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Titel1710

Kaspar Hauser  ( Edmund Schulz)

Sie geistert durch das Netz, die »Verkehrte Welt« des Kaspar Hauser mit den Illustrationen von Karl Holtz. In fast jeder Tucholsky-Bibliographie im Internet wird sie vermerkt – nur zu Gesicht war sie nicht zu bekommen, niemand konnte den Text lesen noch die Zeichnungen betrachten. Denn landauf, landab besitzt keine Bibliothek das 1922 im Leipziger KPD-Verlag »Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten« (VIVA) erschienene, gerade mal 20 Seiten starke Heft. Selbst in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig – für Generationen von Wissenschaftlern und Literaturfreunden »die DB«, die Deutsche Bücherei, der nachgesagt wird, daß sie über alles verfüge, was seit 1913 in deutschen Landen gedruckt worden ist – existiert kein Exemplar.

Ein verschollenes Werk? Nicht mehr. Der unermüdliche Sucher und Sammler Wolfgang U. Schütte hat nun doch noch ein Original entdeckt: in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Und mit Hilfe des Verlegers Peter Hinke hat er die kleine Kostbarkeit, versehen mit einem sachkundigen Kommentar über den Dichter und seinen Illustrator, zum Druck gebracht.

Im Bänkelsänger-Ton schildert Kaspar Hauser die »verkehrte Welt« des Kapitalismus, zum Beispiel die Schule: »Da werden gestutzt der Seele Flügel / Das Herz wird gelegt in Zaum und Zügel / Die Vernunft wird getötet, der Stolz gebückt / Die Kindersehnsucht in den Staub gedrückt.« Über die mit Kriegsorden und Hakenkreuzen gezeichneten Lehrer liest man: »Nur die kommen an diese Schule hin / Die lehren nach der Herren Sinn / Die die verkehrte Welt unterstützen / Und die Kirche und den Geldsack schützen. / Wer die Wahrheit genial verdreht / Lehrt gar auf der Universität.« Wissenschaft, Justiz, Kirche, alle bekommen ihr Teil. »Die Pfaffen beteten im grausigsten Krieg / Zu Gott um Massenmord und Sieg / Und weihten die Fahnen und großen Kanonen / Und flehten zu Gott, keinen Feind zu verschonen. / Vier Jahre lang in der verkehrten Welt /Hat die Hyäne des Krieges gebellt / Hat Menschen gefressen, zwölf Millionen / Und tat nicht Frauen und Kinder verschonen / Die ganze Erde schwamm in Blut / Doch die reichen Leute hatten es gut / Sie saßen sicher und weit vom Schuß / Und schwelgten in Macht und Überfluß.« So, mahnt Kaspar Hauser, wird es weitergehen, bis das Volk ruft: »Es ist genug« und die verkehrte Welt richtig auf die Füße stellt.

Doch kaum war vor einigen Wochen die seit ewigen Zeiten vermißte »Verkehrte Welt« im Buchhandel, kam bezüglich des Autors Widerspruch. Hier sei ein zweiter Kaspar Hauser am Werk gewesen, heißt es, ein Mann namens Jörg Mager (1880–1939). Der Lehrer und Musiker habe sich 1922 als Gelegenheitsautor noch mehrmals des Pseudonyms Kaspar Hauser bedient, so für Puppenspiele des proletarischen Kasperle-Theaters. Tucholsky publizierte bekanntlich unter mehreren Pseudonymen: Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und seit dem Ersten Weltkrieg eben auch Kaspar Hauser.

Sei es, wie es sei. Auch wenn sich Wolfgang U. Schütte mit der Zuordnung der Autorschaft – so wie viele vor ihm – geirrt haben sollte, bleibt es sein Verdienst, eine verloren gegangene publizistische Rarität nach 88 Jahren dem Literaturinteressierten wieder zugänglich gemacht zu haben. Ungeachtet der erwähnten Irritationen sollte diese – Tucholsky immerhin geistesverwandte – Publikation für Tucho-Verehrer und Freunde des Illustrators unerläßlich sein.

Eine Bemerkung noch zu Karl Holtz: In der Weimarer Republik publizierte er in vielen linken Zeitungen und Zeitschriften, zum Beispiel ebenso wie Tucholsky in der USPD-Illustrierten Freie Welt. Tucholsky schrieb über ihn in der Weltbühne: »Die Zeichnungen von Karl Holtz sind gut; es kann nicht jeder (George) Groß sein.« Holtz überlebte Faschismus und Krieg. Im Nachkriegsdeutschland arbeitete er unter anderem für den Ulenspiegel. Wegen einer Stalin-kritischen Karikatur im Schweizer Nebelspalter war er jahrelang im Zuchthaus Bautzen inhaftiert.

Kaspar Hauser (Kurt Tucholsky): »Die verkehrte Welt – in Knüttelversen dargestellt«, Illustrationen von Karl Holtz, neu herausgegeben und mit einer Nachbemerkung von Wolfgang U. Schütte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke, 32 Seiten, 12 €