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Titel1709

Bemerkungen
Bekennen statt denken
Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, hat die Öffentlichkeit aufgefordert, sie solle sich »zum Krieg bekennen«.

Bekenntnisse sind etwas Religiöses oder Weltanschauliches. Man bekennt zum Beispiel den Glauben an etwas Letztgültiges, Immerwahres, Ewigwährendes, Unhinterfragbares. An solchen Vorgaben zu zweifeln und das Bekenntnis zu verweigern, gilt zumindest als ungehörig.

Mit dem abverlangten Bekenntnis zum Krieg, sogar zu dem verfassungs- und völkerrechtswidrigen Krieg in Afghanistan, möchte der Wehrbeauftragte über die den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ablehnende, weit überwiegende Bevölkerungsmehrheit eine Art Denkverbot verhängen.

Aber selbst die großen Religionen beschränken die Reichweite eines Glaubensbekenntnisses auf Elementares. Darüber, was das Glaubensbekenntnis dem Gläubigen im einzelnen abverlangt, darf gestritten werden.

Entsprechendes gilt für die Prinzipien des Grundgesetzes. Unsere Politiker und leider auch das Bundesverfassungsgericht (zuletzt in seiner Entscheidung vom 31.7.2009) haben es allerdings verstanden, sogar einige elementare Grundrechte zu relativieren. Man denke nur an das Asylrecht und an das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung.

Eine Verpflichtung zur Kriegführung kennt das Grundgesetz nicht. Ein Bekenntnis zum Krieg wäre nichts wesentlich anderes als das, was hiesige Kriegspropaganda der Gegenseite in Afghanistan unterstellt: Bereitschaft zum »Heiligen Krieg«.

Den verstärkten Truppeneinsatz in Afghanistan begründen Politiker und dienstwillige Kommandeure auch mit der Parole, die Bundeswehr müsse »zeigen, daß sie kämpfen kann«. Gibt es bei einer solchen Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Fortsetzung des Afghanistankrieges einen logischen Unterschied zu den Terroristen in Nordirland, die angesichts der jahrelang bestätigten Aussichtslosigkeit ihres Tuns die Attentate nur noch als Existenzbeweis begreifen?

Ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit, besonders gegen Gewaltanwendung in internationalen Konflikten, hat der heutige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe übrigens selbst abgelegt, als er sich einstmals als Kriegsdienstverweigerer anerkennen ließ.
Helmut Kramer


Wie der Wissensstand wächst
Je näher der Tag rückt, der unter anderem mit der Bezeichnung Mauerfalljubiläum gefeiert werden soll, und je unbefriedigter die Zwischenbilanzen ausfallen, mit denen die Demoskopen die Annahme oder Verweigerung der als die einzig wahre Geschichte der DDR angebotenen Schreckensszenarien erfassen, desto abenteuerlicher werden die Unternehmungen, die helfen sollen, die Schlußrechnung noch zu verbessern. Eine davon geht auf einen Geschichtslehrer im Otto-Hahn-Gymnasium im baden-württembergischen Ostfildern zurück, einer Stadt unfern der Landesmetropole. Der Mann beschloß, den Schülern einer 10. Klasse eine Vorstellung davon, was der ostdeutsche Staat war, in Form eines »haptischen Erlebnisses« nahezubringen. Er regte sie an, in der Aula der Anstalt eine »Mauer« zu bauen, die jene symbolisieren sollte, die am 9. November 1989 ihre Funktion verlor. Das geschah. Nun konnten, wie die Stuttgarter Zeitung zu berichten weiß, sich nicht nur die Erbauer, sondern auch die Schüler anderer Klassen in den Pausen im Todesstreifen »drängeln« und ihre Geschichtskenntnisse anhand der dort zu lesenden Plakate und Sprüche aufbessern.

Der berichtende Journalist beließ es nicht bei der bloßen Inspektion des Pappgebildes. Er befragte Schüler: »Versteht Ihr jetzt besser, wie das Leben mit der Mauer war?« Von allen Antworten, die er erhielt, muß ihm die des Knaben Jakub am besten gefallen haben, weshalb er mit ihr die Reihe der Zitate eröffnet: »Das war fast wie im Gefängnis. Im Westen Wohlstand, in der DDR Armut.« Der Journalist ist zufrieden. Ihm scheint – so sein Generalbefund – der »Wissensstand gewachsen zu sein«.
Kurt Pätzold


West-Ost-Blick auf den Mauerbau

Im Supergedenkjahr 2009 gibt es Bücher en masse über die Mauer (s. Ossietzky 6/09). Nun ist ein weiteres dazugekommen, bestehend aus mehreren »Texten zur Sache« und mit einem Titel, der auf den ersten Blick vermuten läßt, es handle sich um die Rückschau eines Mitgliedes des Politbüros des ZK der KPdSU oder der SED respektive von Arbeitern, die an der Errichtung des Bauwerkes mit Baggern, Kränen und Betonmischern beteiligt waren. Doch der erste Blick auf das Buch »Als wir die Mauer bauten« trügt. Schon der Untertitel »Ein selbstkritischer Westblick auf die ehemalige DDR« verrät es und noch mehr der Name des Autors: Hans Krieger, bekannter Lyriker und namhafter Journalist, der unter anderem für Die Zeit und Die Weltbühne schrieb, viele Jahre das Feuilleton der Bayerischen Staatszeitung leitete und neuerdings bei Ossietzky mitarbeitet.

Geschrieben ist der Haupttext des Buches in der Form eines fiktiven Gespräches zwischen einem lebenserfahrenen Großvater und seinem wißbegierigen Enkel über den untergegangenen ostdeutschen Staat. Die lebhafte Unterhaltung ohne Tabus enthält nicht nur für den Enkel und seine Altersgenossen, sondern auch für Leser älterer Generationen viel Wissens- und Nachdenkenswertes.

Ausgangspunkt ist der Mauerbau, den der Autor angesichts der zu Beginn der 1960er Jahre entstandenen Situation als »einfach absolut unvermeidlich« bezeichnet. Diese Einschätzung mag manchen Zeitgenossen schockieren, doch wer die Argumentation des Autors vorurteilsfrei liest, dürfte es schwer haben, ihm zu widersprechen. Er ordnet den Mauerbau, an dem der Westen tatkräftig mitwirkt habe, fakten- und argumentationsreich in die weltpolitischen Auseinandersetzungen nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verlauf des Kalten Krieges ein.

Als Berufsbezeichnung gibt Hans Krieger auf seiner Visitenkarte »Satzbauer« an. Tatsächlich baut er solide, einprägsame Sätze, so auch einen, der der verbreiteten These, der Kalte Krieg habe 1946 mit der bekannten Rede Winston Churchills in Fulton begonnen, zu Recht widerspricht. Er konstatiert: »Der Abwurf der Atombomben (auf Hiroshima und Nagasaki) war der Auftakt zum Kalten Krieg, der dann 44 Jahre gedauert hat und in manchen Köpfen immer noch nicht zu Ende ist.«

Krieger spricht in seiner Betrachtung vom »Westblick«. In Bezug auf den Autor stimmt die Blickrichtung. Aber die Betrachtungsweise ist eine west- und ost-, eine gesamtdeutsche und ein Plädoyer für eine objektive Beurteilung der DDR, ohne Verklärung und ohne Verdammung. Das Buch ist rechtzeitig vor dem Jubeljubiläum, dem 20. Jahrestag der Maueröffnung, erschienen. Aber auch in der nachfolgenden Gedenkzeit, vom Mauerfall bis zu dessen fataler Folge, dem Anschluß, wird es interessierte Leser finden.
Ralph Hartmann

Hans Krieger: »Als wir die Mauer bauten«, edition bodoni, 112 Seiten, 11,80 €



Marina Achenbach zeigt uns was
Soll ich dieses Buch als Beitrag zum Thema 20 Jahre deutsche Einheit empfehlen? Ich fürchte, damit würde ich die Leser, die ich ihm wünsche, eher abschrecken, nachdem in diesem Jahr schon so viele Bücher zu diesem Thema erschienen sind. »Echoraum«, das neue Buch der Freitag-Redakteurin Marina Achenbach (der Titel ist das Einzige daran, was mir nicht einleuchtet), handelt zwar von den Jahren 1989 bis 2009, ohne aber den Blick auf diese Zeitspanne und auf Deutschland zu verengen. Von nationalistischem Jubel über die Einheit keine Spur. Die Autorin interessiert sich für einzelne Menschen mit ganz verschiedenen Biographien und für deren Reaktionen auf die historischen Umbrüche. Sie läßt evangelische Christen zu Wort kommen, die sich, als die DDR noch bestand, eine andere, bessere DDR wünschten, in der »Antifaschismus als Grundhaltung« und »die Freundschaftsfähigkeit« erhalten bleiben müßten. Im März 1990 zitiert sie aus einer Runde ostdeutscher Frauen: »Warum übergeben wir uns so bedingungslos? Können wir nicht Bedingungen stellen? Unser Land ist keine Wüste. Wir machen uns zu klein. Niemand wird die Bescheidenheit honorieren, niemand wird uns schonen.« Wie eine Antwort darauf klingt es, wenn Lothar de Maizière (CDU), der letzte Ministerpräsident der DDR, 15 Jahre später im Gespräch mit Marina Achenbach die deutsche Einheit trocken als »Abfallprodukt des Untergangs eines Weltreiches« bezeichnet. Die Herren aus dem Westen wollten den totalen Sieg, da durfte von der DDR nichts übrig bleiben, auch de Maiziere mußte abserviert werden. Wie er berichtet, hatte die Bonner CDU-Spitze auf Anfrage des Spiegel »nichts dagegen«, daß haltlose Stasi-Verdächtigungen gegen ihn verbreitet wurden.

Marina Achenbach erzählt mit Sympathie von Menschen, die sich nicht besinnungslos den jeweiligen Machthabern anschließen, auch nicht gleich resignieren, wenn die Geschichte anders verläuft als gewünscht, und sich nur noch dem Konsum hingeben, sondern die über das, was mit ihnen geschieht, nachdenken und sich unter wechselnden Machtverhältnissen um menschenwürdige, menschenfreundliche Zustände bemühen. Zum Beispiel von einem angesehenen Paar im niederrheinischen Hünxe, das ein kosovo-albanisches Kind adoptiert und dadurch in eine Außenseiterrolle gerät.

Das Grundmotiv aller in diesem Buch versammelten Texte ist der beharrliche Versuch, abfälliges Reden über »sie«, über »die«, über die vermeintlich ganz anderen abzuwehren: über die Wessis, die Ossis, die Russen, die Roma, die Muslime, die Punks. Die Autorin traut sich sogar, einen ehemaligen Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zu Wort kommen zu lassen, der einige durchaus plausible Erfahrungen und Überlegungen beizusteuern hat. Und so ist ihr ein Buch gegen alle Vorurteile, gegen alle Feindbilder gelungen – nicht belehrend, sondern erzählend. Wie eine gute Freundin nimmt sie den Leser an die Hand: »Ich zeig dir was.«

Diese Erzählerin, die – ich kann das beurteilen, weil mir viele ihrer Gegenstände vertraut sind – immer bei der von ihr einfühlsam und gewissenhaft erkundeten Realität bleibt, überzeugt zudem durch ihre ruhige, schöne Sprache, die auch in poetischen Bildern, zum Beispiel Landschaftsschilderungen, nie überhöht wirkt und immer verständlich bleibt.

Habe ich das Buch hinreichend empfohlen? Hinzugefügt sei noch dies: Marina Achenbach, die ihren Platz immer in der Friedensbewegung hatte, läßt nicht unerwähnt, daß – als nach dem »Untergang eines Weltreiches« neue imperialistische Kriege begannen, zuerst 1991 gegen den Irak – auch manche ihrer Kollegen in der Redaktion des Freitag den Krieg befürworteten. Solche Offenheit ist selten.
Eckart Spoo

Marina Achenbach: »Echoraum«, Edition Der Freitag, 250 Seiten, 19.80 €


Was wird in 50 Jahren sein?

Die leitenden Herren der Deutschen Bundesbank wissen Bescheid – auch über die Zukunft. Sie haben keine Scheu, schon heute zu sagen, daß es in genau 51 Jahren frühestens mit 69 Jahren Rente geben wird. Das sei, so verkündeten sie kürzlich, eine Folge des »Bevölkerungsaufbaus«. Sie zeigen sich fest überzeugt, daß ihre Weissagungskraft so weit reicht. Ernsthafte Wissenschaftler warnen eindringlich davor. Aber das hindert interessierte Gruppen, Parteien, staatliche Institutionen und Privatunternehmen wie beispielsweise die Versicherungswirtschaft nicht, solche Zahlen zu verkünden und sie als wissenschaftlich fundiert darzustellen. Gutbezahlte neoliberale Professoren helfen ihnen dabei.

Als Musterexemplar sei der an der Freiburger Universität lehrende Wirtschaftsprofessor Bernd Raffelhüschen genannt. Nur wenige Stunden nach der Bundesbank meldete er sich mit der Empfehlung zu Wort: »Wir müssen darüber diskutieren, ob wir dauerhaft eine Regelbindung in die Rentenformel einführen, die die Veränderung der durchschnittlichen Lebenserwartung auf das Renteneintrittsalter umrechnet« – und prompt verbreiteten die Konzernmedien seine Äußerungen, als wären sie der wissenschaftliche Nachweis für die Richtigkeit der Weissagungen der Bundesbank.

Raffelhüschens Arbeit beschränkt sich eben nicht auf seine Lehrtätigkeit, er hat wohldotierte Nebenjobs. So ist er Aufsichtsrat beim Versicherungskonzern Ergo, mit 16 Milliarden Euro Beitragsaufkommen und 15 Millionen Kunden die Nr. 2 in der BRD. Angeschlossen sind beispielsweise die Hamburg-Mannheimer, Victoria, Deutsche Krankenversicherung. Ergo bezeichnet sich selbst als »Schwergewicht im dynamischen Markt der betrieblichen Altersversorgung«. Der Freiburger Professor erledigt Auftragsarbeiten für diesen Konzern und ist auch wissenschaftlicher Berater der Deutschen Versicherungswirtschaft, Mitglied im Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Kein Wunder, daß er vehement dafür kämpft, Alters- und Krankenversicherungen zu privatisieren, staatliche Umlageverfahren in eine Nebenrolle zu drängen und das Rentenalter anzuheben.

Kein Wunder auch, daß er es war, dem das Deutsche Institut für Altersvorsorge den Auftrag erteilte, die Folgen der aktuellen Krise für Sparer und Rentner zu untersuchen. Statistisch betrachtet hat jeder Deutsche bis heute durch die Pleite des Kasinokapitalismus 1700 Euro eingebüßt. Aber die Mehrheit glaube, es sei mindestens viermal so viel, fand Raffelhüschen heraus. »Es ist eine massive Überschätzung da«, wundert sich Raffelhüschen über die Klagen von Kurzarbeitern, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern. Denn weitaus höhere Verluste als sie hätten die Haushalte mit hohem Geldvermögen hinnehmen müssen, die sich in Aktien, Fonds und Zertifikaten engagiert hatten. Die Rentner dagegen hätten nur in seltenen Fällen ihr Erspartes verloren.

Ja, die heutigen Rentner leben nicht in der Gefahr, bei einer Finanzkrise ihre Alterssicherung zu verlieren. Denn unser staatliches Rentensystem, das vor weiteren Angriffen bewahrt werden muß, beruht im Gegensatz zu den Privatversicherungen nicht auf dem Kapitalmarkt, ist also nicht von ihm abhängig. Aber das sagt Raffelhüschen nicht, und darüber schweigen auch seine akademischen Kollegen Hans-Werner Sinn, Michael Diekmann, Bert Rürup und wie sie alle heißen.
Werner René Schwab


Klagenfurt
Der österreichische Autor Josef Winkler, Büchner-Preisträger 2008, ist vor allem poetischer Prosaist. Auch wenn seine Themen die Politik und die Politiker sind. Mit seiner »Klagenfurter Rede zur Literatur« ist Winkler auf die Barrikadekanzel gestiegen. Nach knapp vier Wochen wurde die Rede als Sonderdruck der edition suhrkamp veröffentlicht. Auch so sorgt sich der Noch-Frankfurter Verlag um den Autor, um die Literatur, um die Öffentlichkeit. Winklers Rede gehört allen, die Winkler sowieso mögen, und allen, denen die Vermittlungen des Feuilletons zu dürftig sind. Die Rede gehört allen, die die Literatur lieben.

Josef Winkler ist kein dreinschlagender Polemiker, eher ein poetischer Pamphletist. Die Rede ist »Der Katzensilberkranz in der Henselstraße« überschrieben. Die Henselstraße in Klagenfurt ist die Straße, in der Ingeborg Bachmann aufwuchs. Die Straße, die Stadt sind dem Nun-Auch-Klagenfurter Winkler vertraut. So vertraut, daß ihm keiner mehr ein X für ein U vormachen kann im schönen Kärnten. Im schönen Klagenfurt, das alljährlich im Juni zur »deutschsprachigen Literatur-Hauptstadt« mutiert, wie sich der Redner als Beteiligter des Betriebes gut begründet mokiert. So ist er gefeit gegen den simplen Vorwurf, ein Nestbeschmutzer zu sein. Das von den Medien gerühmte Klagenfurt mit einhunderttausend Einwohnern ist eine Stadt ohne Stadtbibliothek. Wer wußte das? Ingeborg Bachmann wußte, was sie an der Stadt ihrer Jugend hat. Richtiger: nicht hatte. Winkler zitiert wieder und wieder die Dichterin, deren besinnliche, sinnige, beziehungsreiche Erinnerungsworte alles andere als Lobeshymnen sind. Wie auch Winklers Worte nicht dazu einladen, sich auf eine schöne Parkbank in einem schönen Park im schönen Klagenfurt zur besinnlichen Betrachtung niederzulassen. Wenn auch zunächst dieser Anschein erweckt wird. Nach Winkler-Art! Seite um Seite wird jeglicher schöne Schein zerstört. Engagiert weist er auf Zerstörungen der gesellschaftlichen Kultur hin. Die Zerstörer haben ihre Namen, die jeder kennt, die der Redner nicht in den Mund nimmt. »Größenwahnsinnig« nennt der Autor die alles verheerenden Amtsbrüder in den politischen Ämtern, die uns alle verwalten. Winkler ruft nicht nur Ingeborg Bachmann an seine Seite. Der Rheinländer Heinrich Böll wird eingereiht, der sagte: »... es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden.«
Bernd Heimberger

Josef Winkler: »Der Katzensilberkranz in der Henselstraße. Klagenfurter Rede zur Literatur«, Suhrkamp Verlag, Sonderdruck edition suhrkamp., 34 S, 5 €


Press-Kohl
Fühlt man sich nicht ganz wohl, so greife man rasch zum Phytosterol! Für diesen Rat danke ich dem Freund und Kollegen Joachim Bennewitz. Der hat ihn einem der zahllosen Rundschreiben entnommen, mit denen auch er von dem ominösen »Dr. Reinhard Hittich« überschwemmt wird. Hittich nimmt jeden unter seinen Fittich und rät: »Nutzen Sie 2 Geheimnisse aus der Apotheke der Mutter Natur.« Der Versandpillendreher Hittich, als Mutter Natur verkleidet, empfiehlt »Geheimnis Nr. 1: Phytosterol aus den natürlichen Sterolen der Palmfrüchte. Verwechseln Sie das bitte nicht mit den pulverisierten Angeboten aus der Sägepalme!« Sowas wäre nicht mal dem Sägepalmen-Forscher Kuttel Dattel-Du passiert. Der hätte keine Sekunde lang ein Angebot aus der Sägepalme für einen Liebesbrief seiner ausgebooteten Angebetenen gehalten!

»Nr. 2: Das rote Wunder Lycopin. Von Dr. Hittich bekommen Sie kein isoliertes Lycopin, sondern die ganze Palette der Natur. Mit Lycopin, Phytoen und Phytofluen.« Die ganze Lycopin-Palette der Natur enthält also sogar auch Lycopin. O Wunder der Pharmazeutik! »Je älter Sie werden, desto mehr Lycopin fehlt Ihrem Körper.« Hittich könnte es gehortet haben, als er Dresdens berühmte Brücke, das Blaue Wunder, durch Rostschutz-Anstrich zum Roten Wunder machen wollte. Damals hatte er Lycopin für Mennige gehalten. Und uns scheint Dr. Hittich alle für solche Idioten zu halten wie, beispielsweise, Dr. Hittich.
*
Nach dem Ableben des bewunderten und berühmten Schauspielers Traugott Buhre fiel den leitenden Nekrologikern der Berliner Zeitung die hintergründige Schlagzeile »Der dämonische Kobold« ein. In dem darunter befindlichen Text entschleierte Doris Meierhenrich einige Geheimnisse der Schauspielkunst. Der neunzehnjährige Buhre saß »eines Nachkriegsabends in der provisorischen Spielstätte des Hamburger Schauspielhauses und sah dort den eleganten Will Quadflieg über die Bühne spazieren.« Das Spazieren, besonders das Spazieren über die Bühne, will auch gelernt sein, vermuten wir Laien. Nicht so Traugott Buhre, weiß Frau Meierhenrich, der offenbar auch eines Nachkriegsabends in der provisorischen Spielstätte des Hamburger Schauspielhauses anwesend war und alles genau beobachten konnte: »Er saß da, der gut genährte große Junge, massig und mit viel zu enger Jacke, sah hinauf zum Spiel und dachte: Ach, ich weiß nicht, das könnte ich auch! – Diese kleine Szene verrät bereits viel von den Seltsamkeiten eines stämmigen, stillen Jungen in der Fremde, der später seine verschmitzt in sich ruhende Bühnenpräsenz prägte.« Obwohl ihm damals die Jacke noch gar nicht oder nicht mehr paßte! Nun war Traugott Buhre – Ehre seinem Andenken und Friede seiner Asche – allerdings, wie man am 27. Juli 2009 lesen konnte, vieles schon in die Wiege gelegt worden: zum Beispiel »sein bewegungsloser Körper, der durch die glasklare, lebhafte Stimme, die aus ihm sprach, doch immer durchsichtige Beweglichkeit vermittelte.« Schauspieler müßte man sein. Die Stimme spricht nämlich aus dem Mimen ganz einfach so heraus – wie zumindest Doris M. annimmt.
Felix Mantel