erstellt mit easyCMS  
Titel1617

Blindes Vertrauen und blinder Mut  (Ulrich Sander)

»Augen in der Großstadt« ist eines der schönsten Gedichte, die ich kenne. Es ist ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Es heißt darin: »Du musst auf deinem Gang / durch Städte wandern; / siehst einen Pulsschlag lang / den fremden Andern. / Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein. / Es sieht hinüber / und zieht vorüber ... / Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, / die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? / Von der großen Menschheit ein Stück! / Vorbei, verweht, nie wieder.«

 

Jeden Montag fahre ich nach Wuppertal, um im Landesbüro der VVN-BdA nach dem Rechten zu sehen. Das war auch so am 19. Januar 2015. Erst als ich den langen Fußgängertunnel zwischen Hauptbahnhof Elberfeld und der Innenstadt verließ, bemerkte ich, dass an diesem Tag manches anders war als sonst. Viele Menschen standen vor dem Tunnelausgang im Licht, es war zu erfahren, dass der Tunnel nun für immer geschlossen würde und für die Zeit des Bahnhofsumbaus eine provisorische Brücke dienen solle. Dann sah ich einen Pulsschlag lang den fremden Andern. Doch er sah mich nicht, er hatte einen Blindenstock – und einen Fotoapparat. Und den hielt er in Richtung Tunnel, was ich merkwürdig fand. Ich ging weiter, und dann berührte mich jemand mit einem Stock. Es war der Blinde, der sich entschuldigte. Und den ich nun fragte, warum er denn mit dem Fotoapparat hantierte, eine ungewöhnlich Beschäftigung für einen Blinden. Er sagte, er sei noch ungeübt dabei, sich blind zu bewegen. Und mit dem Fotoapparat – es war einer von der neuen Sorte, der keinen Blick in den Sucher erfordert – wollte er Bilder festhalten für seine Enkelkinder, Bilder, die ihn jahrelang begleitet hätten. Dann bat er noch darum, in die nächste Straße geführt zu werden, dort würde man ihn erwarten.

 

Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück.

 

Es gibt Momente, da bekommen Worte eine völlig neue Bedeutung. Ich werde nun nie mehr »blindes Vertrauen« nur negativ besetzen. Da fällt mir ein, dass alles, was mit »blind« anfängt, irgendwie als negativ und unerfreulich gilt. Der »Blindgänger«, der ein Versager ist. Der Mann an jenem Montag in Wuppertal war doch auch ein Blindgänger. Nicht länger einfach sagen: der kritiklose »Blindgläubige«, das »blindlings« Unüberlegte, das »blindwütige« Handeln. Und dann die »blinde Wut«, wo es doch blinden Mut gibt.

 

Ich habe über Blindsein wiederholt geschrieben. Da ist Heinrich Worbs, über den mir ein Mitglied der Widerstandsgruppe um den 17-jährigen Helmuth Hübener berichtete: »Ein Gemeindemitglied verschwand im KZ. Er hat bei der Einweihung eines Denkmals in Hamburg einem fragenden Blinden gesagt: Noch ein Schlachter, den wir grüßen müssen. Und das hat ein Nazi gehört und hat es gemeldet. Man hat seine [Worbs‘] Personalien aufgenommen, und man hat ihn nach Neuengamme ins KZ gebracht. Er wurde nach sechs Monaten wieder entlassen, er war ein gebrochener Mann. Wie sah der aus! Und Helmuth, mein Freund Helmuth, den die Nazis 17-jährig ermordeten, er wollte wissen von Heinrich Worbs, […] wie es war und was los war. Er sagte, er habe unterschrieben, dass er schweigen müsste. Er hat Helmuth dann aber doch etwas gesagt. Zwei oder drei Monate nach der Entlassung ist der dann verstorben. Den haben sie fertiggemacht. Für uns war es ein Impuls, weiterhin die Wahrheit über Hitler zu sagen. Mehr denn je wussten wir, was für ein Verbrechersystem das Naziregime war.«

 

Auch die Geschichte von Paul Pietzko gehört hierher. In meinem Buch über die Kriegsendverbrechen der Nazis »Mord im Rombergpark« konnte ich Folgendes berichten: Der Antifaschist Paul Pietzko aus Hagen hatte jahrelang den Kontakt zwischen den Gruppen in den einzelnen Städten aufrechterhalten. Er hatte in Folge der Hungersnöte des Ersten Weltkrieges sein Augenlicht verloren. Wenn auch Paul Pietzko physisch durch die Blindheit behindert war, so war er zugleich außerordentlich rege und aufgeschlossen. 1928 war er vom Arbeitersport (Sparte Schach) in die politische Bewegung gekommen. Als Hitler die Macht übernahm, führte er, der ewig im Dunkeln lebte, auf seine Art den Widerstand gegen den Nazismus. Nachts warf er in Briefkästen aufklärende Schriften oder schob sie unter Wohnungstüren. 1934 wurde er von der Gestapo in eine Falle gelockt und später in einem Massenprozess gegen 141 Antifaschisten in Essen zu vier Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Viele Zuchthäuser lernte er kennen, bis er im Jahr 1939 aus der Haft entlassen wurde. Nach dem Krieg wurde die Vermutung geäußert, dass es Paul Pietzko in Folge seiner Blindheit nicht gelungen war, sich vor Nachstellungen von Spitzeln zu schützen, und dass somit seine Beziehungen von Hagen nach Dortmund bekannt geworden und die Gestapo von Dortmund auf seine Spur gekommen war. Andererseits konnte er zusammen mit seinem Blindenhund unauffällig Kurierdienste leisten. Den Krieg hat er nicht überlebt. Die Gestapo hatte ihn noch vor dem Eintreffen der US-Truppen in Dortmund zusammen mit rund 300 weiteren Antifaschisten ermordet.

 

Die letzte Geschichte, die hier erzählt werden soll, handelt von Willy Kannstein, einem deutschen Bergmann. Er war nicht blind, aber die Geschichte spielte in völliger Finsternis. Willy Kannstein sagte 1944 im Dunkel der Zeche Borussia in Dortmund den sowjetischen Kameraden: »Haltet aus, eure Truppen kommen bald.« Kannstein wird verpfiffen. Das spricht sich herum. Daher raten gute Kollegen ihm: »Willy, komm mit uns gemeinsam raus aus der Zeche, wir schützen dich, wir gehen durch den Luftschacht.« Doch er geht allein, und die Gestapo erwartet ihn über Tage. Sie nimmt ihn nicht fest, sondern misshandelt ihn an Ort und Stelle, schlägt ihn tot. Dem Arbeiter im Leichenschauhaus schärft die Gestapo ein, Kannstein habe sich in den Tod gestürzt. Aus Angst hält sich der Mitwisser an diese Version vom Selbstmord. Nach dem Krieg bekommt die Witwe Helene Kannstein keinen Pfennig Entschädigung, denn das Naziopfer sei doch ein Selbstmörder gewesen. Da erscheint ein katholischer Priester, berichtet, dass ihm ein ehemaliger Friedhofswärter auf dem Sterbebett gesagt habe, es sei Mord und kein Selbstmord gewesen. Der Priester bietet sich an, die Wahrheit vor Gericht zu beeiden. So kam die hinterbliebene Familie doch noch zu ihrer Entschädigungsrente.

 

Paul, Heinrich, Willy und der Blinde aus Wuppertal – unbekannte Große aus der großen Menschheit.