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Titel1518

Eine wenig erfolgreiche Saujagd  (Ralph Hartmann)

Alle paar Monate wird bei der Aufarbeitung des untergegangenen Unrechtsstaates eine alte Sau durch die Bundesrepublik getrieben. Dieses Mal hatten sich einige Sautreiber im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingefunden. Nicht zum ersten Mal ging es um die berüchtigten Zwangsadoptionen, ein Lieblingsthema der DDR-Aufarbeiter: Die Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR hatte dem Bundestag eine Petition vorgelegt, in der die Aufarbeitung von Zwangsadoption und ungeklärtem Säuglingstod oder Kindesentzug in der DDR gefordert wird. Hintergrund sind sogenannte Erfahrungsberichte der Petenten, wonach DDR-Behörden den Eltern aus politischen Motiven ihre Kinder entzogen und zur Adoption freigegeben haben.

 

Kurz vor der Sommerpause befasste sich nun der Petitionsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Sachverständigenanhörung mit dem »dunklen und lange verschwiegenen Kapitel der jüngeren deutschen Vergangenheit« (https://www.gruene-bundestag.de/petitionen/kindesentziehung-in-der-ddr). Zu dem geladenen Kreis von Sachverständigen gehörten: Agnes Arp, Historikerin, Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen der DDR, Andreas Laake, Initiator der Petition von der Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR, Maria Nooke, Brandenburger Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der Kommunistischen Diktatur, Christian Sachse, Mitarbeiter der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, Marie-Luise Warnecke, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

 

Gar Schreckliches war zu erfahren: Auf bis zu 10.000 Opfer schätzte Katrin Behr, Gründerin des Vereins Hilfe für die Opfer von DDR-Zwangsadoptionen, die Zahl der Kinder, die von den DDR-Behörden gegen den Willen der Eltern zur Adoption freigegeben worden sein sollen. Noch betroffener machte die Zahl, wenn Einzelschicksale zur Sprache kamen. Die 53-jährige Katrin Huhnholz, in Leipzig geboren und aufgewachsen, hat einen ungeheuerlichen Verdacht: Ihre erste Tochter ist nach Mitteilung der Ärzte in Leipzigs Universitätsklinik 1985 angeblich bei der Geburt gestorben. In Wahrheit, so Frau Huhnholz, sei sie aber gar nicht tot. Die Ärzte hätten gelogen, und ihre Tochter lebe. Im Krankenhaus sei das Baby weitergereicht und verkauft worden. Verkauft gegen Devisen an ein Ehepaar aus der Bundesrepublik, das ein Kind adoptieren wollte. Alles sei von der Stasi überwacht worden. Soweit die traurige Geschichte der Leipzigerin.

 

Betroffenheit und Mitgefühl machten sich breit, als der Experte Andreas Laake, Initiator der Petition, das Wort erhielt: Die Ungewissheit sei grauenhaft. Viele Betroffene seien deshalb krank geworden. Die trauernden Eltern hätten Fragen. Lebt mein Kind noch? Und wenn ja, wo? Warum sei auf Krankenakten das Geburtsgewicht unterschiedlich vermerkt? Warum gäbe es oft erst gar keine Akten?

 

Nun endlich hat die von ihm geleitete Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR dem Bundestag eine Petition vorgelegt, in der die Aufarbeitung von Zwangsadoption und ungeklärtem Säuglingstod oder Kindesentzug in der DDR gefordert wird. Zentrale Punkte der Bittschrift sind unter anderem eine Verlängerung von Aufbewahrungsfristen für Akten in Geburtskliniken und andere relevante Dokumente, Einrichtung einer zentralen Clearingstelle mit umfassenden Ermittlungsrechten, gesetzliche Auskunftspflicht für alle Adoptivstellen, Einrichtung eines Fonds »Aufklärung Säuglingstod und Zwangsadoption in der DDR«, Finanzierung und Einrichtung von regional zuständigen Familienbetreuungszentren für die Betreuung Betroffener.

 

Dann, nach den bewegenden Ausführungen des Petitions-Initiators, geriet die Saujagd nach den Zwangsadoptionen in der DDR im Sitzungssaal 1228 des Bundestages in unübersichtliches Gelände. Der Historiker Christian Sachse musste eingestehen: »Wir haben in den Akten keinen einzigen Fall von vorgetäuschtem Säuglingstod gefunden.« Und auch die Brandenburger Expertin Maria Nooke kam nicht umhin festzustellen: »Wir haben keinen einzigen Fall gefunden, der einen vorgetäuschten Säuglingstod belegt.« Das gelte auch für die Stasi-Unterlagen-Behörden. Mehr noch: Anne Drescher, in Mecklenburg-Vorpommern Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, plädierte für mehr Sachlichkeit bei dem Thema. In einem Interview mit der Welt erklärte sie: »Wenn wir solche Anfragen von Betroffenen haben, gehen wir allen Vermutungen nach und recherchieren in den verschiedenen Archiven. Allerdings gibt es dazu bislang keinen einzigen belegten Fall, in dem wir so einen vorgetäuschten Kindstod nachweisen konnten.« Eine erste Vorstudie des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam zu diesem Thema habe ergeben, dass sich nicht nachweisen lässt, dass politisch motivierte Adoptionen systematisch als Mittel der Repression angewandt wurden. Und schließlich antwortete sie auf die Bemerkung, dass es in der DDR vergleichsweise viele Adoptionen gegeben habe: »Das Statistische Bundesamt nennt für die Bundesrepublik etwa 216.000 Adoptionen von Kindern durch Nichtverwandte zwischen 1950 und 1990. Im gleichen Zeitraum wurden in der DDR 75.000 Kinder fremdadoptiert. Rechnet man das auf die Bevölkerung um, sind die Zahlen in etwa gleich … Und dann gab es eben auch all die Adoptionen ohne Einwilligung der Eltern, bei denen das Kindeswohl tatsächlich gefährdet war.«

 

Summa summarum: Sehr erfolgreich war die Saujagd im Bundestag nicht gerade. Das Schwein, schwer angeschossen, hat überlebt. Aber es ist wohl zu früh, von einem Ende der Jagd zu sprechen und es mit einem fröhlichen »Halali« zu verkünden. Wir können sicher sein, dass die nächste Hatz schon jetzt vorbereitet wird. Roland Jahn hielt sich im Petitionsausschuss ziemlich zurück. Als Chef für die Stasi-Unterlagen der DDR sagte er allerdings, seine Behörde verstehe sich in dieser Frage als Dienstleister, der die Akten bereitstelle. Zugleich machte er deutlich, dass derzeit viele der vorhandenen Recherchemöglichkeiten in den Stasi-Akten – sowohl für Privatpersonen als auch für Wissenschaftler, aber auch Medien – ungenutzt blieben. Der Appell lässt hoffen!