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Bekenntnisse aus dem Verlag V&R  (Hartwig Hohnsbein)

Der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (V&R) gilt als einer der führenden Verlage für wissenschaftliche Publikationen in Deutschland. Er wurde 1735 im Zusammenhang mit der Eröffnung der Georg-August-Universität in Göttingen gegründet, die ihm das Privileg erteilte, für sie Bücher zu drucken und zu vertreiben.

275 Jahre V&R – das war Anlaß für den Verlag, sich in vielen Veranstaltungen ehren zu lassen. Am Anfang stand eine Feierstunde im Deutschen Theater Göttingen mit 500 Gästen. Da wurden den Besuchern neue und ältere Publikationen des Verlages angezeigt und Episoden aus seiner Geschichte erzählt.

Auch das Städtische Museum präsentierte die Geschichte des Verlages in einer Sonderausstellung, und zwar mit ausgewählten Publikationen aus den 275 Jahren. Insgesamt sind aus diesem Zeitraum laut Katalog 18.662 Bücher aus dem V&R-Verlag in der Göttinger Staats- und Universitätsbibliothek vorhanden.

Aus den Jahren 1933 bis 1945 wird in der Ausstellung ein einziges Druckerzeugnis besonders beschrieben: das letzte Heft der Halbmonatszeitschrift Junge Kirche (JK), die im Mai 1941 eingestellt wurde. Der Betrachter erfährt, daß V&R über diese Zeitschrift zur Bekennenden Kirche (BK) gehört habe, deren Mitteilungsblatt die JK war. Das klingt gut, man denkt da sogleich an Widerstand von »Regimekritikern«, und so las man es auch in der örtlichen Presse. Daß die Bekennende Kirche eine Widerstandsbewegung gewesen sei, hatte der Bayrische Kassationshof schon am 14. Oktober 1946 mit letztinstanzlichem Urteil unwiderruflich festgestellt. Wer nun aber erstens die JK von 1933 bis 1941 liest, gewinnt ein anderes Bild. Wer dazu zweitens die theologischen Schriften liest, die der Verlag in dieser Zeit herausbrachte, muß erschrecken. Wer sich drittens die Mühe macht, gleichzeitig erschienene Spitzenprodukte des Verlages zu studieren, der verliert den Glauben an die heilig-heile Verlegerwelt.

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Die Entwicklung der JK spiegelt die Entwicklung der Bekennenden Kirche wider. Ihre Leser werden auf Seite 1 der Nummer 1 vom 21. Juni 1933 mit zwei Hitler-Zitaten begrüßt, etwas später erfahren sie vom Herausgeberkreis mit Hanns Lilje an der Spitze: »Wir stehen wahrhaft auf dem Boden des neuen deutschen Staates«, und im Juli 1933 wird das noch einmal bekräftigt: »Wir stehen dankbar und entschlossen hinter Hindenburg und Hitler als den Führern unseres Staates.« Dieses Glaubensbekenntnis hielt die BK dann auch durch. Zum 30. Januar 1935 riet sie ihren Anhängern, »aus Anlaß des zweiten Jahrestages der Machtübernahme durch den Führer und Reichskanzler am 30. Januar im Gottesdienst des vorhergehenden Sonntags fürbittend des Führers zu gedenken. In ihm soll der Dank für alles, was Gott dem Führer in diesen zwei Jahren zum Wohle unseres Volkes hat gelingen lassen, und die Bitte um weiteres Gelingen unter dem Segen Gottes zum Ausdruck gebracht werden.«

Ein Höhepunkt für die JK war es, als sie eine ganzseitige Glückwunschadresse »Zum 50. Geburtstag des Führers« im April 1939 in Fettdruck herausbrachte. Darin heißt es: »... Es ist heute dem Letzten offenbar geworden, daß die Gestalt des Führers, mächtig sich durchkämpfend durch alte Welten, Neues mit innerem Auge schauend und seine Verwirklichung erzwingend, auf den wenigen Seiten der Weltgeschichte genannt ist, die den Anfängern einer neuen Zeit vorbehalten sind. Die deutsche Sendung in der Völkerwelt ist von einer mächtigen und festen Hand neu in die Waagschale der Geschichte geworfen... Die Gestalt des Führers hat auch für die Kirche eine neue Verpflichtung heraufgeführt.« Diese neue Verpflichtung ergab sich bald danach, als die Kirche, wie sie es in der Geschichte immer so gern getan hatte, Kriegsgebete verbreiten konnte. »Herr, du starker Helfer, schütze und schirme die deutsche Kriegsmacht; rüste alle, die ihr angehören, aus mit tapferem Mut... Segne und behüte mit starkem Arm unseren Führer usw.« Etwas später warb der Verlag bei seinen Lesern um Verständnis für die »vorübergehende Einstellung« der Zeitschrift mit dem Hinweis, es gelte, »Menschen und Material für andere kriegswichtige Zwecke freizumachen«. (Nach dem Krieg wurde die Zeitschrift bis heute fortgeführt.)
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Neben zahlreichen exegetischen Werken gab der Verlag V&R ab 1933 eine Reihe von theologischen Büchern zum aktuellen Zeitgeschehen heraus. In einer Extra-Abteilung »Kirche, Volk und Staat« wurden sie im Anhang eines jeden Buches angepriesen. Auf besonderen Wunsch des Verlages wurde umgehend das vergriffene Buch »Der Heiland der Deutschen. Der Weg der Volkstum schaffenden Kirche« mit 5000 Exemplaren neuaufgelegt. Verfasser war Max Maurenbrecher, ein »glühender Prophet der Volkserhebung, deren Sieg er nicht mehr erleben durfte«, schrieb der Verlag. »Die Gottesstunde von 1914« wurde darin beschworen und vom Volk verlangt, neue Kriege nun wieder zu wollen. Bald danach erschien die Schrift von Werner Wiesner, Mitglied des Reichsführerstabes im Studentenkampfbund »Deutsche Christen« mit dem Titel »Das Evangelium im Dritten Reich«. Auch Wiesner sang ein hohes Lied auf die »Volksgemeinschaft« und die Rasse, an die uns »Gott heute mit elementarer Gewalt bindet«, und rühmte den »Nationalsozialismus«, weil er »eine Wandlung in der Tiefe des ganzen Menschen bedeutet«. Veranlaßt hatte diese Schrift der Hochschulgruppenführer des Studentenkampfbundes Deutsche Christen, Hochschule Göttingen, der kurz zuvor, im Mai 1933, die Bücherverbrennung vor der Albanikirche organisiert hatte. Der Name dieses Hochschulgruppenführers ist Edo Osterloh, nach dem Krieg zunächst Oberkirchenrat, dann als CDU-Politiker langjähriger Kultusminister in Schleswig-Holstein. Wiesner selbst war von 1949 bis 1969 Theologieprofessor für Dogmatik und Ethik in Mainz und erhielt in Göttingen die theologische Ehrendoktorwürde.

Aus dem Jahre 1934 geben zwei Bücher die Haltung des Verlages, der etablierten Theologie und der Kirche treffend wieder. Paul Althaus, damals der wohl bedeutendste lutherische Theologe, schrieb über »Die deutsche Stunde der Kirche«: »Unsere evangelischen Kirchen haben die deutsche Wende von 1933 als ein Geschenk und Wunder Gottes begrüßt«, und er entfaltete dann, worin dieses Wunder bestehe: »Wir erfahren, wie dem Staat neue Würde zurückgegeben wird. Die Auflösung des Strafrechts in Sozialtherapie und Pädagogik... hat ein Ende; Strafe soll wieder im Ernst Vergeltung sein. Der neue Staat wagt es wieder, das Richtschwert zu tragen. Er hat die schauerliche Verantwortungslosigkeit der Parlamente zerschlagen und läßt wieder sehen, was Verantwortung heißt... Er wehrt den Mächten der Zersetzung in Literatur und Theater.«

Wo Althaus verlegt wurde, da durfte Emanuel Hirsch nicht fehlen. Dieser Göttinger Star-Theologe und führende Vertreter der Deutschen Christen, später förderndes Mitglied der SS, hatte im November 1933 in Leipzig die deutsche Professorenschaft auf ein Bekenntnis zu Hitler und den NS-Staat eingeschworen, nachdem er kurz zuvor in »akademischen Vorlesungen« die Göttinger Studenten »zum Verständnis des Jahres 1933« geführt hatte: »Kein einziges Volk der Welt hat so wie das unsere einen Staatsmann, dem es so ernst um das Christliche ist; als Adolf Hitler am 1. Mai seine große Rede mit einem Gebet schloß, hat die ganze Welt die wunderbare Aufrichtigkeit darin gespürt.« Seine Gedanken brachte V&R unter dem Titel »Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung« heraus.

Daß auch die Göttinger Kirchengemeinden von dieser Hitler-Anbetung erfüllt waren, belegt das »Kriegsgedenkbuch« des Pastors Albrecht Saathoff. In diesem von V&R 1935 herausgebrachten Buch heißt es: »Am 16. März 1935 hat der Führer und Reichskanzler unserm Volk die Wehrhoheit geschenkt und die allgemeine Wehrpflicht erneuert. Nun steht unser Volk nach Jahren der Schmach, des Elends und der Knechtschaft wieder frei und stark und ehrenvoll unter den Völkern... Nun haben wir die große Schicksalswende erlebt durch den einst unbekannten Soldaten des Weltkrieges, in dessen Seele es brannte: Die kostbaren Opfer des Krieges dürfen und sollen nicht umsonst sein!« Vier Jahre später konnte Saathoff im Göttinger Gemeindeblatt, das in der V&R-eigenen Druckerei hergestellt wurde, schwärmen: »Dankbar blicken wir zurück auf die gewaltigen Erfolge, die unserer jungen Wehrmacht in diesen vier Monaten des Krieges beschieden worden sind.« (Für seine in der Nazi-Zeit bei V&R erschienenen Schriften wurde Saathoff, ein Hitler-Verehrer und Antisemit, der einen Amtsbruder jüdischer Herkunft denunzierte, nach dem Krieg verschiedentlich geehrt, unter anderem durch die Benennung eines der zentralen Plätze in Göttingen. Nach einer Eingabe des Verfassers dieser Zeilen kam es 2005 nach heftigen Auseinandersetzungen durch Beschluß des Stadtrats zu einer Umbenennung.)
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Im nichttheologischen Bereich landete V&R ab 1934 einen publizistischen und wohl auch finanziellen »Volltreffer«, wie man damals sagte: Er gab die »Hitler-Gesetze« für »Lehrgänge des Arbeitsdienstes, Volkspfleger- und Mittelschulen, in Lehrerakademien und allen höheren Lehranstalten« heraus. Im Vorwort dazu liest man: »Es kommt jetzt darauf an, die Grundgedanken der Gesetze und Verordnungen in weiteste Kreise zu tragen... Teure Textausgaben können sich heute nur Wenige anschaffen. Darum will der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht... eine Sammlung von Gesetzestexten des Kabinetts Hitler in billigen Heften... herausgeben... Am 30. Januar vor einem Jahr hat Adolf Hitler die Regierung übernommen; möge die Erinnerung hieran und an seine Leistungen innerhalb dieses Jahres recht Viele veranlassen, sich mit den Gesetzen zu beschäftigen und ihren Geist in sich aufzunehmen...«

Zusammengestellt hatten die Hitler-Gesetze Professor Friedrich Ehringhaus und Gerichtsassessor Arnold Fratzscher. Ehringhaus hatte schon vor 1933 mit V&R zusammengearbeitet; hier war seine Flugschrift »Das Diktat von Versailles« erschienen, die der Verlag 1933 mit 5000 Exemplaren flugs noch einmal auf den Markt warf.

Über Fratzscher wird mitgeteilt, daß er »in Hannover als Leiter der staatl. anerk. Volkspflegeschule des Stephansstiftes den staatsbürgerlichen Unterricht erteilt«. Fratzscher, ein führendes Mitglied der hannoverschen BK, war an dieser Schule von 1933 bis 1945 tätig. Im April 1934 hieß es dazu im Monatsboten aus dem Stephansstift: »Wir sind (die) Wohlfahrtsschule einer evangelischen Diakonenanstalt, die ihre Schüler als echte Nationalsozialisten und gehorsame Untertanen des Dritten Reiches und zugleich als ernste evangelisch-lutherische Christen erziehen will.« In jenen Tagen empfahl die Schule den angehenden Diakonen, der SA beizutreten, und entsandte vier von ihnen als KZ-Aufseher in die Emslandlager, ideologisch ausgerüstet dazu im staatsbürgerlichen Unterricht des Assessors Fratzscher. Nach dem Kriege war er in Hannover Mitbegründer der CDU, bis 1969 ihr Generalsekretär, zugleich langjähriges Mitglied des Niedersächsischen Landtages und zeitweise dort Vorsitzender der CDU-Fraktion. Den Geist der von ihm mitherausgegebenen Hitler-Gesetze (hier des »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«) aufnehmend, erschien bei V&R 1934 das Buch von Heinrich Wichern »Erbkrankheit und Weltanschauung«. Wichern, Enkel des Begründers der Inneren Mission, Johann Hinrich Wichern, war Arzt und zugleich führendes Mitglied des BK. In seinem Buch forderte er die Innere Mission auf, durch die Sterilisierung aller »Erbkranken« »Gottes Acker« vom »Unkraut zu säubern«.

Dem verbrecherischen Geist der Hitler-Gesetze verpflichtet war auch das Buch von Paul Bang »Die farbige Gefahr«, das 1938 bei V&R erschien. Bang war mit seinem Pamphlet »Judas Schuldbuch. Eine deutsche Abrechnung« (1919) einer der übelsten Antisemiten jener Jahre. Er beteiligte sich am Kapp-Putsch, bei dessen Gelingen er Finanzminister geworden wäre. Nun klagte er die »weiße Welt« an, sie wolle nicht sehen, wie die »farbige Welt durch wirtschaftliche Zusammenschlüsse« der »europäischen Wirtschaft die Kehle abschnürt«. »Nur ein einziges Land in Europa hat den weißen Gedanken«, die »Rassenfrage«, »erkannt: Deutschland«. »Wir Deutschen haben uns unter zielklarer Führung aus dem völkischen Verfall gerettet mit dem alten Kampfruf ›Deutschland erwache!‹« Unsere »Sendung«, so schloß Bang sein Buch, solle für »die gesamte weiße Welt« »Erweckung« bringen und »zur Rettung werden unter der Losung: ›Europa erwache!‹« Im Vorwort zu seiner Rassenkampfschrift schrieb Bang: »Es bleibt mir noch, Herrn Kapitänleutnant d. R. Karl Ruprecht in Göttingen... für alle Anregungen und Mithilfe bei der Herausgabe des Buches aufrichtig zu danken.«

Karl Ruprecht ist in der Sonderaustellung auf einem Bild zu sehen. Über ihn heißt es dort: »...er bot Vertretern der Bekennenden Kirche eine Plattform, mit einigen verband ihn eine enge Freundschaft«.
»Regimekritiker!«, schlußfolgert der Besucher. Natürlich!