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Titel1616

Ärmer als ihre Eltern  (Manfred Sohn)

Meldungen über die düsteren Perspektiven, die der Kapitalismus zu bieten habe, werden allgemein mehr von links, also von kapitalismuskritischen Kräften erwartet. Von Seiten derer, die dieses System verteidigen, werden in der Regel die nach wie vor bestehenden Entwicklungsperspektiven betont. In den vorderen Reihen derer, die mit ihm durch dick und dünn gehen, ist in der Regel das McKinsey Global Institute zu finden.

 

Umso erstaunlicher ist eine Studie des Instituts, die unter Federführung von Richard Dobbs und dem Titel »Poorer than their parents? A new perspective on income inequality« im Juli veröffentlicht wurde.

 

Die Autoren weisen darauf hin, dass die meisten Menschen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in dem Bewusstsein aufgewachsen seien, dass es ihnen besser gehen würde als ihren Eltern, und das habe, wie sie anschließend mit einer Reihe von Zahlen belegen, auch bis zum Jahr 2005 gestimmt. Seitdem aber und mindestens bis zu dem von ihrer Untersuchung erfassten Jahr 2014 zeigt sich für die »advanced economies«, also die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften, dass für 65 bis 70 Prozent der Haushalte das Einkommen entweder stagniere oder sinke. Selbst die Bemühungen der Regierungen, durch Umverteilung oder Steuer-erleichterung gegen diesen Trend anzuarbeiten, ändere an der Gesamtrichtung nichts: Auch nach Steuern und Transfers stagnieren oder fallen für ein Viertel der Haushalte die Einkommen. Wie bei allen Trends sind auch hier in den untersuchten Ländern – darunter die USA, Großbritannien, die Niederlande, allerdings nicht Deutschland – unterschiedliche Gruppen der Bevölkerung unterschiedlich betroffen. »Am härtesten trifft es alleinerziehende Mütter und junge Arbeiterinnen und Arbeiter mit nicht so guter Ausbildung«, heißt es dort, und an die Wand gemalt wird eine »Generation, die … ärmer als ihre Eltern sein wird«. Der Hauptgrund sei – weil das Bruttosozialprodukt in den untersuchten Ländern ja weiter gewachsen ist – der sinkende Anteil der Löhne am Sozialprodukt. Das sei »potentially corrosive«, also potentiell zersetzend. Vor allem führten diese Entwicklungen dazu, dass der Glaube an die Vorteile einer globalen Ökonomie schwinde und negative Ansichten über freien Handel und Immigration wüchsen.

 

Vor allem eines aber macht den Leuten von McKinsey Sorgen: Setzen sich die niedrigen Wachstumsraten des letzten Jahrzehnts fort, dann wächst der Anteil der Haushalte mit stagnierendem oder fallendem Einkommen im nächsten Jahrzehnt auf 70 bis 80 Prozent an. Angesichts dessen empfiehlt das Institut »mutige Maßnahmen« der Regierungen, um gegen den Trend zu stagnierenden und fallenden Einkommen anzuarbeiten.

 

Wir werden also – wie in Ossietzky verschiedentlich begründet – in den nächsten Jahren eine Reihe solcher Bemühungen sehen – bis hin zum Abwurf von »Hubschraubergeld«. Die Möglichkeiten der finanziell am Tropf der kapitalistischen Unternehmen hängenden Staatsapparate werden sich schnell erschöpfen, wie auch McKinsey feststellt, weil sie schon jetzt von »hohen Verschuldungsständen« geplagt seien. Die »mutigen Maßnahmen« werden daher an den Kern der mehrwertproduzierenden Tauschwirtschaft selbst zu gehen haben, also im Wortsinn radikal sein müssen – aber soweit wird selbst McKinsey in weiteren Studien nicht gehen.