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Titel1508

Terror gegen Terrorimus  (Jürgen Rose)
Ein barbarisch geführter Kampf gegen den Terror gebiert nur immer neuen Terror und züchtet tagtäglich neue Terroristen zuhauf. Doch anstatt einmal innezuhalten und die Folgen bisheriger Weltpolitik der USA zu überdenken, hat aus seinem Oval Office in Washington ein wiedererweckter evangelikaler Fundamentalist mit seiner Junta einen gotteslästerlichen »Kreuzzug gegen den Terrorismus« gestartet. Und bis zum heutigen Tage erteilt ihm die Mehrheit der Volksvertreter im amerikanischen Kongreß den Freibrief dazu.

Auch in anderen Teilen der Welt pflegen die Regierungen die blödsinnige Kriegsrhetorik, unter dem Beifall fast der gesamten gleichgeschalteten Medienlandschaft. Hierzulande hatte Gerhard Schröder am 11. September 2001 nach den Terroranschlägen in New York und Washinton die Phrase von der »uneingeschränkten Solidarität« gedroschen, andere Polithelden erklärten, daß wir ab sofort »alle Amerikaner« seien, und seit sieben Jahren wird die Bundeswehr in den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Terror gehetzt. Der amtierende Inspekteur des deutschen Heeres, Generalleutnant Hans-Otto Budde, hat die wahrhaft atemberaubende Parole hierzu ausgegeben. In kriegshetzerischer Feldherrnpose proklamierte er: »Auch wenn wir irgendwann sagen können, die Schlachten in Afghanistan oder woanders sind beendet, wird der Kampf gegen den Terrorismus ewig weitergehen. Der Terrorismus wird überall unser Feind sein. Wir müssen das zur Kenntnis nehmen und dürfen den Kampf gegen ihn nie aufgeben. Er wird nicht in vierzehn Tagen und auch nicht in vierzehn Wochen zu Ende sein, sondern ewig dauern. Wir sind stark genug ... und ... werden den Krieg gegen diesen Feind gewinnen. Ich habe keinen Zweifel daran, daß wir das tun werden.«

Was all die kriegsbesoffenen Endsiegverkünder geflissentlich ignorieren, ist der eigentliche, der tagtägliche Terrorismus, der auf unserem Planeten herrscht. Der Schweizer Wissenschaftler und Publizist Jean Ziegler bringt den Skandal auf den Punkt, wenn er anprangert, daß jeden Tag 100.000 Menschen an Hunger oder dessen unmittelbaren Folgen sterben – insgesamt 36 Millionen allein im Jahr 2006. Und alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Das ist der wahre Terrorismus – nämlich der Terror der Reichen gegen die Armen.

Die Rüstungsausgaben der USA erreichten 2007 die astronomische Summe von etwa 500 Milliarden Dollar. Das ist der größte Rüstungsetat der Welt. Diese ungeheuerliche Verschwendung von Ressourcen ist schlechterdings obszön. Nicht etwa deswegen, weil die gewaltigste Militärmaschinerie der Weltgeschichte angesichts der selbstmörderischen Furchtlosigkeit ihrer, wie es im postmodernen Militärjargon heißt, »asymmetrisch« kämpfenden Feinde schmählich versagt hat, ja versagen mußte. Sondern vor allem deswegen, weil bereits mit einem Bruchteil der für militärische Zwecke aufgewendeten Mittel die Ursachen und nicht nur die Symptome terroristischer Gewalt bekämpft werden könnten. Statt dessen stellt der amerikanische Kongreß umstandslos, quasi aus der Portokasse, Hunderte von Milliarden für eine unsinnige Terroristenhatz mit militärischen Mitteln zur Verfügung. Man stelle sich die Entrüstung derselben Abgeordneten vor, hätte man von ihnen verlangt, die gleiche Summe für Entwicklungshilfe bereitzustellen. Dabei ist offensichtlich, daß in Ländern wie Afghanistan, Irak oder Iran Bomben und Raketen das letzte sind, was zur Friedensstiftung beitragen kann.

Robert Bowman, der als Kampfpilot der amerikanischen Streitkräfte während des Vietnamkriegs selbst Tod und Vernichtung vom Himmel schickte und später als Bischof der Vereinigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach, Florida wirkte, geißelt die Kriegspolitik seiner Regierung mit folgenden Worten: »Anstatt unsere Söhne um die Welt zu schicken, um Araber zu töten, damit wir das Öl, das unter deren Sand liegt, haben können, sollten wir sie senden, um deren Infrastruktur wieder instand zu setzen, reines Wasser zu liefern und hungernde Kinder zu füttern.« Und er fährt fort mit den Worten: »Kurzum, wir sollten Gutes tun anstelle von Bösem. Wer würde versuchen, uns aufzuhalten? Wer würde uns hassen? Wer würde uns bombardieren wollen? Das ist die Wahrheit, die die amerikanischen Bürger und die Welt hören müssen.« Stattdessen haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrer gigantischen Militärmaschinerie zur dramatischsten Bedrohung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit entwickelt, indem sie unter Mißachtung jeglichen Völkerrechts den präventiven Angriffskrieg zur nationalen Sicherheitsdoktrin erheben.

Nicht Krieg aber kann den Frieden bringen, sondern allein Gerechtigkeit. In Abwandlung des altbekannten römischen Wahlspruchs muß die Devise demnach lauten: Wenn du den Frieden willst, so diene dem Frieden! Dieser Kampf für den Frieden muß um die Seelen und Herzen der Menschen in den islamischen Ländern geführt werden – doch ist unvorstellbar, daß hierbei Bomben und Raketen zum Erfolg führen könnten. Jede Bombe auf Afghanistan, auf den Irak und vielleicht bald schon auf den Iran steigert den Haß gegen die USA in der muslimischen Welt ins Unermeßliche. Jeder Raketeneinschlag dient der Stabilisierung von Regierungen im Nahen und Mittleren Osten, die durch und durch korrupt, menschenverachtend und alles andere als demokratisch sind.

Ich habe afghanische Flüchtlingslager im Iran und Pakistan mit eigenen Augen gesehen, das Elend in den Palästinenserlagern des Südlibanon und die unbeschreibliche Armut der Menschen im Sudan und anderswo in der islamischen Welt. Zumindest ein Gedanke resultiert aus jenen Bildern, nämlich daß dies die Höllen sind, in denen jene zornigen jungen Männer geboren werden, die nur ein Wunsch beseelt: ihre Hölle in unsere Hölle zu verwandeln.

Zugleich aber bin ich im Verlaufe vieler Reisen durch den Nahen und Mittleren Osten auch ungezählten Menschen – Männern und Frauen, Kindern und Alten – begegnet, die mir als »reichem Aleman« trotz eigener Armut dutzendfach großartige Herzlichkeit und überwältigende Gastfreundschaft entgegenbrachten. Es ist an der Zeit, etwas von diesen Erfahrungen zurückzugeben – und wenn es nur ein wenig Solidarität und die Gewißheit ist, daß dieser Krieg nicht mein Krieg ist!

Der Autor, der in diesem Beitrag seine persönlichen Auffassungen vertritt, ist Oberstleutnant der Bundeswehr.