erstellt mit easyCMS  
Titel1617

Ein märchenhaft schönes Beispiel  (Ralph Hartmann)

»Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer«, so beginnen nicht wenige Artikel und Kommentare, deren Autoren die Lügen anprangern, mit denen Aggressionen gerechtfertigt werden. Häufig zitieren sie dabei den US-Senator Hiram Johnson, der 1914 dieses Diktum formuliert habe. Ganz stimmt das nicht, denn der Satz ist ein klein wenig älter, rund 2500 Jahre. Erstmals wurde er von dem Schöpfer der griechischen Tragödie Aischylos (525–456) formuliert. Schon lange vor dem berühmten Griechen und in den Jahrtausenden nach ihm wurde die Wahrheit in unzähligen Kriegen hingerichtet.

 

Wenn heutzutage Aischylos zitiert wird, dann erinnert man vor allem an den Tonkin-Zwischenfall vor der Küste Nordvietnams, die Brutkastenlüge vor dem Beginn des zweiten Golfkrieges, den »Hufeisenplan« Scharpings, die »Massenvernichtungswaffen« im Irak. All das sind faustdicke Lügen, mit denen völkerrechtswidrige Aggressionen begannen. In ihrem Verlauf marschiert die Lüge trotz ihrer kurzen Beine mit. Es mangelt ihr nicht an Einfallsreichtum, mit dem auch wundersame, zuweilen auch kuriose Narrative erzählt und propagandistisch ausgeschlachtet werden. Der Krieg in Syrien lieferte dafür ein märchenhaft schönes Beispiel, das die bundesdeutschen Qualitätsleitmedien erst ausgewalzt haben, nun aber vergessen machen wollen.

 

Im Ostteil der schwer zerstörten zweitgrößten syrischen Stadt Aleppo lebte ein Mädchen mit dem Namen Bana al-Alabed. Sie war gerade einmal sieben Jahre alt. Inmitten der schweren Kämpfe zur Befreiung des Ostteils von den radikal-islamischen »Rebellen« meldete sie sich am 24. September 2016 auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit folgendem Text auf Englisch: »Ich kann nicht heraus, wegen der Bomben, bitte hört auf, uns zu bombardieren.« (Diese und folgende Übersetzungen: R. H.) Drei Tage darauf stellte sie sich mit einem Foto vor: ein kleines Mädchen, das ein kindlich gestaltetes buntes Plakat mit dem Text »Bitte Assad Putin stoppt die Bombardierung« hochhält.

 

Fortan twitterte Bana nahezu regelmäßig über ihr Leben in dem hart umkämpften Stadtteil. Weltweit berichteten Medien über das Kind und sein Schicksal. Schon nach kurzer Zeit folgten Bana 370.000 Nutzer. Viele Tausende von ihnen verbreiteten die zu Herzen gehenden Nachrichten über sogenannte Re-Tweets. Das Twitter-Mädchen Bana wurde zum Symbol für das leidvolle Leben im vom Krieg zerrissenen Syrien. Wer könnte schon gleichgültig bleiben, wenn er Nachrichten wie diese liest: »We have no home now. I got minor injury. I didn't sleep since yesterday, I am hungry. I want to live, I don't want to die. - Bana #Aleppo.«

 

Aber das sieben Jahre junge Mädchen verfasste auch klare politische Botschaften, so wie diese: »Dear world, It’s better to start 3rd world war instead of letting Russia & assad commit #HolocaustAleppo.« (»Liebe Welt, es ist besser den dritten Weltkrieg anzufangen, als Russland und Assad #HolocaustAleppo begehen zu lassen.«) Und auch Interviews gab sie, zum Beispiel dem Tagesspiegel, wobei sich das arabische Kind recht gut informiert zeigte. Auf die Frage, ob sie Angela Merkel kenne, antwortete sie: »Ich habe gehört, sie ist Kanzlerin in Deutschland. Sie soll ihre Macht nutzen und Aleppo retten.«

 

Aber Wundertaten, zumal von Kindern, rufen auch Zweifler auf den Plan. Allein schon die Tatsache, dass eine Siebenjährige im umkämpften Aleppo einen Computer nutzt, um in perfektem Englisch zu twittern, machte misstrauisch. Hinzu kam, dass die kleine Bana – so zeigten es Videos – so gut wie kein Englisch spricht, ihre Mutter Fatema jedoch Englischlehrerin ist. Verheiratet ist diese mit dem Scharia-Rechtsgelehrten Ghassan Alabed, der – so war es im Internet zu sehen – mit Terroristen und Waffen posierte.

 

Schließlich war es höchst ungewöhnlich, dass gerade im Ostteil des hart umkämpften Aleppos stabile Internetverbindungen bestanden, die es erlaubten, regelmäßig und zuverlässig Tweets in die Welt zu senden, während im ganzen übrigen Syrien diese Bedingungen nicht gegeben waren. Teilweise führte das auch zu sarkastischen Kommentaren. Als Bana am 28. November twitterte, dass sie infolge einer Bombardierung soeben obdachlos geworden sei, und das mit einem Foto illustrierte, auf dem sie in einem Staubnebel zu sehen war, kommentierte das ein Nutzer mit der Gratulation: »Glückwunsch, dass du noch Wlan hast!«

 

Kurz und gut, so traurig auch die Kurzmitteilungen Banas waren und wieviel Mitgefühl sie auch hervorriefen, nach einiger Zeit kam die Wahrheit ans Licht. Es mehrten sich die Hinweise darauf, dass der Account von Großbritannien aus angelegt und betrieben wurde.

 

Dessen ungeachtet stießen die herzanrührenden Kurzbotschaften Banas auf ein breites mitfühlendes Echo. Von den Medien der »freien Welt« wurde sie zur syrischen Anne Frank gemacht. Auch die »Harry Potter«-Autorin Joanne K. Rowling zeigte sich von Banas Tweets ergriffen und wurde so zu einer ihrer einflussreichsten Multiplikatorinnen. Das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Time schließlich wählte das Twitter-Kind zu einer der »25 einflussreichsten Menschen im Internet«.

 

Doch plötzlich, am 5. Dezember 2016, geschah das Unerwartete. Bento, das Online-Format des Spiegels für junge Leute, meldete: »Bana aus Aleppo existiert nicht mehr. Zumindest existiert ihr Twitter-Account nicht mehr.« Was war geschehen?

 

Regierungstruppen rückten mit Russlands Unterstützung in Ost-Aleppo ein, und die Kämpfer der Terrormiliz al-Nusra und deren Sympathisanten wurden evakuiert. So gelangte auch Banas Familie über Idlib in die Türkei. Hier wurde das twitternde Wunderkind auch vom türkischen Präsidenten empfangen. Gütig und zärtlich umarmte Gutmensch Erdoğan das Mädchen und schmiegte es an seine Wange.

 

So geherzt und ermutigt konnte Bana nach Herzenslust wieder twittern. Ihre Wortgeber erwiesen sich als wahre Friedensengel, und so schrieb sie am 4. April 2017: »Putin und Bashar al Asad bombardierten meine Schule, ermordeten meine Freunde und raubten meine Kindheit. Es ist Zeit, die Mörder der Kinder Syriens zu bestrafen.« Drei Tage später twitterte sie zum US-Raketenangriff auf den syrischen Stützpunkt in Schairat, welcher 15 Menschen einschließlich vier Kinder das Leben kostete: »Ich begrüße die Aktion von Donald Trump gegen die Mörder meines Volkes.«

 

Und der perfide Missbrauch eines syrischen Kindes geht weiter. Denn inzwischen verfasst »Bana« ihr erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel »Dear World: A Syrian Girl’s Story of War and Plea for Peace« (Liebe Welt: Die Geschichte eines syrischen Mädchens von Krieg und Friedensappell) – 224 Seiten lang und selbstverständlich auf Englisch. Die US-amerikanische Verlagsgruppe Simon & Schuster hat bereits einen Vertrag vereinbart.

 

Würde Aischylos nicht in der Antike gewirkt haben, sondern im heutigen Medienzeitalter mit seinen zahllosen Möglichkeiten der Indoktrinierung leben, dann müsste er seinen berühmten Satz leicht ändern und formulieren: Im Krieg ist die Wahrheit stets und ständig das Opfer.