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Iván Fischers Universitäten – Konzerthaus Berlin  (Sigurd Schulze)

Mit schönen Plänen tritt das Konzerthausorchester im September die Saison 2016/2017 an. Kontinuität und Neuheiten greifen ineinander. Der Chefdirigent Iván Fischer pflegt in seinen Konzerten weiter das sinfonische Werk Ludwig van Beethovens und Gustav Mahlers. Eine von ihm im Jahre 2012 begründete Tradition wird fortgesetzt: der Komponisten-Marathon. In jeder Saison werden an einem Sonntag in allen Sälen von früh bis abends Werke eines Komponisten gespielt – etwas für Verrückte, wie Fischer meinte. Doch die Marathons für Beethoven, Dvořák, Mozart und Johann Sebastian Bach zogen insgesamt 26.200 Besucher an. Am 20. November gilt der nächste Marathon Franz Schubert, dessen Werk in seiner Vielfalt von Sinfonien, Kammermusik, Liedern und Klavierstücken viele Musikfreunde anlocken wird.

 

Die ebenfalls zur Tradition gewordene Hommage an Musiker wie Kurt Sanderling, Leonard Bernstein, Nikolaus Harnoncourt und Yehudi Menuhin wird im April 2017 dem Jahrhundertpianisten Alfred Brendel gewidmet. Für ihn spielen Kollegen und Schüler wie Pierre-Laurent Aimard, Lisa Batiaschwili und Kit Armstrong. Brendel selbst wird das Programm gestalten. Auch eine Ausstellung ist geplant, die hoffentlich nicht so schnell wieder abgebaut wird wie die über Yehudi Menuhin. Weiteres Glanzstück der Saison wird ein Zyklus aller 32 Klaviersonaten Beethovens sein, gespielt vom palästinensisch-israelischen Pianisten Saleem Ashkar. Zugnummern im Programm sind zwei Geiger von Weltruf, Patricia Kopatschinskaja und Daniel Hope. Kopatschinskaja als Artist in Residence wird in verschiedenen Genres auftreten – Kammermusik, szenische Junior-Konzerte und klassische Konzerte für Violine und Orchester.

 

Nach Russland und Frankreich sind im »Länderfestival« die USA dran. Ein tolles Gemisch von Gershwin, Bernstein, Frank Zappa, Philip Glass und John Adams mit dem Ensemble Modern, mit New Orleans Jazz und einem Pixar-Trickfilmstudio-Konzert für die ganze Familie bietet etwas für jeden Geschmack.

 

Im Jahre 2015 erzielte das Konzerthaus Rekorde: 170.000 Menschen besuchten 356 Konzerte. Die Auslastung der Eigenveranstaltungen betrug 83,3 Prozent, die der Sinfoniekonzerte sogar 87,7 Prozent. Rekord waren auch Ticketverkäufe von 3,5 Millionen Euro, 7,6 Prozent mehr als 2014. 13.800 Stammhörer zählt das Haus. Hinzu kommen jährlich 18.000 Kinder und Jugendliche – Frucht einer intensiven pädagogischen Arbeit. 2016/17 sind 131 Konzerte geplant, darunter 14 Schulkonzerte. Doch wie bei anderen Berliner Orchestern findet sich im Programm kein einziger Komponist aus der DDR, wie wir in Ossietzky 11/2016 für die bereits vorgestellten Programme feststellten. Solidarität mit den Flüchtlingen übte das Konzerthaus von Anfang an, indem für einzelne Konzerte ein Kartenkontingent eingeplant wird. 2500 Flüchtlinge und ihre Betreuer kamen bereits in 33 Konzerte, davon allein 785 ins Kinderkonzert der französischen Woche, das in deutscher und arabischer Sprache moderiert wurde. Für das Festival der Syrischen Kultur hat Nordmann dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra ohne zu zögern den großen Saal am 11. September zugesagt. Auch die Komische Oper hilft mit Probenräumen.

 

Die guten Ergebnisse sind der besonderen Liebe und Sorgfalt zu verdanken, die Iván Fischer seiner Arbeit angedeihen lässt. Öffentliche Proben oder »2 x hören« sind nicht seine Erfindung, doch Fischer und der Intendant Sebastian Nordmann machen es. Sie pflegen die Kultur der offenen Tür. Aus sozialem Empfinden führte Fischer Generalproben für 5 Euro für die Leute ein, die sich keine Konzertkarte kaufen können. Er nimmt das Mikro und beschreibt den Besuchern, was sie hören und warum. Der Wissensbereicherung oder der Nähe zwischen Musikern und Publikum dienen auch andere Formen wie »Mittendrin«, wo die Zuhörer inmitten des Orchesters sitzen, die »Nach(t)gespräche« mit Künstlern nach dem Konzert und schließlich die »Marathons«. Im Rahmen von »2 x hören« spielt ein Solist oder ein Ensemble ein klassisches oder zeitgenössisches Werk und erklärt die Feinheiten des Stücks, die man beim zweiten Hören mit Gewinn wahrnehmen kann. Du sitzt wie in einer Vorlesung und denkst: Aha! Das sind Iván Fischers Universitäten. Die Leute gehören dazu. In der Saison 2014/15 kamen 4900 Besucher in sieben öffentliche Proben, 2500 in vier »Mittendrin«-Konzerte und 820 in »2 x hören«. In der laufenden Saison sind es bereits 7000 Wissbegierige, die kamen. Ein Schritt zur Volkskultur, aber mit den Grenzen, die der Kapitalismus setzt. Die Konzerte sind gut besucht, aber eben von denen, die das Geld haben.

 

Aber das Bildungswesen, es entwickelt sich, wie Manfred Krug frei nach Michail Soschtschenko (»Die Kuh im Propeller«) sagen würde. Neuerdings haben es die Orchester mit dem Philosophieren. Die Berliner Philharmoniker legen die Reihe »Der philharmonische Diskurs. Musik und Biografie« auf. In »hin- und hergehender Erörterung« wollen sie ein »zentrales Thema zum Anlass einer gründlichen Debatte« nehmen, nämlich den Zusammenhang von Kunst und Biografie bei Beethoven, Tschaikowski, Wagner, Brahms, Richard Strauss und so weiter. Daniel Hope im Konzerthaus hat den Ehrgeiz, sich in seiner Reihe »Hope um neun« mit hochkarätigen Gästen zu »aktuellen Themen auszutauschen, die die kulturelle Zukunft der Hauptstadt prägen«, wie das Programm verspricht. Man darf gespannt sein, wer im Gespräch mit Finanzminister Wolfgang Schäuble wen in die Tasche steckt. Vielleicht springen ein paar Millionen für existenzbedrohte Orchester in Berlin, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern heraus. Im Konzertplan ist der Stargeiger leider nicht besetzt.