrt für Spaniens Werftindustrie, die hofft, daß Australien nach dem erfolgreichen Verleih zwei neue Versorgungsschiffe bestellt. Seit Jahren ist das Land einer der wichtigsten Kunden spanischer Werften und Rüstungsfirmen.
Khw


Fahrerflucht
Das unerlaubte Entfernen vom Unfallort, wie die Fahrerflucht in § 142 Strafgesetzbuch (StGB) genannt wird, beschäftigt die Gerichte und viele gewöhnlich gesetzestreue Bürger. Der Paragraph verlangt nicht mehr und nicht weniger, als daß ein am Unfall Beteiligter die Feststellung seiner Person ermöglicht. Der »Täter« muß sich also nach dieser Bestimmung selbst anzeigen. Das ist ungewöhnlich. Kein Mörder, Dieb oder sonstiger Krimineller muß sich selbst stellen. Selbstanzeigepflicht widerspricht dem Grundsatz des Auskunftsverweigerungsrechts, der im Strafrecht gilt, nur eben nicht im § 142. In der DDR, der ehemaligen, gab es einen derartigen Straftatbestand nicht, auch in der Schweiz und in Österreich existiert er nicht.

In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) durch Beschluß vom 29.5.1963 festgestellt, daß § 142 StGB mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Doch das besagt nichts über die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit der Norm. Warum wird von dem sonst im Strafrecht geltenden Prinzip, daß niemand sich selbst belasten muß, abgewichen? Das BVerfG läßt in seinem Beschluß erkennen, worum es dem Gesetzgeber in dieser Bestimmung geht. Es sagte: »Der Fortfall des strafrechtlich bewehrten Verbots der Unfallflucht würde die zivilrechtlichen Entschädigungsansprüche der Unfallopfer in zahlreichen Fällen entwerten oder sogar ihre Verfolgung unmöglich machen.« Das ist bei Sachbeschädigungen, Diebstahl und anderen Straftaten genauso, aber vom Dieb verlangt der Gesetzgeber nicht, daß er sich selber stellt. Seine kriminelle Intensität ist jedoch viel größer als die des Autofahrers, der beim Einparken ein fremdes Fahrzeug beschädigt hat. Es scheint, als habe der Gesetzgeber nach dem Grundsatz gehandelt, je kleiner das Delikt desto größer die Pflicht, sich zu stellen.

In Deutschland gab es 2009 nach § 142 StGB insgesamt 31.062 Verurteilungen, davon 92 Prozent zu einer Geldstrafe. Dazu kommt die nicht geringe Zahl der Freisprüche. In jedem Fall hat die Justiz damit viel zu tun und hat weniger Zeit für gravierendere Fälle. Auch der Freigesprochene hat viel Zeit und Nerven und Geld in dem Gerichtsverfahren lassen müssen. Und wie man anderswo gesehen hat und noch sehen kann, es geht auch ohne Selbstanzeige, aber vielleicht haben die Autoversicherer etwas dagegen.

Damit kein Mißverständnis aufkommt: Strafbar bleibt in den genannten Ländern die unterlassene Hilfeleistung.
Friedrich Wolff


Alles was Recht ist
»Alles was Recht ist« hieß die Fernsehsendung, die Friedrich Wolff in der DDR große Popularität eingetragen hat. Er wußte, was Recht ist, aber er wußte nicht, was ihn im Rechtsstaat BRD erwartete. »Wer einen Verbrecher verteidigt, ist selbst ein Verbrecher« lautete der Schlachtruf des von westdeutschen Politikern und ihren Massenmedien verhetzten Pöbels, der ihn vor dem Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit erwartete und durch die Straßen jagte. Der »Verbrecher«, den er verteidigte, hieß Erich Honecker, der mit abenteuerlicher Begründung angeklagt worden war. Die in der Wendezeit flink gewendeten Staatsanwälte des untergehenden Staates, die ihre Posten zu retten hofften, hatten es nicht leicht gehabt, einen passenden Paragraphen im Strafgesetzbuch zu finden. Aber die westdeutschen Richter, die dem sterbenskranken Angeklagten den Prozeß machen wollten, waren um keinen Deut besser. Die Zeit, in der Erich Honecker in Bonn auf dem roten Teppich empfangen wurde, war abgelaufen, jetzt hatte man entdeckt, daß er der Diktator eines untergegangenen Unrechtsstaates gewesen war. Und da konnte man auf rechtsstaatliche Fesseln des Strafgesetzbuchs und der Strafprozeßordnung verzichten. Obwohl die Anklage juristisch substanzlos war, gehörte Mut dazu, das Amt des Strafverteidigers zu übernehmen und sich der Anfeindung durch eine zum Kommunistenhaß angestachelte Medienöffentlichkeit auszusetzen. Friedrich Wolff, der seinem Mandanten einen westdeutschen Mitverteidiger sichern wollte, wurde bei Otto Schily im Wartezimmer abgefertigt.

Als auch für Honeckers Gegenspieler Hans Modrow, der nicht nur in der DDR als Hoffnungsträger gegolten hatte, ein Paragraph gefunden war und ein zweiter Verteidiger gesucht wurde, hat Friedrich Wolff mich hinzugezogen und mir damit zur Mitwirkung in einer Hauptverhandlung verholfen, die sich, wenn man von dem naßforschen antikommunistischen Eifer der jungen Staatsanwälte absieht, wohltuend von vielen anderen Prozessen der politischen Justiz unterschied. Das war nicht zuletzt dem souveränen und gelassenen Auftreten des durch die harte Schule der DDR-Justiz gegangenen Kollegen zu verdanken, der die rechtliche Fragwürdigkeit des Verfahrens und die politischen Hintergründe der Anklage einer mit unvoreingenommenen Richtern und Schöffen besetzten Dresdener Strafkammer eindrucksvoll klarmachte. Erst die konservativen alten Herren in Karlsruhe brachten es fertig, den herrschenden undifferenzierten antikommunistischen Zeitgeist wieder zu geltendem Recht zu erheben, und sorgten dafür, daß der unbequeme sozialistische Hoffnungsträger in erneuter Hauptverhandlung mit einer, wenn auch zur Bewährung ausgesetzten, Freiheitsstrafe bedient wurde.

Friedrich – oder wie seine Freunde sagen dürfen: Fritz – Wolff hat seine Justizerlebnisse als Strafverteidiger in beiden deutschen Staaten in seinem Buch »Verlorene Prozesse« mit gewissenhafter Genauigkeit beschrieben. Die rechtsstaatlichen Defizite hüben und drüben werden unverblümt angesprochen, und es bleibt insgesamt ein betrübliches Bild von deutsch-deutscher Gerechtigkeit. Wer sich ein Urteil darüber zutraut, wie viele Unrechtsstaaten es auf deutschem Boden gegeben hat, sollte auch sein zweites Buch »Einigkeit und Recht« lesen.

Am 30. Juli 2012 wird Friedrich Wolff, der Nazideutschlands Rassenwahn entkam und erst in der DDR Rechtsanwalt werden konnte, 90 Jahre alt. Wir dürfen auf seine bei PapyRossa zu erwartende Autobiografie gespannt sein.
Heinrich Hannover


Tanz um politische Korrektheiten
Das Rudolstädter Weltmusikfest (tff) – geht seit über zwei Jahrzehnten friedlich, fröhlich, völkerverbindend über die Bühnen, von denen es heuer mehr als 20 gab. Doch diesmal hatte man als Gastland China eingeladen; auch bekam Hannes Wader die Ehren-Ruth, einen Preis für Leute, »die sich in hohem Maße für die Weltmusik verdient gemacht haben«.

Beginnen wir mit dieser Petitesse: Gefragt, der wievielte Preis dies nun eigentlich sei, mußte Wader fast verschämt eingestehen: Erst der zweite. Das hat gewiß mit seiner Vergangenheit zu tun, als er auf einem »Festival des Politisches Liedes« sang – Grusel-Begriff, den heutige Radioverantwortliche nicht mehr kennen wollen und sollen. Auch die Mitgliedschaft in einer Partei, die »deutsch« und »kommunistisch« in der Bezeichnung führte, ist zum Glück vergeben und vergessen. Wer wird noch jene Wader-Strophe erinnern wollen: »Trotz alledem und alledem, / trotz Grundgesetz und alledem / drückt uns man mit Berufsverbot / die Gurgel zu, trotz alledem.«

Denn jetzt singt der gute alte Politbarde von seinen Problemen mit Frauen – und er singt mit der guten, gar nicht alt wirkenden Stimme. Da darf dann auch die Finanzkrise mitgesummt werden, und man hat das Gefühl, etwas für den politischen Fortschritt im Rahmen der bestehenden Gesetze zu tun.

Gefährlich ist’s hingegen, den Leu zu wecken. Den Leu namens China. Relativ kurzfristig hatte man China als Gastland fürs diesjährige Fest gebucht – denn wenn in ganz Deutschland die Volksrepublik ihr Kulturjahr durchführt, sollte auch dieses Welt-Fest davon profitieren. Die Rechnung im doppelten Sinne ging auf – noch nie war so viel, so unterschiedliches China, meist fern jeden Repräsentationskitsches, zu hören, zu sehen, zu bewundern. Ein selbstbewußtes, selbstbestimmtes Programm. Mit Hilfe des in Peking lebenden Deutschen Robert Zollitsch zusammengestellt, von den Mandarinen dennoch abgenickt.

Doch darf man chinesische Kultur zeigen, ohne deutsche Staatsdoktrin – denkt an die Verfolgten und Gemarterten außerhalb unserer guten Demokratie! – zu praktizieren? Wer ist besser dafür geeignet als tibetische Mönche? Die traten nämlich ebenfalls auf. Allerdings wohnen sie gar nicht in Tibet, sondern in Indien. So daß für sie die tibetische Flagge nicht aufgezogen werden mußte, man hißte die indische. So pragmatisch verfuhren die Organisatoren ...
In der Galerie der Kunstwerkstatt des Ortes stellte zum Anlaß auch ein chinesischer Künstler aus. Aus Hongkong stammend, in Berlin lebend. Stellte einfach, unzensiert, aus. Hätte man da nicht wenigstens lautstark Ei! Weihweih!! schreien müssen? Die Kunst ist verfolgt im roten China!

Doch das feiernde Volk in Rudolstadt wußte eben nicht zu entscheiden zwischen Verfolgten und Verfolkten.
Matthias Biskupek


Walter Kaufmanns Lektüre
Nach dem Erlebnis Belafonte in der Berliner Volksbühne (s. Ossietzky 8/12) griff ich zu seiner Autobiografie »My Song«: Eine Fundgrube! Seine Kindheit in New York wird hier beschrieben und sein Griff nach den Sternen, als er noch Hausmeistergehilfe war und das schwarze Theater in Harlem erlebte: »Das will ich auch!« Der große Erwin Piscator nimmt ihn und Marlon Brando, Walter Matthau und Tony Curtis in seine Schauspielklasse auf, blutjunge Anfänger, die allesamt zu Größen im Film und auf den Bühnen Amerikas aufsteigen. Harry Belafonte entwickelt sich zum schauspielernden Sänger, wird Konzertstar, Plattenstar, Star in Las Vegas. Dort auch zum verwegenen Spieler, der Riesenverluste wegzustecken und doch hauszuhalten weiß mit seinen Honoraren, so daß ihm genug für eine Prachtwohnung in Manhattan bleibt, ein Haus am Strand in der Karibik und für ein Leben in Fülle. Nie aber wird er vergessen, woher er kommt. Er spendet gut die Hälfte seines Geldes für die Ärmsten der Armen, für die Bürgerrechtskämpfer im Süden der USA, für die Schwarzen in den Ghettos. Und bringt sich selber immer wieder in die Kämpfe ein, an der Seite Martin Luther Kings, an der Seite aller, die für die Gleichberechtigung der Schwarzen den Kopf hinhalten. Und er bewirkt, daß sich Robert Kennedy und Gouverneur Rockefeller für die Ghetto-Kinder von Birmingham in Alabama einsetzen, die den Aufstand gewagt hatten und, blutig geschlagen, hinter Gittern landeten. Er ist überall dort, wo Hilfe gebraucht wird. Was tut er nicht alles, um schwarzen Künstlern den Weg nach oben zu bahnen – genug! Dieses Buch ist »a bridge over troubled waters«, eine Brücke zu allen Gleichgesinnten in der Welt – in den USA und in Kuba, in Südamerika und den Ländern Europas, und es erzählt von Belafontes Liebe zu zwei Frauen, den Müttern seiner Kinder, die ihn über lange Strecken seines wechselvollen Lebens begleitet haben, von väterlicher Fürsorge erzählt es und von der Liebe zu seiner dritten Frau, Pamela, der er am Schluß des Buches neun schlichte Worte widmet: »Danke, daß du da bist. Ich liebe dich. Harry.«
W. K.

Harry Belafonte/Michael Shnayerson: »My Song. Die Autobiographie«, übersetzt von Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz, Kiepenheuer & Witsch, 622 Seiten, 24,99 €


Irgendwo im Delta des Niger
Eine Frau, Engländerin, verheiratet mit dem Manager einer Ölfirma, verschwindet kurz nach ihrer Ankunft in Nigeria spurlos, ist mutmaßlich von einer Rebellengruppe entführt worden. Rufus, ein junger einheimischer Journalist, wittert die Story seines Lebens und erhält von seiner Zeitung den Auftrag, die Entführte zu suchen und zu interviewen. Seine Recherchen führen ihn geradewegs in eine Albtraumwelt. Zahlreiche Figuren kreuzen seinen Weg: Da ist beispielsweise der ehemalige Starjournalist und bekannte Menschenrechtsaktivist, inzwischen todkrank und hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Oder der ins Delta strafversetzte Major der nigerianischen Armee, der seine Wut über erlittenes Unrecht an vermeintlichen und tatsächlichen Rebellen austobt. Und der Arzt, selbst krank, permanent überarbeitet und doch immer bereit, Leidenden zu helfen, obwohl er selbst am besten weiß, daß er nur die Symptome lindern, nicht aber das Massensterben im Delta bekämpfen kann. Hauptfigur des Buches aber ist das Erdöl, das, obwohl meist unsichtbar, hinter sämtlichen Geschehnissen steckt und ihnen unerbittlich seinen Stempel aufdrückt.

»Öl auf Wasser« ist eine gekonnte Mischung aus Sozialreportage und Umweltthriller, umrahmt von einer zart-poetischen Liebesgeschichte. Der mehrfach preisgekrönte nigerianische Autor Helon Habila hat jahrelang als Journalist gearbeitet, lebt jetzt als Literaturwissenschaftler in den USA und in Nigeria. Sein hier besprochener dritter Roman ist seine deutsche Erstveröffentlichung. Er thematisiert darin die zerstörerischen Auswirkungen der Erdölindustrie auf die Umwelt und die Kultur seines Landes.
Gerd Bedszent

Helon Habila: »Öl auf Wasser«, Roman in der Übersetzung von Thomas Brückner, Verlag Das Wunderhorn, 231 Seiten, 24,80 €




Beimlers Bericht
Binnen zehn Tagen schrieb Hans Beimler, in Moskau angekommen, die Erlebnisse auf, die erst Wochen hinter ihm lagen, seit er im Mai 1933 aus dem Konzentrationslager Dachau geflohen und so seinen Peinigern entkommen war. Sein in der sowjetischen Hauptstadt zuerst in deutscher Sprache erschienener Text, der nicht mehr als etwa 60 Druckseiten umfaßte, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Er bezeugte authentisch die ersten herausgesickerten Nachrichten aus den Lagern, in denen SA-Mannschaften mörderisch herrschten und ihren Rachedurst an ihren Gegnern stillten.

Dem Neudruck hat der Historiker und Pädagoge Friedbert Mühldorfer zwei den Bericht wie dessen Autor aufschließende Beiträge beigefügt, die den Hauptteil des Bandes ausmachen. Vorangestellt ist eine Darstellung der Entstehung und frühen Verbreitung des Berichts sowie dessen historischer Einordnung. (Schade, dass die Vorbemerkung zur Moskauer Ausgabe, die Fritz Heckert verfaßte und auf die der He-rausgeber einen kritischen Seitenblick wirft, nicht aufgenommen wurde.)

Eine biographische Skizze nennt Mühldorfer – zu bescheiden – seine sorgsam in Archiven Berlins, Münchens, Augsburgs und Dachaus recherchierte Schilderung des Lebens des Mannes, der in Spanien im Kampf gegen die Faschisten 1936 starb und dessen Andenken auch im Lied von »Hans, dem Kommissar« weiterlebt, das Ernst Busch schrieb und sang. Hier ist nichts ausgelassen und nichts beschönigt und fehlt auch die kritische Anmerkung zu dem in der DDR betriebenen kultischen Umgang mit einer Gestalt nicht, die ihren unverlierbaren Platz in der Geschichte des linken Flügels der deutschen Arbeiterbewegung hat.

An Beimler erinnern übrigens die Namen einer Straße beziehungsweise eines Weges in Augsburg, seiner Geburtsstadt, und in München.

Kurt Pätzold

Hans Beimler: »Im Mörderlager Da-chau«, herausgegeben, kommentiert und um eine biographische Skizze ergänzt von Friedbert Mühldorfer, PapyRossa Verlag, 195 Seiten, 12,90 €


Gelegentlich bei Hans Dampf
Ossietzky-Lesern braucht man Wolfgang Helfritsch längst nicht mehr vorzustellen. Wir kennen ihn als hellwachen Beobachter seiner Zeitgenossen, über die er gern spöttelt, ohne Bosheit, mit viel Humor. Wir kennen ihn als Sucher und Finder auf den Spuren Kurt Tucholskys und zeitweiligen Vorsitzenden der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft. Und wir kennen ihn als Leiter des Zimmertheaters, auf dessen Brettern er, neben vielen guten Mitwirkenden, als Komödiant glänzt. Aber in dem jüngst erschienenen Buch »Nischt wie Theater« können wir noch viel mehr über ihn erfahren: über seine Kindheit in der alten Residenzstadt Greiz, seine Familie, seine Lehrer, seine eigene spätere Tätigkeit als Lehrer und als Direktor einer Schule mit dem Schwerpunktfach Sport, seine sportwissenschaftlichen und historischen Forschungen und Veröffentlichungen, über die von ihm initiierten Kabarett-Tage und die Aktionen unter dem Motto »Ein Kessel Buntes gegen braune Brühe«, für die er viele Künstler gewann, nachdem Berliner Behörden einen Nazi-Aufmarsch genehmigt hatten. Ja, dies und noch viel mehr könnten wir erfahren, sofern es uns gelingt, uns in dieser kunterbunten Sammlung von teilweise sogar in Versform abgefaßten und gereimten Texten zurechtzufinden. Mir fiel das vor allem deswegen nicht ganz leicht, weil das Buch noch einen zweiten Autor hat, Detlef Noack, der nicht nur viele Karikaturen beigetragen hat, sondern ebenfalls aus seinem Leben berichtet. Ein Stück Gesicht rechts unten auf der Seite verrät, wer von beiden gerade das Wort hat, auch verschiedene Schriftarten geben Orientierungshilfe, die mir jedoch nicht ausreichte. Ein verbindendes Element ist »Hans Dampfs Suppentopf«, ein Speisen- und Getränkestand in der Nähe des Müggelsees, wo sich Helfritsch und Noack gelegentlich treffen, auch der wohlschmeckenden Quarkkeulchen wegen. Da konnte im Gespräch schon so manche Idee, so manches Projekt, so mancher treffende Witz entstehen.

Auf Seite 200 des Buches sieht man zwei katholische Priester auf einer langen Straße wandeln. Der eine fragt: »Ob wir wohl die Aufhebung des Zölibats noch erleben?« Antwort: »Wer weiß – wenn nicht wir, dann vielleicht unsere Kinder.«
Evelyn Enzian

Wolfgang Helfritsch und Detlef Noack: »Nischt wie Theater«, 325 Seiten, Verkaufspreis 25 € inkl. 2 DVD und 1 CD, Bezug: wkhelfritsch@gmx.de



Zuschriften an die Lokalpresse
Fast alle Zeitungen berichten seit Wochen von Beschwerden und Klagen der von den neuen Flugrouten betroffenen Anlieger. Zwar hat sich die Eröffnung des Berliner Großflughafens erst mal verzögert, aber die Aufregung ist groß und wird auf lange Sicht viele Juristen ernähren. Es geht, so zitierte das nd am 5. Juli einen Klägeranwalt, um die »Betroffenen-Abwägung als Herzstück der Planung«. Und genau darum geht es mir auch. Ich lebe mit meiner Frau und meinen Kindern am nordwestlichen Stadtrand Berlins, wo ich ein Einfamilienhaus mit Gießrand bewohne. Seitdem es den Flughafen Tegel gibt, gehören die ein- und ausfliegenden Maschinen zu unserem gewohnten Geräuschpegel, und unsere Kinder können sich ein Leben ohne Fluglärm nicht vorstellen. Sie haben es gelernt, Entfernungen und Flughöhen zu schätzen, Zielorte zu erraten, Landungen und Starts pro Stunde aufzulisten und Flugzeugtypen nach dem Gebrumm zu unterscheiden. Wie oft haben wir abends auf der Gartenbank neben dem Fliederbusch gesessen, Wetten um die Abstände zwischen den Maschinen abgeschlossen, uns an den Händen gehalten und Linden- und Kerosinduft genossen! Als mein Vater vor drei Jahren im Alter von 94 Jahren für immer dahinging, spitzte er noch einmal die Ohren und flüsterte selig lächelnd: »Eine Boeing 609!« Das waren seine letzten Worte. Das alles soll nun vorbei sein! Im Namen ähnlich empfindender Betroffener – die Namen sind mir bekannt – bitte ich die politisch Verantwortlichen, die Schließung zu überdenken. Falls sie sich dennoch nicht vermeiden läßt, bitte ich aus humanitären Gründen darum, wenigsten einige Flugrouten weiterhin über unser Stadtrandidyll zu führen. – Friedbert Hörmann (56), Behördenangestellter, 13589 Berlin-Spandau
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Ick finde, man darf nich an allem rummeckern, man muß ooch mal det Positive sehn! Die Pleite mit den Fluchhafen is natierlich Kacke, da sind di Termine janz scheen jeplatzekt. Det is ja nu nischt Neuet uffn Bau, det war bei den Einkoofstempel mit die Jleisanschlüsse ohm und unten ooch nich anders, und unsa Hohenzollanherz wird sich wohl ooch noch missen een paar Jahre jedulden, bis der Präsident vom neuen Schloßbalkon aus seine lieben Berliner jrüßen kann. Umso mehr freue ick mir, wenn mal wat klappt. Zum Bleistift: Een Sticke vom Fluchhafen is pinktlich bezuchsfertig, un zwar der Abschiebeknast. Und der steht nu jetzt leer uffm Rollfeld rum! Könntense da nich überjangsweise erstmal die Zuständijen für den Schlamassel einbuchten? Weil, die Kosten fürn Strom und für de Schließanlare und det allet falln doch sowieso an! – Orje Lautenschläger (72), Polier i. R., 13059 Berlin-Wartenberg
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Im Regionalteil des nd vom 5. Juli wird eine brandenburgische Firma vorgestellt, die die angehäufte Streumunition der Bundeswehr durch zielgerichtete Sprengungen vernichtet. Da sich unser Land der UNO-Konvention von 2008 angeschlossen hat, war nun die ganze frühere Arbeit der Ingenieure und Fachkräfte in der Produktion umsonst, und man kann nur hoffen, daß den Arbeitnehmern ein gleichwertiges Tätigkeitsfeld in der Landesverteidigung und Friedenssicherung zugewiesen werden kann. Beruhigend ist nur, daß die Firma Buck in Pinnow noch jahrelang mit der Sprengung der Streumunition zu tun haben wird. Glücklicherweise stellt ihre skandinavische Partnerfirma auch Verteidigungsmittel her, die noch nicht geächtet sind, zum Beispiel Raketen, Handgranaten und Projektile. So kann der bewährte Kreislauf Waffenherstellung – Waffenvernichtung – Waffenherstellung auch weiterhin einen stabilen Beschäftigungsrhythmus sichern. Vielleicht kann ein solches Vorgehen auch auf andere Herstellungszweige übertragen werden, zum Beispiel auf die Pharmaindustrie. – Alfons Mierscheid (46), Betriebswirtschaftler, 09434 Krumhermersdorf
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Also Jottchen, näj doch, also so wat aber ooch! Ach du Häjlijer Vater im Himmel! Da hat sich der Papst mal jäjen äjne duss-lije Zäichnung in die Titanic stark jemacht. Und dat is doch wohl nur rächt un billich is dat! Und säjne Advokaten ham die Rücksäjte von dem Schmierblatt ooch jläich verbieten lassen! Richtich so! Da wird doch unser Benedikt Tatsache von hinten konterfäjt! Un uff säjne Soutane is äjn jroßer brauner Fleck druff und da drunter stäjt jeschrieben, daß der Vatikan die undichte Stelle hat aufjestöbert! Nu frage ich Ihn’, muß sich der Stellverteter vom liehm Jott jefallen lassen, daß auf die braune Rücksäjte von manche von säjne Amtsbrieder anjespielt wird? Mannche, mannche, so jäjts doch nu Jottseisjeklaacht wahrhaftich nich, alles was rächt is! Bißchen Anstand muß doch noch säjn unter den Himmelsschirm von unsern Herrjott! – Magdaleneluise Kalluweit (89), jeboren in Keenichsbarch in Ostpreußen
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Det holt ja nu keen` mehr vom Hocker, det die Menschheit ville dicker is als ihr jut tut. Mindestens 18 Million` überflüssijen Speck schleppt unsre stolze Jattung mit sich rum. Det pfeifen ja die Spatzen schon längst von alle Dächer, det nutzlos anjefressene Pfunde die Krankheitsjefahr`n erhöh`n und die Lebenserwartung senken. Jut, daß det neue deutschland die Sache mal uffjreift! Aba nach een` radikal`n Ausweech suchste ooch in de sozialistische Tareszeitung vajebens. Und da mach` ick jetzt mal een Vorschlag zur Jüte: Et is ja nu seit Jahren so, det die Fahrpreise für die Öffentlichen in die Höhe klettern wie die Sonne an een` Sommertaach, wenn ooch nich jerade diesen Sommer. Und trotzdem machen die Züje eene Grätsche nach die andere, und die Busse loofen heiß und fang` während die Fahrt Feuer. Ick denke mir, det kommt vor allem durch det zu jroße Lebendjewicht. Deshalb schlare ick vor, det Ticket individudel nach`m Jewicht zu berechnen. Am Wageneinjang is ne Waage, da trittsde druff, un schon zeicht dir der Automat, wieviel de rinstecken mußt. Du sollst mal sehen, wie dann die Dicken abspecken, und die Dünn`, die sich sowieso hinterm Besenstiel vastecken könn`, lassen ihr Auto steh`n un wer`n wieder zu Fahrjäste. Denn brauchen nich mehr so ville Bahn`und Busse zu fahr`n, weil, et passen ja mehr rin, und ooch die Bahn und die Bevaujeh is dadurch jeholfen. – Justav Kosanke-Labersack (57), Invalidenrentner, jeborn in Berlin, 55483 Dickenschied
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Wie die Berliner Tageszeitungen berichten, will der Innensenator Frank Henkel wegen der häufigen Wohnungsbrände in der Hauptstadt alle Wohnungen serienmäßig mit Rauchmeldern ausstatten. Jedesmal, wenn irgendwas in den eigenen vier Wänden qualmt, wird automatisch Alarm ausgelöst, und die Feuerwehr rückt an. Das finde ich sehr gut, weil, bei mir ist es auch schon vorgekommen, daß das Schnitzel angebrannt ist, und bloß, weil mir die Nachbarin an der Wohnungstür erzählt hat, daß ihr Enkel endlich die Fahrprüfung bestanden hat und nun das Auto selber steuern kann, das sie ihm am Vatertag geschenkt hat. Außerdem sind die Brandmelder eine gute Möglichkeit, den Leuten endgültig das Rauchen abzugewöhnen. In Fliegern und auf Bahnhöfen klappt das ja auch schon, wenigstens meistens, und wenn die Feuerwehr immer ein saftiges Bußgeld erhebt, wenn sie wegen des Pfeifen- oder Zigarettenqualms vergeblich angerückt ist, werden sich die Nikotinsüchtigen schon noch überlegen, wie lange sie sich das noch leisten können. Außerdem entstehen neue Arbeitsplätze, weil, die Rauchmelder müssen ja erst mal in Massen hergestellt und jährlich getüvt werden, und viele zusätzliche Feuerwehrleute und Feuerwachen müssen eingestellt beziehungsweise eingerichtet werden. – Bruni Heißsporn (52), Hausfrau, 09618 Brand-Erbisdorf
Wolfgang Helfritsch


Press-Kohl
Eine Berliner Morgenzeitung erfreute ihre reiselustigen Leser mit dem »Tip für eine Spritztour«; sie empfahl Kamien Pomorski an Polens Ostseeküste. Ein verlockender Ausflug, wie es scheint. Denn »die meist abseits der Ortschaften gelegenen Friedhöfe laden zum Verweilen ein«.

Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt.

»Allerdings gibt es kaum gastronomische Einrichtungen. Es ist also ratsam, im Reisegepäck Verpflegung mitzuführen.«
Das tue ich immer, wenn ich mal auf einem Friedhof Urlaub machen will.
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In einem 2000 erschienenen Sammelband des Scherz Verlags (»City Crimes. Die besten Morde aus den Metropolen«, herausgegeben von Gisela Eichhorn mit Übersetzungen der Texte von Patricia Highsmith, Dashiell Hammett, Georges Simenon, Stanley Ellin, Daphne du Maurier) steht merkwürdigerweise auch die Geschichte »Das Haus in der Plymouth Street« von Ursula Curtiss. Das Haus in der Plymouth Street hat uns schon mal fast einen ganzen Urlaub verdorben, denn es ist nicht von Frau Curtiss verfaßt, sondern von einer gewissen Mechthild Sandberg »ins deutsche übersetzt worden«. Die Story berichtet, wie eine Frau an einem kalten Oktobertag in der ruhigen, ländlichen Gegend südlich von Boston ein Haus mitsamt Grundstück zu kaufen versucht. Das ist gar nicht so einfach, wenn es von den Damen Curtiss & Sandberg mühsam beschrieben wird: »... Mrs. Tyrell fehlte es an der Unverfrorenheit, einfach an fremde Türen zu klopfen und nach verkäuflichen Grundstücken zu fragen ... Aber in einer Ecke nahe der Straße war ein großes junges Mädchen in einem blauen Parka, das lustlos unter einem golden strahlenden Hickorybaum Blätter zusammenrechte« (also sie mit einem Rechen zusammenfegte). »Mrs. Tyrall hatte Bonnet dabei, den großen Airedale, vor dem die derzeitige Babysitterin eine lächerliche Angst hatte, aber nicht seine Leine(!). Sie schlug ihm die Wagentür vor den erwartungsvoll zitternden Schnurrbarthaaren zu und ging zu dem Mädchen. Für ihr Alter, schätzungsweise zwischen sechzehn und achtzehn, hatte sie ein farbloses und überraschend fades Gesicht. ›Hallo‹, sagte Mrs. Tyrell gegen ihren Willen so munter wie eine Krankenschwester. ›Mein Mann und ich suchen hier in der Gegend ein Haus – Cresset scheint ein sehr hübscher Ort zu sein –, und ich wollte fragen, ob Sie zufällig ein Haus wissen, das zum Verkauf steht, vielleicht mit etwas Grund.‹

An den Augen stimmte etwas nicht, als wären die hellblauen Iris gesprungen und nur unvollkommen wieder geheilt. Zurückgehen, dachte Mrs. Tyrell, und es gab ihr einen Stich wie jeder Frau mit zwei gesunden, klaräugigen Kindern. Und doch nicht ganz so jung, mindestens neunzehn, vielleicht auch zwanzig. ›Ich frage meine Mutter‹, sagte das Mädchen. Sie ließ den Rechen in den Haufen brauner Blätter fallen und lief zum Haus, ehe Mrs. Tyrell etwas dagegen einwenden konnte ...«

In diesem geheimnisvollen Kriminal-Märchen-Stil ging die Curtiss-Sandberg-Erzählung dann noch weiter, auf fast neun oder zehn eng bedruckten Seiten, schwer lesbar, schwer verständlich ... Und als in dem seltsamen Text das folgende vorkam: »Als wir hierherzogen, wohnte meine Mutter bei uns. Sie züchtete Usambaraveilchen, aber dann zog sie nach Delham. Aus irgendeinem Grund hörte sich das an wie mutwilliges Einkratzen in einem Grabstein«, erlosch mein Interesse endgültig. Ich wollte ja niemals ein Haus in der Plymouth Street erwerben, um darin Usambaraveilchen oder klaräugige Kinder zu züchten.

Ich wollte Sie, liebe und geduldige Leser, nur mit den Verschrobenheiten rasch produzierter Kriminalromane bekanntmachen, deren Lektoren entweder an Somnambulismus oder unheilbarem Sonnenstich leiden. Mit besten Grüßen Ihr
Felix Mantel