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Titel1617

Bemerkungen

Barcelona

Jedes Jahr beginnt unsere iberische Rundreise durch Spanien und Portugal in Barcelona. Seit Jahren ist unser Hotel das H 1898. Das Hotel liegt an der Straßenecke Las Ramblas/Carrer del Pintor Fortuny. Bevor das Haus Hotel wurde, beherbergte es die Zentrale eines Tabakkonzerns, der zu Kolonialzeiten auf den Philippinen Tabak anbaute, der von hier in Spanien und Europa vermarktet wurde. So war das Haus gleichzeitig Büro und Lager. Noch heute riecht es im Haus nach der vergangenen Tabakzeit.

 

Im getäfelten Frühstücksraum – an den Wänden großformatige Fotos vom Tabakanbau auf den Philippinen – sitze ich gegen 7.30 Uhr. Durch das Fenster sehe ich, wie auf der Ramblas das Leben beginnt. Bereits seit einer Stunde hat der Zeitungskiosk, von dem es ein halbes Dutzend auf dem 1300 Meter langen Boulevard gibt, geöffnet. Daneben ein Stand, der Tiere, Mäuse, Hamster, junge Hunde und Goldfische, verkauft. Er öffnet nach täglichem Aufbau gegen 10 Uhr.

 

Bis 10 Uhr sieht man auf der Ramblas fast nur Barcelonesen. Dann kommen in großen Scharen die Touristen zum Sightseeing. Die Ramblas beginnt an der Plaça Catalunya und endet kurz vor der Kolumbussäule am Hafen. An der Straße liegt der berühmte »Mercat de la Boqueria« mit seiner gewöhnungsbedürftigen Geruchskulisse. Von Obst und Gemüse, Käse, Brot und Schinken, Fischen und Meeresfrüchten. Nicht weit von hier befindet sich das »Gran Teatre del Liceu«, eines der berühmten Opernhäuser Spaniens, dessen Geschichte beginnt 1847.

 

Um 17 Uhr hörte ich am 17. August zu Hause im Radio vom Terroranschlag in Barcelona, schaltete mein Notebook ein, wählte das Programm des Spanischen Fernsehens. Das erste Bild, das der Computer lieferte, war eine tote Frau auf der Ramblas, im Hintergrund der Zeitungskiosk, den ich morgens beim Frühstück vom Hotel aus sehe. Ich bin geschockt, werde traurig und zornig zugleich. Wird das Unbeschwerte auf die Ramblas zurückkehren nach den mehr als zehn Toten?

 

Karl-H. Walloch

 

 

 

Schulpflicht und Prügelstrafe

Vor genau 300 Jahren, 1717, führte der Soldatenkönig die Schulpflicht in Preußen ein. Gegen den Rat seiner Finanzbeamten, die ihm sagten, das könne der Staat nicht finanzieren, ohne sich zu verschulden. Friedrich Wilhelm I., ein Mann mit schuldenfreiem Haushalt, war aber auch ein frommer Mann, und er wollte, dass seine Untertanen gute Christen seien, und also im Christlichen unterwiesen werden. Ein christliches Volk, so meinte er, regiere sich leichter als ein unchristliches.

 

In den 23 Jahren bis zu seinem Tod verfünffachte er fast die Zahl der Schulen in Preußen – von 320 auf 1480. Bei den Lehrern allerdings wollte und musste er sparen. Handwerker, die im Winter nicht arbeiten konnten, Tagelöhner oder Soldaten ließ er den Unterricht halten. Sie besaßen meist keine oder nur geringe Vorbildung. Da war der Rohrstock oft das einzige, was die Unterrichtenden gut handhaben konnten.

 

Es betraf eh nur die Staatsgüter. Denn die Landadeligen entschieden in ihrem Bereich allein. Und sie waren wie die Eltern der Kinder der Meinung, man brauche die Heranwachsenden auf dem Feld und bei der Ernte, um gute Ergebnisse zu erzielen. Bildung galt ihnen eher als verzichtbarer Luxus.

 

Bis Friedrich Eberhard von Rochow kam. Er drehte das Ganze, vom aufgeklärten Gedankengut begeistert, um. Wenn die Kinder gut gebildet seien, würde auch die Landwirtschaft besser und effektiver betrieben werden können, und die Erträge würden gesteigert. »Vernunft fürs Volk«, »um das Armwerden seltener zu machen«, war seine Devise.

 

1773 gründete er die Modellschule in Reckahn, die alsbald die Gelehrten aus ganz Deutschland und Europa anlockte. Man wollte sehen, hören und lernen, wie man das Volk bilden könnte.

 

In Reckahn untersagte Friedrich Eberhard von Rochow 1773 die Prügelstrafe. Den Schülern sollte das Lernen fürs Leben Freude bereiten. In der Sowjetischen Besatzungszone wurde diese Art der Bestrafung 1947 per Rechtsverordnung durch die Sowjetische Militäradministration verboten und das Verbot 1949 in DDR-Gesetz übernommen.

 

In der alten Bundesrepublik stritten sich die Pädagogen und Juristen 20 (!) Jahre lang darüber, ob das Grundgesetz auch für Kinder gelte. Im Grundgesetz Artikel 2 (2) wird das Recht auf »körperliche Unversehrtheit« festgeschrieben. Blaue Flecken und blutige Striemen von der Prügel waren keine körperliche Unversehrtheit.

 

1968 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das Grundgesetz auch für Kinder gelte. Es dauerte dann allerdings nochmal fünf Jahre, ehe Rot-Gelb 1973 die Prügelstrafe in den Schulen verbot – 200 Jahre nach Friedrich Eberhard von Rochow.

 

Neu ist der Gedanke, dass Prügel nicht hilfreich sind, nicht. Schon Walther von der Vogelweide (1170–1230) dichtete vor über 800 Jahren: »Niemals pflanzt die Rute Kindern ein das Gute: Wer zu Ehren kommen mag, dem gilt Wort so viel als Schlag.«    

         

Andreas Kuhnert

 

 

Sülze-Aufstand?

Mit dem Umgang der Jüngeren mit unserer Geschichte mag man unzufrieden sein. Aber es sollte bedacht werden: Wenn unsere Kinder auf das Jahr 1942 blicken, dann ist es etwa so, als hätte ich in ihrem jetzigen Alter auf das Jahr 1910 geblickt. Was hätte mich an 1910 interessiert, und was wusste ich darüber? Sicher ist es etwas anderes, ob man nichts über den Zweiten Weltkrieg und den Faschismus weiß oder über die letzten Jahre vor dem Weltkrieg Nr. 1. Aber das waren die Jahre, wo August Bebel noch lebte und für eine Friedenspolitik sorgte.

 

Oder was wusste ich über das Jahr 1919? Sicher so manches. Karl und Rosa ermordet. Noske als Bluthund. Tausende Revolutionäre erschossen – aber wer wusste das noch? Die Bildungspolitiker in meiner Heimatstadt Hamburg (SPD) waren in den 1950er Jahren nicht daran interessiert, dass es auf den Lehrplan kam.

 

Kürzlich wurde mit einer Glosse zum Eierskandal in der Süddeutschen Zeitung daran erinnert, dass – und ich hatte es nicht gewusst – am 1. Juli 1919 in Hamburg von Truppen unter General Paul von Lettow-Vorbeck (1870–1964) ein Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, der von keiner Partei unterstützt wurde, aber Zigtausende in den Bann gerissen hatte. Der Sülze-Aufstand war es, denn es war bekannt geworden und hatte Empörung ausgelöst, dass die Fleischfabriken billig Sülze aus Kadavern, Gammelfleisch, Hunden, ja Ratten hergestellt hatten. Tagelang tobte der Kampf der Massen dagegen, unorganisiert, dann aber wurde er – organisiert von dem reaktionären Mörder der Hereros, Kapp-Putschisten, der später bei den Nazis nicht untätig blieb – niedergeschlagen. Ergebnis: 80 Hamburger Bürger lagen sterbend in den Straßen, und hunderte wurden verletzt.

 

Übrigens: Vier Kasernen trugen bis vor wenigen Jahren den Namen Lettow-Vorbeck. Nur eine – nicht die Hamburger – wurde umbenannt, die anderen Kasernen dieses Namens wurden als Bundeswehrliegenschaften aufgegeben.

 

Ulrich Sander

 

 

 

Albert Speer

Das Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zeigt »Albert Speer in der Bundesrepublik«. Den Auftakt bildet eine Installation mit den fünf großen Buchstaben SPEER. Video-Projektionen zeigen, wie sich der faschistische Rüstungsminister und Hitlerfreund später in der Bundesrepublik als unwissender Technokrat präsentierte, der sich nicht ausreichend informiert habe. 1970 behauptete er: »[…] dass ich in meiner Gruppe der Architekten mich wohlfühlte und das Gefühl hatte, was außerhalb dieser Gruppe an Gemeinheiten und gefährlichen Entwicklungen und Verbrechen vor sich geht, ist für mich nicht interessant.«

 

Der zweite Block – ein großes dunkles Karree – zeigt, wie es Speer gelang, diese Legende zu etablieren. Schon im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess präsentierte er sich als vermeintlich unpolitischer Fachmann, der als wohlerzogener Bildungsbürger unter Verbrecher gefallen sei. Er gab sich – ganz im Allgemeinen – reuevoll, gestand aber nicht, an konkreten Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Im Gegensatz zu den uneinsichtigen führenden Nazis wie etwa Julius Streicher erhielt er so nur eine zwanzigjährige Gefängnisstrafe.

 

Nach seiner Entlassung 1966 verwandelte sich Speer in einen Zeitzeugen, der unter anderem die Mär vom Dämon Hitler verbreitete und jahrzehntelang die öffentliche Meinung und auch die wissenschaftliche Forschung prägte – nicht nur durch seine eigenen millionenfach verbreiteten Erinnerungsbücher, sondern auch als Gewährsmann für Joachim C. Fests erfolgreiche Hitler-Biografie. Sein Verleger Wolf Jobst Siedler, aber auch Simon Wiesenthal und der ehemalige Ankläger in den Nürnberger Prozessen Robert W. Kempner stützten Speer.

 

Der dritte und umfangreichste Teil der Ausstellung widmet sich mit zahlreichen Hörstationen der kritischen Aufarbeitung der Speer-Legende. Der Hamburger Architekturhistoriker Jörn Düwel sieht Speers »Neue Deutsche Baukunst« als »unverwechselbare[n] Ausdruck des Nationalsozialismus«. Der Wiener Professor für Zeitgeschichte Bertrand Perz fand den Ausbauplan für das KZ Auschwitz, an dem Speer maßgeblich beteiligt gewesen war – Speer hatte behauptet, nie von Auschwitz gehört zu haben. Auch für die KZs Linz, Mauthausen und Mittelbau-Dora koordinierte Speer den Zwangsarbeitereinsatz. Die Historikerin Susanne Willems widmet sich Speers Rolle bei der Zwangsumsiedelung Berliner Juden. Der Filmemacher und Autor Heinrich Breloer prägt mit »Speer und Er« und die »Akte Speer« Anfang dieses Jahrtausends das neue, realistische Speerbild mit. Der stellvertretende Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, dessen neue Speer-Biografie gerade durch die Medien geht, ist nicht nur mit einer Hörstation vertreten. Er schrieb auch die Einleitung des gelungenen Kataloges. Leider ist die zeitgenössische Kritik von links an Speer – abgesehen von einem Leserbrief Jean Amérys – nicht vertreten.              

 

Peter Bräunlein

 

»Albert Speer in der Bundesrepublik«, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Bayernstraße 110, Nürnberg. Bis 26. November. Der gleichnamige Katalog ist im Michael Imhof Verlag, Petersberg erschienen (88 Seiten, 9,80 €).

 

 

 

Elitäres

Eliten sind es, die uns führen

mit scharfem und mit klarem Blick

und deren Einfluss alle spüren

in Wirtschaft und in Politik.

Elite ist im Osten wie im Westen

eine Vereinigung der Besten.

Nicht jeder hat mit ihnen was am Hute.

Unter den Besten sind zu wenig Gute.

 

Günter Krone

 

 

 

Elite

Befragt, was im heutigen Polen unter »Elite« zu verstehen sei, antworteten 50 Prozent der Teilnehmer einer repräsentativen Befragung der Zeitschrift Polityka: »Zur Elite gehören reiche und einflussreiche Leute«, gehören des Weiteren, jedoch für deutlich weniger Befragte, »Leute, ihrer intellektuellen Fähigkeiten, ihrer beruflichen Kompetenzen und ihrer moralischen Haltung wegen« (20 Prozent). Knapp ebenso viele (19 Prozent) waren der Auffassung, dass der Elite Leute angehören, »die im Verlauf der Transformationsprozesse ein Vermögen erworben haben und die ihre Positionen für ihre ureigenen Interessen ausnutzen« (alle Übers. G. K.).

 

Da verwundert es nicht, wenn 78 Prozent der Befragten der Ansicht waren dass zur Elite »die Reichsten« im Land gehören. Knapp zwei Drittel der Befragten (59 Prozent) beurteilen die Qualitäten der »politischen Elite« als »schlecht«, die Aufstiegsmöglichkeiten zur Elite bewerten 61 Prozent derzeit als schwierig. Entscheidend dafür sei es, »begütert zu sein« sowie die richtigen »Beziehungen« und »Bekanntschaften« zu haben.

 

62 Prozent legen für sich selbst und für ihre Kinder keinen Wert darauf, zur Elite zu gehören.                 

     

Gerd Kaiser

 

Nach Tabellen der Wochenzeitschrift Polityka, Warszawa, Tygodnik, Heft 27, 5.-11.7.2017, S. 20 bis 22)

 

 

 

Kalter Krieg und kein Ende?

Man schreibt den 13. August 2017, die Mauer ist seit fast 27 Jahren verschwunden und mit ihr die DDR, doch der Kalte Krieg wird weitergeführt, als ob es die DDR und die anderen sozialistischen Staaten Europas noch gäbe.

 

So lese ich in meiner sozialistischen Tageszeitung, dem neuen deutschland, unter dem historischen Datum, dass die Bundeskanzlerin an ihrem ersten Arbeitstag nach ihrem Urlaub den ehemaligen »Stasi-Knast« in Hohenschönhausen besucht habe, der jetzt für einige Millionen Euro zum Museum umgebaut werden soll. Dabei wird unter anderem berichtet, dass in diesem »Knast« »oft physisch und psychisch gefoltert« worden sei. Woher der Verfasser dieses Artikels, Nicolas Šustr, das weiß, wird nicht geschrieben. Das weiß doch jeder! Ja, das liest, sieht und hört man öfter. Es stimmt aber nicht, es ist eine Lüge. Es gibt keine einzige gerichtliche Verurteilung wegen Folter, das kann jeder beim ehemaligen Generalstaatsanwalt Schaefgen in der Neuen Justiz, 2000, Heft 1, S. 1 und bei den Professoren Marxen und Werle in ihrem Buch »Die strafrechtliche Aufarbeitung von DDR-Unrecht. Eine Bilanz«, erschienen in dem renommierten juristischen Verlag de Gruyter, nachlesen. Dennoch gibt es selbst in Kriminalfilmen, die in der DDR spielen, derartige Behauptungen. So geht es unmerklich in das Bild ein, das der Medienkonsument von der DDR hat. Der Kalte Krieg geht weiter.

 

Selbst wissenschaftliche juristische Werke wie das 813 Seiten starke Werk von Christian Booß »Im goldenen Käfig« setzen diese politische Kriegführung gegen einen Verstorbenen fort. Es ist seine Doktorarbeit. Zur Klarstellung wird noch mitgeteilt, dass das Werk in der Reihe: »Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« erschienen ist. Selbst in dem Namen dieser Institution wird psychologischer Krieg geführt. »Ehemalig« wird hier wie überall sonst die DDR genannt, obgleich das unsinnig ist, weil es keine gegenwärtige DDR gibt. Ehemalig soll beschwörend unterstreichen, die DDR gibt es nicht mehr.

 

Der Autor war, das muss man zugeben, fleißig. Dennoch ist das Buch wissenschaftlich eine glatte Fehlleistung. Es lässt bei der Schilderung der politischen Prozesse völlig außer Acht, dass sie Geschehnisse im Kalten Krieg waren.

 

Bei Kriegen wird gewöhnlich gefragt: Wer hat angefangen? Der Aggressor ist verfemt. Nicht so hier. Doch es weiß eigentlich jeder: Am Anfang stand die Truman-Doktrin vom 12. März 1947. Der Name stammt von dem US-Amerikaner Walter Lippmann. Kriegsziel war, die Staaten des Warschauer Paktes zurückzudrängen, anders gesagt, das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs zu korrigieren. Die kapitalistischen Westmächte waren die Angreifer, die DDR stand auf Seiten der Verteidiger. Das muss hier wie bei jedem anderen Krieg berücksichtigt werden, das heißt, der Angreifer ist zu verurteilen, nicht der Verteidiger.

 

Die DDR verteidigte sich und den Sozialismus. Hinter ihr stand die UdSSR, hinter der BRD standen die USA. Die DDR war schwächer als die BRD, ihre Existenz war bedroht, ihr Schicksal beweist das. Die BRD wurde von niemand bedroht. Diese Situation wirkte sich auch auf die strafrechtlichen Sanktionen aus, welche die DDR zum Erhalt ihrer Existenz traf.

 

Und was den »Stasi-Knast« anbelangt, Stammheim war wohl auch nicht ohne, ein Besuch würde lohnen. Todesfälle wie dort gab es bei der »Stasi« nicht, aber rechtsstaatlich waren eben diese Todesfälle und nicht der »Knast« in Hohenschönhausen. Da muss die Kanzlerin Stammheim nicht besuchen. Der Kalte Krieg ist jetzt zum Kalten Bürgerkrieg geworden.   

                        

Friedrich Wolff

 

 

 

Hommage

Die Stadtschreiberin zu Rheinsberg verabschiedete sich mit einer Hommage an Else Weil/Claire Pimbusch. »Sechs Möglichkeiten, Frau Gambetta zu bleiben« – der Titel klingt seltsam, aber Kenner von »Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte« erinnern sich vielleicht, dass Claire und Wölfchen als »Ehepaar Gambetta« Im Hotel abstiegen. Diese »Frau Gambetta«, die (vorfristige) Ehefrau und sprachspielerische Geliebte, soll erhalten bleiben. Keine angestrengt ihren Lebensunterhalt als Ärztin verdienende, keine geschiedene Frau Tucholsky, und vor allem keine in Auschwitz umgebrachte Else Weil soll aus ihr werden: Die Zeit soll sich im Jahr 1911 anders verknoten, andere Möglichkeiten anbieten, ein vielversprechendes Leben zu gestalten. Das ist der atemberaubende Inhalt der 16 Seiten im Rheinsberger Bogen Nr. 45, die Kathrin Schmidt ihrem Gastgeber für fünf Monate, der Stadt Rheinsberg, zurücklässt.

 

Sie las sie vor am Abend ihres Abschieds, dem 27. Juni, im Literaturmuseum Kurt Tucholsky. Nein, mit Tucholsky habe sie sich vorher nicht beschäftigt, antwortete sie auf eine Frage aus dem Publikum, das gebannt gelauscht hatte. Ob junge Leute diesen Text mit seinen vielen Anspielungen verstehen könnten? Oh, sie könne sich das gut vorstellen, die jungen Leute seien oft belesen genug, meinte die Autorin, aber sie habe nicht für ein Publikum geschrieben, sondern die Texte aufgeschrieben, wie sie ihr kamen. Ob das einen Teil des Reizes ausmachte, weiterzuhören und zu lesen? Jedenfalls hat mir dieser Abend eine neue Lieblingsschriftstellerin beschert: Kathrin Schmidt, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2009 und des Preises des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

 

Jetzt lasse ich mich von ihren Erzählungen in den Band »Finito. Schwamm drüber« hineinziehen. »Nach der Lektüre«, hieß es im Deutschlandradio, »bleibt der Eindruck, als hätte man mehrere Romane gelesen.« Ich bin erst bei der dritten Erzählung, aber schon jetzt kann auch ich mich dieses Eindrucks nicht erwehren.     

                   

Jane Zahn

 

Kathrin Schmidt: »Rheinsberger Bogen 45: Sechs Möglichkeiten, Frau Gambetta zu bleiben«, Literaturmuseum Kurt Tucholsky, Rheinsberg

 

Kathrin Schmidt: »Finito. Schwamm drüber«, Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 17,95 €, bei btb  für 8,99 €

 

 

 

Zuschrift an die Lokalpresse

Da denkste, die Lebensmittelschkandale sind nu endlich mal ausgestanden seit die Sache mit die Vogeljrippe und mit den varückten Rindern, aba weit jefehlt! Jetzt wabert die Sache mit den vajifteten Eiern durch die Lande, die Zeitungen und übern Bildschirm. Mit Fipronil – da hatte ick früher noch nie wat von jehört – beschbrühte Hühner lejen zwar saubere ovale Eier, aba die sind jleichzeitich jut jejen Läuse, Flöhe und Milben und jefährden det Wohlbefinden von unsre Bundesbürjer, besonders unsrer Kinder. Und deshalb werden die Lejeprodukte, die sich die belgischen Hennen für ihre Nachbarn mühevoll aus‘m Hinterteil jequält ha`m, zu Mülljohn in die öffentlichen Abfalltonn‘ jemanscht.

 

Da frage ick mir doch, muss denn det so sein, wo doch in Afrika und anderswo die Kinder nich jenuch zwischen de Kiemen kriejen und zwischen Dreck und Unjeziefer kampier‘n. Wenn wir denen die ausrangschierten Eier und Eierkuchen schbendier‘n, tun wir wat jejen den Welthunger und jleichzeitich mit dem Sprühzeuchs wat für de Welthygjene und schlaren jewissermaßen zwee Fliejen janz ohne Klappe.

 

Nu is selbstverständlich klar, dass der Transport ooch wat kostet, aber zwischen Afrika und Europa jibts ja so‘ne Art Linienverkehr übert Mittelmeer, und wenn die Boote die Flüchtlinge so oder so losjeworden sind, müssen die doch leer wieder zurück. Dann könn‘ die ja gleich auf die Rücktour die Eier mitnehm‘, und allen is jeholfen. Da müssen die Behörden nur noch druff achten, dass die Schlepper nich versenkt wer‘n, sonst hätten nur die Fische und der Neptun wat von dem Eiersalat, aber selbst det wär‘ ja immer noch besser als Plastetüten! – Bruni Damelack (56), Logistikerin, 19300 Hühnerland

 

Wolfgang Helfritsch